Ich hatte mich auf dieses Buch sehr gefreut und bin jetzt ein wenig enttäuscht.
Worum geht es? Klar, um die Bounty und die Meuterei. Und um John Jacob Turnstile, eine erfundene Figur, der als Straßenjunge aufwächst und zum Zeitpunkt des Handlungsbeginns schon seit Jahren im Haus von Mr. Lewis lebt, der Jungen aufnimmt, die zuerst als Taschendiebe für ihn arbeiten und später als "Frischfleisch" für das Jungenbordell ausgenutzt werden, das er betreibt. Durch einen misslungenen Taschendiebstahl gerät Turnstile vor Gericht und muss entweder ein Jahr ins Gefängnis oder zur See fahren - und zwar mit der Bounty. Er ist dort allerdings eben nicht Schiffsjunge (einer der vielen Dinge, die mich wünschen ließen, ich könnte das Original lesen), sondern persönlicher Bedienter des Kapitäns, und als solcher kommt er diesem recht nah, steht damit auf einer merkwürdigen Position zwischen Offizieren und Besatzung und wird im Laufe der Reise und der dramatischen Ereignisse erwachsen.
Soweit zum Inhalt. Das Buch ist spannend und lässt sich gut runterlesen - wenn man über all die kleinen Logikbrüche, Übersetzungsfehler und schlecht recherchierten Details wegsehen kann jedenfalls, die sich darin recht fröhlich tummeln. Ich konnte das nur schlecht, und das hat mir die Lektüre ein wenig vergällt.
Der Autor nimmt sich teilweise doch einige Freiheiten mit der historischen Wahrheit heraus, verkürzt und verändert. Das ist an sich völlig in Ordnung, schließlich handelt es sich um einen Roman. Aber ich finde es (ganz besonders für ein Jugendbuch) doch wichtig und redlicher, wenn so etwas in einem Nachwort erwähnt wird. Wird es hier aber nicht.
Ganz zu schweigen von den kleinen Unachtsamkeiten wie denen, dass davon gesprochen wird, Walzer und Polka zu tanzen - im Jahr 1788 meines Wissens nichts, was man auf einem englischen Schiff in einer beiläufigen Bemerkung hingeworfen hätte, sondern wenn überhaupt schon bekannt etwas unerhört Neues und teilweise als geradezu anstößig empfunden. Oder der Ausruf Blighs: "Beim Barte des Propheten!" - ich lasse mich ja gern eines besseren belehren, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein guter und gebildeter Christ wie Bligh einen muslimischen Kraftspruch benutzen würde. Mag sein, dass das alles nur Halbwissen ist und es solche Dinge damals durchaus schon gab, und dass der Autor das dem Leser mitteilen wollte, aber naja - mich hat es aus der Geschichte gerissen, weil sie auf mich wie Fremdkörper wirkten.
Aber darüber hätte ich noch problemlos wohlwollend hinweggehen können, wenn nicht auch sonst offensichtlich schlampig und ohne Rücksicht auf Verluste und Logikbrüche aller Art geschrieben worden wäre. So wird an zwei Stellen vom Ich-Erzähler Turnstile über seine Herkunft berichtet und wie er in das Haus von Mr. Lewis geriet - und das sind zwei verschiedene Geschichten. Vielleicht möchte mir der Autor damit auf absolut subtile, hintergründige Art mitteilen, dass sein Ich-Erzähler nicht vertrauenswürdig, sondern ein Seemannsgarnspinner ist und ätsch bätsch, Bligh war doch der böse Tyrann und Christian der Held - aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Zumal das ja nicht die einzige Schludrigkeit ist. Unter anderem drückt sich z.B. Turnstile, der nur zwei Abenteuergeschichten über China gelesen haben will in seinem Leben, dafür von Anfang an ausgesprochen gewählt aus - "Ich bin in Kontemplation versunken". Klar. Und überhaupt, dass er lesen und schreiben kann - mir ist nicht klar, wozu Mr. Lewis seinen Lustknaben das hätte beibringen sollen.
Ansonsten bleibt der Junge ziemlich blass, ist eigentlich nur dazu da, die Handlung möglichst genau mitzubekommen, weshalb er auch ständig an Türen lauscht und "zufällig" mitten hineingerät. Das wirkt dann ab einer gewissen Menge etwas gewollt.
Die anderen Charaktere sind teilweise ziemlich flach, Christian ist ein intriganter Stutzer, Heywood ein gemeiner Mistkerl (wörtlich, Turnstile nennt ihn immer so), und das bleibt auch so.
Was mir recht gut gefallen hat, war allerdings die Darstellung Blighs, der zwar einerseits von Turnstile bewundert wird und sehr nett und klug und tapfer sein kann, andererseits aber auch an Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen leidet, die ihn auch ungerecht gegen seine Mannschaft werden lässt. Warum die Meuterei passiert, ist gut dargestellt - keiner ist in dem Sinne "Schuld", es war mehr der Moment und die Erinnerung an das "Paradies" in Otaheite/Tahiti.
Im Boot gab es dann ein paar sehr schnulzige Durchhaltegespräche, die nicht hätten sein müssen, außerdem wird der Steuermann Mr. Fryer auch wiederum sehr uneinheitlich dargestellt und hat zweimal so gut wie das gleiche Gespräch mit Turnstile, das aber seine Gründe, sich trotz seiner Querelen mit Bligh ins Boot zu begeben, unterschiedlich darstellt. Aber wie gesagt, solche Lapsi kannte man ja schon von Turnstiles Vergangenheit.
Das Ende hat mich dann noch mehr enttäuscht, weil es völlig unrealistisch war, aber dazu schreibe ich hier natürlich nicht mehr.
Und die Übersetzung ist, wie oben angedeutet, wirklich furchtbar. Niemand spricht im Deutschen vom "Erlöser", wenn er Gott oder Jesus meint. Das liest sich total absurd und passt einfach nicht, wenn da ständig von "Ich bat den Erlöser um Rettung" und "Der Erlöser will mich zu sich holen" geredet wird. Und warum man "Cutter" nicht mit "Kutter" übersetzt hat, begreife ich auch nicht. Ich musste dabei an Teppichmesser denken. ;-)
Und dann so Sätze wie dieser, die so wenig Sinn ergeben, dass ich den Übersetzer im Verdacht habe, einfach google translator benutzt zu haben: "... doch die Männer an Bord wirkten, als könnten sie einen umbringen, statt einem die Tageszeit zu bieten." Bitte was? Ich habe mir dann nach einer Weile zusammengereimt, dass da im Englischen wohl etwas wie "instead of bidding one a good time" oder so gestanden haben muss, und der Schlaumeier von Übersetzer hat das einfach wörtlich übertragen.
Insgesamt führte all das jedenfalls dazu, dass ich das ansonsten durchaus spannende Buch nicht wirklich genießen konnte. Ich denke, ich werde mir statt dessen in nächster Zeit lieber nochmal das Sachbuch von Caroline Alexander, "Die Bounty" antun. Da habe ich eine sehr schöne Hörbuchfassung von, die ist wenigstens realistisch und gut übersetzt. Und spannend ist das auch.