Leser-Rezension zu „Der Regen, bevor er fällt” von Jonathan Coe
am 18.10.2010
Nur 20 Fotos braucht Jonathan Coe, um drei Generationen von Frauen einer Familie vom 2. Weltkrieg bis heute lebendig werden zu lassen.
Diese 20 Fotos bedeuten für Rosamond ihr eigenes Leben und das ihrer Cousine Beatrix, die sie zum ersten Mal trifft, als sie während des 2. Weltkriegs aufs Land evakuiert wird und nach Warden Farm zu ihrer Tante Ivy kommt. So viel, dass sie sich, Jahrzehnte später und trotzdem sie allein und krank in ihrem abgelegenen Haus lebt, daran macht, ihre Geschichten zu erzählen. Und damit versucht, Imogen, dem jüngsten Mitglied der Familie, ein Gefühl für ihre Wurzeln und ihre Identität zu vermitteln. Sie selbst weiß schon früh, wer sie ist und was sie will und versucht immer, sie selbst zu sein und selbstbestimmt zu leben. Ganz anders Beatrix, die sich treiben läßt, sich auf die falschen Männer einläßt und irgendwann jeden Halt verliert.
Und so ist es lange Rosamond, die Beatrix auffängt und ihr hilft, wieder auf die Füße zu kommen. Ihre Treue geht so weit, das sie sogar Beatrix´ Tochter Thea bei sich aufnimmt, damit Beatrix den "Mann ihrer Träume" für sich gewinnen kann. Rosamond ist glücklich mit Thea und ihrem Leben, sie ist sich sicher, ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Doch das Glück dauert nur 3 Jahre, dann ist Beatrix wieder da und nimmt Thea mit.....
Jonathan Coe schafft es, so zu schreiben, dass die Bilder, die die Grundlage seiner Erzählung bilden, wie von selbst vor dem inneren Auge entstehen können. Gleichzeitig flechtet er geschickt weitere Erinnerungen Rosamonds, die wie Schlaglichter über den Rand des jeweiligen Bildes hinausreichen, in die Beschreibungen mit ein, so dass sich für den Leser/die Leserin das Geschehen außerhalb des jeweiligen Bildes kurzzeitig erhellt.
Damit gewinnen die Geschichte und ihre Protagonistinnen, allen voran Rosamond, an (tragischem) Profil, an Tiefe und an Spannung.
Ich mag eigentlich keine Familiengeschichten, in denen das Leben mehrerer Generationen beschrieben wird. Aber hochgradig positiv vorbelastet durch andere Romane Jonathan Coes habe ich nicht gezögert, auch diesen Roman zu lesen.
Und bin nicht enttäuscht worden.

