„Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen, eine Familiengeschichte, ein zeitgeschichtliches Portrait, oder die amerikanischen Buddenbrooks im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Enid und Alfred werden alt und um sie herum löst sich die Welt auf, während ihre eigene immer kleiner wird und sich in immer engeren Kreisen allein um ihr Haus und das Gefüge ihrer Beziehung zu drehen beginnt. Wirkliche Bezugspunkte nach außen sind eigentlich nur noch ihre drei Kinder, Gary, Chip und Denise, sowie Mutters Wunsch sie alle noch einmal daheim zu haben und zusammen das Weihnachtsfest zu feiern. Ein Wunsch künstlicher Harmonie, denn die Träume der Mutter sind ihren Kindern so fern und fremd, so belastet von Erinnerungen und so wenig zu ertragen, wie der altersbedingte Abbau des Vaters. Denn der so prägende pater familias gleitet immer tiefer in die Gebrechlichkeit, Depressionen und Demenz...
Franzen erzählt den Verfall einer amerikanischen Familie in dem er sich einer jeden Figur darin einzeln widmet, sie von ihrem Leben erzählen lässt und die übrigen Mitglieder der Familie durch die Augen der Person immer wieder in einem neuen Licht, einer andere Facette erscheinen lässt. Die Figuren werden dadurch sehr vielschichtig, bleiben aber auch in ihren Klischees verhaftet. Der liebenswerte Versager Chip, der familientriebige Bänker Gary, das Nesthäkchen Denise, das immer noch am liebsten von allen geliebt werden will... Mutter Enid Sinnbild amerikanischer Kleinbürgerlichkeit mit dem Hang zum Kitsch und moralinsaurem Habitus und Alfred, der desillusioniert an den Werten seines Lebens klammert und letztendlich sich selbst daran zugrunde richtet. Eine Familie unsere Zeit, die daran scheitert eine Familie sein zu müssen. Die Kinder stolpern beim Versuch den Vorbildern ihrer Eltern zu entkommen und müssen erkennen, ihnen doch gar nicht so unähnlich zu sein.
Diese sehr klassische Geschichte erzählt Franzen auf seine eigene Weise, aufgebrochen mit Stilmitteln des postmodernen Romans, nicht linear und nicht in einer klassischen Entwicklung verharrend. Immer wieder schweift er, thematisch an der Frage nach der Möglichkeit sein Selbstbild zu korrigieren, ab, ergeht sich in Börsentheorien, wirft einen Blick auf moderne Medizin und Hirnforschung oder lässt die Figuren in kleinen Episoden über Weltwirtschaft, Moral und Ethik Erfahrungen machen. Damit bricht er die Handlung einer klassischen Familiensaga auf, verankert sie im heutigen Zeitgeschehen, lässt sie aber die Surrealität in all dem Erfahren.
Mit Sicherheit war dieses Buch für mich ein Leseerlebnis, aber sicherlich auch keines das sich einfach so wegschmöckern lässt. Der Schreibstil hat mir in großen Teilen sehr gut gefallen, auch wenn ich sagen muss, dass meine Bereitschaft für ungewöhnliche Metaphern zum Teil arg strapaziert wurde. Sie wirkten auf mich zeitweilig sehr künstlich und gewollt, manche Inhaltsleer... oder wie bitte sieht ein Himmel aus, der erst einem Barschbauch gleicht, dann wie Fischflossen?
Episoden wie die in Litauen fand ich skurril aber sehr passend, hingegen war es erschütternd langweilig Schalt- und Streckenplanung Mittelamerikanischer Eisenbahnen über endlose Seiten hinweg ausgewalzt zu bekommen und ebenso erging es mir mit einigen der Erzählmotive, die man immer und immer wieder aufs Brot geschmiert bekam, als wäre ich nicht fähig die Rückschlüsse selbst zu ziehen und bräuchte dazu erst noch eine Abhandlung (oder drei, oder vier).
Und was die Weltwirtschaft, die Bankenkrise und die Auswirkungen des Börsenmarktes auf die Gesellschaft angeht, so langweilte es mich nicht nur, darüber zu lesen, es ist dem Autor auch nicht möglich diesen Bereich sprachlich so zu erschließen, das ein Leihe wie ich ihm dabei auch überhaupt noch folgen konnte oder wollte... scheinbar hätte man diesen Bereich aber auch ersatzlos streichen können, denn irgendwann erfährt man, dass dieser Handlungsstrang eh in einer Sackgasse endet. Oh Wunder, Geld macht nicht Glücklich...
Was Franzen wirklich gut gelingt, ist die Stimmung. Auch wenn Teile des Buches sehr ironisch, amüsant, teilweise auch recht abgedreht sind, blieb mir das Lachen doch meist im Halse stecken. Es ist kein schwermütiges Buch, aber die Kreise, in denen sich diese Familie dreht, die Art, wie alle an sich selbst und ihrer Herkunft scheitern ist bedrückend und sehr real und genau darin finden sich dann auch die Momente des Romans, die mich beeindruckt haben, die nachdenklich machen und die mir auch nach dem Lesen noch nicht so leicht aus dem Kopf gehen. Zu einem Teil erkennt man sich vielleicht in den Figuren wieder... auch wenn man sicherlich selbst nicht gezwungen ist in der geschwätzigen Sprachlosigkeit von Franzens Protagonisten zu verharren. Diese dann auch noch in ein halbgares, kitschiges Happy-End zu führen war der endgültige Tacken zu viel des Guten.
So bleibt der alte Alfred am Ende vielleicht der einzige, der echt bleibt, dessen Verlauf des Lebensabends doch noch am realistischsten war, vor allem zum Ende hin.
Ein Buch mit brillanten Momenten, aber auch extrem nervenaufreibenden und langweiligen Strecken, das die Klischees braucht um zu funktionieren und genau dabei ein wenig zu amerikanisch, eher einer Soap Opera entsprungen ist, als dem realen Leben, auf das es so sehr pocht.