Aufarbeitung eigener Erlebnisse versus Thriller der tiefsten menschlichen Abartigkeiten
So, zuerst muss ich erwähnen, dass ich schon "Der Patient" und "Das Rätsel" von John Katzenbach gelesen habe. Insofern ist mir einerseits sein Schreibstil bekannt, andererseits weiß ich aber auch, wie unterschiedlich seine Bücher sein können. So gehört "Der Patient" mit zu meinen Lieblingsbüchern und ich habe es schon mehrere Male erfolgreich ausgeliehen und verschenkt. "Das Rätsel" hingegen konnte mich überhaupt nicht überzeugen, so dass ich es nach mehreren Versuchen ca. zur Hälfte abbrach. Man sieht also, Katzenbach ist nicht gleich Katzenbach.
Beim "Professor" erging es mir leider ähnlich wie beim "Rätsel": Der Inhalte interessierte mich nicht die Bohne und nach ca. 120 Seiten las ich nur noch quer.
Dabei sind die Zutaten gut und lassen auf einen spannenden, mitreißenden, temporeichen Thriller schließen. Doch es bleibt dann leider auch dabei und der Klappentext vermittelt in keinster Weise, was einen wirklich bei dem Buch erwartet. Bevor ich aber näher darauf eingehe, möchte ich erstmal das Positive erwähnen.
Katzenbach hat einen sehr bildlichen und intensiven Schreibstil, der einen - vom Inhalt mal abgesehen - vermag zu fesseln und der sich sehr gut lesen lässt. Einige Male zog ich wegen so mancher Formulierung meinen Hut vor ihm und habe den Eindruck vermittelt bekommen, dass hier ein gestandener Autor schreibt. Ebenso gefallen mir bei dem Buch sehr gut die verschiedenen Perspektivwechsel. Man bekommt als Leser so den "totalen Überblick" und kann, wenn einem der Inhalt gefällt, sehr gut mitfiebern. Für begeisterte Leser sicherlich ein absoluter Pageturner, der einem kalte Schauer über den Rücken jagen lässt.
Leider geschah bei mir nichts in dieser Art. Vielmehr hat das Buch bei mir den Wunsch geweckt, dass es endlich vorbei sein mag. Mir war es einfach zuviel und ich finde, das eins dieser Themen mehr als gereicht hätte. Denn meiner Meinung nach befasst sich das Buch mit zwei Hauptthemen und einem kleinen Nebenthema.
Thema 1: Demenz des Professors
John Katzenbach erwähnt ja bereist zu Anfang des Buches, dass er hierzu von einem Freund inspiriert wurde, der ebenfalls an einer Art von Demenz erkrankte und er sich somit intensiver mit der Krankheit befasste. Das merkt man dem Buch deutlich an und hier muss ich sagen: Respekt vor soviel angelesenem Fachwissen. Für meinen Geschmack war es leider etwas zuviel, so dass ich die Kapitel über den Professor schnell überschlug. Ich finde es ja interessant, mehr über die Protagonisten zu erfahren, aber mein Interesse am Professor war schnell erschöpft. Ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr in einem Thriller zu befinden, sondern vielmehr in einem Erfahrungsbericht /-roman über das Leben und den Alltag eines Menschen mit fortschreitender Demenzerkrankung. Schlichtweg war es mir einfach zuviel.
Thema 2: Die menschlichen Abgründe und ihre Perversionen
Widerlich, was Menschen sich alles antun konnen oder könnten! Ich mochte mich nach ein paar Seiten gar nicht mehr fragen, ob es solche Fälle auch in der Realität gibt. Hat der Professor bei mir gähnende Langeweile hervorgerufen, so war es hier absoluter Ekel. Ich mochte einfach gar nicht mehr erfahren, was sie Jennifer alles antun oder antun möchten und wie sie mit ihr spielen. Dabei bin ich wirklich nicht zartbesaitet und lese gerne blutrünstige oder wahnsinnige Thriller, aber das Buch hat in den Jennifer-Kapiteln soviel Ekel und Widerwillen in mir hervorgerufen, dass ich die Kapitel geschehen ließ und mir keine weiteren Bilder dazu vorgestellt habe.
Und wie bei so manchem Thriller fragte ich mich, welcher Kopf sich so ein Geschehen ausdenkt (weder positiv noch negativ gemeint).
Thema 3: Das kleine Nebenthema über die Polizistin und ihr Leben
Dazu kann ich nur fragen, wie so ein "kleines" Thema im Gegensatz zu den beiden "großen" Themen Aufmerksamkeit erregen soll. Mir jedenfalls war die Polizistin egal und ich wollte mich neben Krnakheiten und Perversionen nicht auch noch mit Gewalt in einer Ehe befassen.
Fazit: Guter Ansatz eines renommierten Thrillerautors, der kaum unterschiedlichere Bücher schreiben könnte. Aber hier sind es leider zuviele Themen für einen einzigen Thriller. Mir erscheint es, dass Herr Katzenbach sein Erlebtes niederschreiben wollte und es seinem Metier entsprechend eines Thrillers angepasst hat. Gespickt mit einer schönen Portion menschlicher Abgründe, die ja im Moment so angesagt sind, und viel Getöse und Medienrummel sollte es ein Erfolg werden. Leider ging bei mir das Erfolgsrezept nicht auf.
Davon mal abgesehen, bin ich mir sicher, dass das Buch einigen Leser den Atem raubt und sie begeistert sein werden. Man muss halt absolut bereit sein, sich auf die Thematiken einzulassen. Daher auch zwei statt nur einem Stern.