Am Ende dieses Jahres wird „Traveler“ von John Twelve Hawks zwar nicht unter meinen persönlichen Top-Titeln 2011 zu finden sein, sicherlich aber in der Kategorie „äußerst positive Überraschung“ einen Platz ganz oben ergattern. Von den Lobeshymnen auf der Phantastik-Couch und der Krimi-Couch inspiriert, hatte ich mir Hawks Debüt einst als Mängelexemplar ergattert, nur um es dann erstmal weit hinten im Bücherregal zu platzieren. Ein Fehler, wie ich nachträglich gestehen muss, denn der auf den ersten Blick austauschbare Verschwörungsthriller entpuppte sich bereits nach wenigen Seiten als ein äußerst tiefgründiges und vielschichtiges Fantasy-Science-Fiction-Werk im Stile von Orwells „1984“, das, wie dieser Klassiker der Weltliteratur, das System der kollektiven Überwachung und Kontrolle in den Mittelpunkt der Handlung stellt.
„Traveler“ führt den Leser in eine nicht näher benannte Zeit, wo die heute gefürchtete totale Überwachung bereits längst Realität geworden ist. Überall verfolgen Kameras jede Bewegung, werden Gespräche am Telefon abgehört, die Suchbegriffe im Internet kontrolliert und elektronische Bankgeschäfte registriert. Der Mensch ist endgültig gläsern geworden. Nach außen hin sind diese „Sicherheitsmaßnahmen“ lediglich eine Folge der weltweiten Gefahr des Terrorismus. In Wirklichkeit aber lenkt eine seit vielen tausend Jahren existierende geheime Bruderschaft diese Überwachungsmaschinerie. Zusammengesetzt aus hochrangigen Politikern, ehemaligen Militärs, Wissenschaftlern und Mitarbeitern des Geheimdiensts, strebt sie die uneingeschränkte Herrschaft über eine ahnungslose Weltbevölkerung an. Diesem Ziel sind sie bereits sehr nahe gekommen, wobei ihnen jedoch noch ein großes Hindernis im Weg steht: Die so genannten „Traveler“. Diese Menschen aus verschiedensten Kulturen und Regionen der Erde sind dank einer besonderen und vererbbaren Fähigkeit in der Lage, das Hier und Jetzt zu verlassen und in andere Sphären zu reisen. Dadurch können sie sich nicht nur immer wieder der Kontrolle durch die „Tabula“, wie die Bruderschaft von den Travelern genannt wird, entziehen, sondern erhalten auch Einblick in eine völlig andere Sichtweise der Welt. Seit Anbeginn der Zeit versuchen sie deshalb ihren Mitmenschen die Werte der Freiheit und Selbstbestimmung zu predigen, um die Herrschaft der Bruderschaft zu untergraben. Ihre einzige Unterstützung finden sie dabei in Form der „Harlequins“, einer ebenfalls jahrtausendealten Kriegerkaste, welche einzig und allein zum Schutz der Traveler ins Leben gerufen wurde und diese bis in den Tod zu verteidigen hat.
