Leser-Rezension zu „In tiefer Finsternis” von John Connolly
am 8.10.2011
Nicht selten sind die Titel der deutschen Bücher schlecht gewählt, sehr oft sogar ein Griff ins Klo, der nichts mit dem Original zu tun hat. In diesem Fall hat man allerdings eine gute Entscheidung getroffen, denn John Connolly führt uns mit dem dritten Band der Charlie "Bird" Parker-Reihe erneut an Orte, wo tiefste Finsternis herrscht.
Während die Konkurrenz solch düstere Plots in erster Linie mit viel Blut, viel Gedärmen und viel billigem Sex unterfüttert, zeigt Connolly einmal mehr, welch erstklassiger Schreiberling er ist. Geschickt mischt er Thriller-, Schock- und Mystery-Elemente miteinander und bringt ein Werk auf Papier, das sowohl sprachlich als auch dramaturgisch zur ersten Liga zählt. Und wer nach dem fulminanten Vorgänger "Das dunkle Vermächtnis" dachte, der Autor könne diesen hohen Level nicht halten, sieht sich schon nach wenigen Seiten eines Besseren belehrt.
Nach dem gewaltsamen Zusammentreffen mit Caleb Kyle, wollte sich Charlie Parker, Ex-Cop und mittlerweile Privatdetektiv, ein wenig Ruhe gönnen. Ein paar Fälle in Sachen Wirtschaftskriminalität hier und da, ein wenig Fitnesstraining, die Einsamkeit in seinem Haus in Scarborough genießen. Doch irgendwie scheint das Böse den Weg zu ihm stets zu finden und er findet sich schon bald mit einem verzwickten Fall konfrontiert. Als man bei Waldarbeiten im Norden des Bundesstaates Maine ein Massengrab entdeckt, wird Parker von dem Millionär Jack Mercier angeheuert, um nicht etwa die Hintergründe der aufgefundenen Toten zu erklären, sondern weil seine alte Jugendfreundin Grace Peltier fast zeitgleich mit Auffinden des Grabes angeblich Selbstmord begangen hat. Der Vater der Toten glaubt dies nicht und bittet Charlie darum Nachforschungen anzustellen. "Was kann das schon schaden?"
"Bird" soll schon kurz darauf eine Antwort auf die Frage des sorgenvollen Vaters erhalten. Über die verschwundene Doktorarbeit von Grace, in welcher sie über das Verschwinden der Aroostook-Baptisten referiert, stößt er auf eine eigenartige Sekte, welche sich "Die Bruderschaft" nennt. Hier findet er verschlossene Türen für seine Fragen vor und wird "dezent" darauf hingewiesen, seine Ermittlungen einzustellen. Als die Drohungen zunehmen, der Mob aus Boston sich einschaltet und ein mysteriöser Killer namens "Golem" die Gegend unsicher macht, spielt Charlie wieder mal seine Trumpfkarte aus... Louis und Angel, das schwule Pärchen und die beste Unterstützung im Kugelhagel, eilt zur Hilfe, die der Privatdetektiv nun auch braucht, denn er hat nicht nur in ein Spinnennest gestochen, sondern gleichzeitig sich und seine Freunde in höchste Gefahr gebracht.
Was hat das alles mit dem Massengrab zu tun? Wer ist der schauderhafte Spinnenliebhaber Mr. Pudd? Und was hat es mit dem kleinen Jungen auf sich, der Charlie immer wieder begegnet? Fragen, die John Connolly gewohnt gekonnt und dennoch auf meisterhafte Art und Weise beantwortet. Wo Kollegen früh ins Reißerische verfallen, der Plot schnell unrealistisch wirkt, findet der irische Autor stets das richtige Maß und kreiert eine Geschichte, die von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnimmt und Spannung gewinnt, um sich schließlich in einem beeindruckenden Showdown zu entladen. Dabei sind es besonders die bösen Gegenspieler, die derart finster und dreckig sind, dass sie nur noch entfernt menschlich wirken, welche die Faszination ausmachen und für wohligen Schauer und Nackenhaarsträuben sorgen. In diesem Fall ist es Mr. Pudd, der allein schon in seiner Beschreibung beeindruckt und seinen Vorgängern, dem "Fahrenden Mann" und "Caleb Kyle", in Nichts nachsteht.
Gewalt wird hier nicht eingebaut, sie wird zelebriert, denn einem Racheengel gleich marschiert Parker voran, um seine Art der Gerechtigkeit für all diejenigen walten zu lassen, die selbst hilflos sind. Selbstjustiz ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern eine Notwendigkeit, welche angewandt wird, wann immer die Justiz versagt. Und in diesem Fall ist sie nicht mal ansatzweise in Sicht, wodurch das Buch einen Ton erhält, der noch einen Tick dunkler ist als der der beiden Vorgängerromane. Wuchtig und brachial zeigt uns Connolly die hässlichste Seite der Welt, die Fratze des Grauens, welche der Leser gewachsen sein muss. Wer sich vor brutalster Gewalt und Blut ekelt, nichts über verstümmelte Leichen, Folter und ähnliche Perversitäten lesen möchte oder gar unter Arachnophobie leidet, sollte von diesem Buch die Finger lassen. Alle anderen bekommen ein Hardboiled-Werk kredenzt, das für Dauerspannung und ordentlich Unterhaltung garantiert.
Insgesamt ist "In tiefer Finsternis" wieder mal ein echter Hit aus der Feder des Iren, der allen Freunden dieses Genres ans Herz gelegt werden muss. Ein Buch das unter und streckenweise über die Haut geht und bei mir für Stunden für packende Unterhaltung gesorgt hat.

