Krönender Abschluss
Mit dem vierten Teil seiner Harry Angstrom Tetralogie „Rabbit in Ruhe“ hat es John Updike geschafft, seinen die amerikanische Gesellschaft im Abstand von jeweils ca. einem Jahrzehnt (beginnend mit 1959/1960) durch die Augen seines Protagonisten Harry Rabbit Angstrom portraitierenden Zyklus mit einer fast nicht mehr erwarteten Steigerung abzuschließen.
Harry, durch Janice und Nelson fast aus dem vererbten Autogeschäft verdrängt, genießt die Hälfte des Jahres mit Janice in Florida. Golf, gutes Essen und gehobene Langeweile prägen seinen Alltag.
„Rabbit in Ruhe“ beginnt damit, dass Janice und Harry auf dem Weg zum Flughafen sind, um den Sohn mit Schwiegertochter und den beiden Enkelkindern abzuholen, die zum jährlichen Besuch anreisen. Schon die ersten dreißig-vierzig Seiten, die Updike braucht, um dies zu bewerkstelligen, sind ein Geniestreich. Er zieht hier alle Register seines Könnens und verlangsamt den Verlauf den Romans so sehr, dass einen fast das Gefühl überkommt, man lese mit einer Lupe. Beeindruckende Beobachtungen, die vermittelte Wahrnehmung der Beziehung der Angstroms und Aussagen zur Entwicklung der Lage der Nation sind quasi das Vorspiel zum Hauptakt.
Die Spannungen zwischen Harry und seinem Sohn sind immer stärker geworden. Harrys Position in der Familie ist zwar wichtig, das Sagen hat aber Janice. Harrys Passivität der früheren Romane rächt sich nun. Er spürt, dass mit dem Sohn nicht alles stimmt, ist aber dank seines mangelnden Einfühlungsvermögens hilflos im Umgang mit dieser Entwicklung. Fein entwickelt Updike hier die Handlungsstränge, man erlebt die Intrigen hinter Harrys Rücken mit Spannung und leidet mit Harry mit, der nebenbei unerwartet sexuelle Erregung durch den Umgang mit seiner Schwiegertochter spürt. Ein (sich dem Leser ab der ersten Zeile ankündigenden) Infarkt zwingt Harry in die Knie und ins Krankenhaus bringt Rabbit unverhofft Erinnerungen an Rachel und vermeintliche Klarheit über seine vermutete Tochter.
Aus der Ferne erlebt Harry, wie Nelsons Probleme und Veruntreuungen den Betrieb in den Ruin treibt und legt bei seiner Heimkehr aus dem Moment der sexuellen Erregung den Grundstein für das Aufbrechen aller alten Wunden und die Notwendigkeit des Verarbeitens der Familiensituation. Genial, wie Harry hier den Kreis zum ersten Rabbit Roman schließt.
„Rabbit in Ruhe“ ist der krönende Abschluss der „Harry Angstrom Tetralogie“ und einer der ganz großen amerikanischen Romane, ein faszinierendes Gesellschaftsbild, ein politisches Kaleidoskop und ein psychologisches Meisterwerk. Ein Roman, dessen konzentrierte Erzählstruktur keine Sekunde lang müde oder langweilig ist, auch wenn die spärliche Handlung das nicht vermuten lässt. Ich habe die vier Romane in Folge gelesen und somit fast drei Wochen mit Harry und seiner Entwicklung verbracht; Wochen, die ich nicht missen möchte.
Absolute Empfehlung, vor allem auch in der richtigen Reihenfolge „Hasenherz“, „Unter dem Astronautenmond“, „Bessere Verhältnisse“ und „Rabbit in Ruhe“.