» Nur wenige Monate nach dem Selbstmord meiner Mutter ging ich einmal in die Garage, um nach meinem Baseballhandschuh zu suchen, und entdeckte Ciny Posner auf den Knien, wie sie an meinem Bruder Brad eine angeregte Fellatio vollführte. Er hatte sich gegen das Werkzeugregal unseres Vaters gelehnt, und die Hämmer und Schraubenschlüssel klimperten wie Weihnachtsglocken musikalisch an ihren Haken, während er sanft vor- und zurückwippte und mit einem seltsam gelangweilten Gesichtsausdruck an die Decke starrte. Seine Jeans und Boxershorts hingen ihm zusammengekrumpelt um die Knie, und seine Hand ruhte geistesabwesend auf Cindys wackelndem Kopf, während sie mit ihrer verblüffend geräuschvollen oralen Gefälligkeit beschäftigt war...«[...]
(Jonathan Tropper / Der Stadtfeind Nr. 1 / Kapitel 1; Abs. 1)
Seit fast siebzehn Jahren ist der 34jährige Bestsellerautor und schräge Protagonist Joe Goffmann nicht mehr in seiner Heimatstadt Bush Falls (Conneticut) gewesen. Als sein Vater plötzlich einem Schlaganfall zum Opfer fällt und Joe von seinem Bruder Brad und seiner Schwägerin „Fellatio-Cindy“ gebeten wird, nach Falls zu kommen, um ihnen in dieser kritischen Situation beizustehen hat Joe ein schwerwiegendes Problem. Die ganze Stadt hasst ihn.
Sein Bestseller wurde nicht nur ein Kassenschlager, sondern auch ein unerwarteter Erfolg, als man die Geschichte des Romans mit Leonardo DiCaprio und Kirsten Dunst verfilmte. Eine Geschichte, die die etwas verfälschte Vergangenheit des Autors selbst darstellt, wobei fast alle Einwohner von Falls nach allen Maßstäben der Belletristik durch den Kakao gezogen wurden. Ein Gerüst aus Lug und Trug sowie die bitterböse biografische Verfälschung lebender Personen, dessen Ruf mehr als stark in der Kleinstadt angekratzt und durch den Dreck gezogen wurde. Kein Wunder also, dass Joe nicht nur unwillkommen ist, sondern auch als Stadtfeind Nr. 1 an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Ein Ort, dessen gepeinigte Gemeindemitglieder mit eingereichten Verleumdungsklagen ein Nullsummenspiel gespielt haben und ihrem jahrelang aufgestauten Frust keine Luft machen konnten.
Dass Goffmann nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird, ist ihm selbst mehr als einleuchtend. Dass er gleich am ersten Abend Opfer einer Schlägerei wird, binnen weniger Stunden sein Mercedes SL unter den Schlüsseln Fremder in Mitleidenschaft gezogen wird und Exemplare seines Bestsellers vom hiesigen Buchklub als Weitwurfexemplare den Vorgarten seines Elternhauses säumen ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Doch damit nicht genug. Sein Jugendfreund Wayne, ein in den letzten Zügen des Lebens wandelnder HIV-Infizierter und seine einstige Jugendliebe Carly Diamond treten plötzlich wieder in sein Leben und machen ihm deutlich, dass Falls und nicht New York sein zu Hause ist, als sie gemeinsam die Geister der Vergangenheit wieder zum Leben erwecken. Trotz Drohungen, die Stadt zu verlassen und den unendlichen Schikanen seiner Umwelt fasst Joe jedoch den Entschluss noch eine Weile in Falls zu bleiben. Auch sein Agent und enger Freund Owen ist mit dieser Entscheidung zufrieden, denn er wittert hier eine Fortsetzung des Bestsellers; nur dieses Mal mit einem Happy End.
Es ist schwer, die komplexe Story dieses Titels kurz und bündig wiederzugeben. Der Stadtfeind Nr.1 ist nicht nur ein Buch, dessen Klappentext zur Abwechslung einmal zu wenig vom überraschenden Inhalt verspricht, sondern gleichzeitig eine Mischung aus humorvoller Belletristik und todernstem Drama darstellt.
Der urkomisch intelligente und freche, mit Metaphern und langen Sätzen gespickte Schreibstil Troppers entlockt dem Leser allzu oft ein Lachen, um ihn im nächsten Satz mit einem literarischen Schlag ins Gesicht auf den Boden der realen Tatsachen zurück zu holen. Rückblicke in eine turbulente und von Leid geprägte Vergangenheit untermauern vor allem den in seinem Bestseller verübten Rufmord der jeweiligen Personen.
Auch der Spannungsbogen wird gekonnt eingewebt; kommt Tropper mit der Sprache bezüglich des Inhalts genannten Bestsellers erst nach knapp hundert Seiten heraus.
Einziges Manko: ein etwas zu theatralisches Ende, das jedoch in keiner Weise die recht amüsante und verwirrend schöne Story auch nur im Ansatz in den Schatten stellt.
© by Daniel Biester | Literaturreport.com