Inzwischen hat sich die Lage jedoch dramatisch zum Schlechten gewandelt. Traveler wie Harlequins sind nahezu ausgerottet, die wenigen Verbliebenen über die gesamte Erde verstreut. Die letzte Hoffnung für die Freiheit der Menschheit lastet auf den Schultern der zwei Brüder Gabriel und Michael Corrigan. Sie sind die Söhne eines Travelers, kennen allerdings weder die wahre Vergangenheit ihres Vaters, noch ihr Potenzial zum Wechsel der Sphären. Um der Gemeinschaft der Traveler einen letzten vernichtenden Schlag beizubringen, nimmt die Bruderschaft beide ins Visier. Sie sollen ein Teil der Tabula werden und dabei helfen, die absolute Macht über die Welt zu erlangen. Nur eine ist in der Lage dies zu verhindern: Maya, die Tochter eines deutschen Harlequins, welche eigentlich ihrem Leben als Krieger entsagen wollte, nimmt den Kampf auf, um die verbliebenen Traveler vor den Klauen der Tabula zu retten …
Das klingt zugegebenermaßen auf dem Papier alles ziemlich Hollywood-like, entfaltet aber mit jeder umgeblätterten Seite eine Sogwirkung, welcher man sich nicht entziehen kann. „Traveler“ ist weit mehr als nur ein weiterer Verschwörungsthriller. Dieses Buch hebt die vielleicht nicht mal völlig unberechtigte Paranoia vor der totalen Überwachung auf ein neues Level und lässt zwischendurch immer wieder zwei Fragen groß im Raum stehen: Wie viel von dem hier Beschriebenen ist tatsächlich schon Realität? Ist das wirklich noch Science-Fiction oder die Wirklichkeit? John Twelve Hawks, der selbst unter Pseudonym schreibt und, wie die Traveler in seinem Buch, versucht jenseits des Systems zu leben und Auftritte in der Öffentlichkeit zu meiden, führt uns in eine Welt, die eine mögliche bzw. sehr wahrscheinliche nahe Zukunft (oder gar Gegenwart?) zeigt, in welcher die Individualität längst dem Kollektiv gewichen ist. Die Menschheit wurde zu bienenähnlichen Drohnen degradiert. Fleißige, arbeitende Wesen, denen man mittels immer neuer medialer Möglichkeiten jeglichen Gedanken an Aufstand genommen hat. Während viele der Leser dies vor allem mit der „Matrix“-Trilogie in Verbindung bringen, musste ich, nicht zuletzt auch wegen des düsteren, hoffnungslosen Tons der Geschichte, an den Film „V wie Vendetta“ denken.
Die Art und Weise wie Hawks die Methoden der Überwachung im Detail beschreibt, immer wieder die Sinnlosigkeit von Flucht angesichts dieser allumfassenden Macht hervorhebt, lässt uns als Leser schwer schlucken. Viele der hier gezeigten Dinge wären oder sind längst technisch möglich. Umso interessanter der Ansatz, die Harlequins als Kriegerkaste zu präsentieren, welche immer noch lieber zum Schwert denn zur Schusswaffe greift. Natürlich schwingt hier ein wenig Heldenpathos mit. Es zeigt aber auch den Gedanken an Revolution, eine individuelle Waffe zu benutzen, welche nicht anhand von Patronenhülsen, Werksnummern oder ähnlichem zurückverfolgt werden kann. Hawks gelingt dieser Mix aus Alt und Neu, aus moderner Science-Fiction und spiritueller, fast religiöser Fantasy hervorragend. Wo sonst die Handlung seicht und unausgegoren geblieben wäre, hat hier der Autor gleich die passende Mythologie hinzugefügt, welche dem Buch einen (vom Klappentext nicht zu erwartenden) Tiefgang verleiht. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse wird auf eine neue, erfrischend andere Ebene gehoben, wobei besonders die Protagonisten die moralischen Grenzen äußerst eindringlich deutlich machen. Das dies wiederum sprachlich nicht auf dem literarisch allerhöchsten Level geschieht, ist meiner Ansicht nach völlig vernachlässigbar.
Am Schluss erwartet den Leser das fast unvermeidliche offene Ende (schließlich handelt es sich bei „Traveler“ um den ersten Teil einer Trilogie), das mir persönlich noch zusätzlich so richtig Lust auf den Nachfolger gemacht hat.
Insgesamt ist „Traveler“ ein tiefgründiges Erstlingswerk, das vor dem schleichenden Verlust bürgerlicher Freiheit mahnt, ohne dabei den Unterhaltungseffekt zu vergessen. Actionreich, spannend und nachdenklich machend. Eine echte Empfehlung für Freunde gut geplotteter Verschwörungsgeschichten, die sicher auf die ein oder andere Weise den Weg auf die Leinwand finden wird.