Mit „Das Zentrum“ ist Saramago ein leicht lesbares philosophisches Kunstwerk voller Poesie über Liebe und Mitgefühl geglückt.
„Das Zentrum“ von José Saramago ist die Geschichte über einen alten Töpfer, der mit seiner Tochter auf dem Land wohnt und seine Waren an das große Zentrum in der Stadt verkauft. In diesem Zentrum gibt es alles, was man sich erträumt, nicht nur Waren des täglichen Lebens, nein auch Südsee, Strand, Naturereignisse, Wohnungen, Fahrstühle, Rolltreppen, Cafés, Diskotheken, Springbrunnen, konstante Lufttemperatur und Feuchte, niemand braucht mehr das Zentrum zu verlassen, zudem gibt es auch keine Verbrechen, da die Sicherheit groß geschrieben wird, für alles braucht man Forumlare. Als die Töpferei schließen muss, da das Zentrum beschließt, die Töpfe und Vasen nicht mehr zu kaufen, da sie nicht mehr zeitgemäß sind, Plastik ist heutzutage gefragt. „Irgendwann ist es so weit, dass der geistig verwirrte oder zutiefst verletzte Mensch eine Stimme in seinem Kopf schreien hört, Verloren, verloren, du hast sowieso verloren…“, soll der alte Mann mit seinem Schwiegersohn, Tochter und dem ungeborenen Kind ins Zentrum ziehen. Der Mann versucht sich mit seinem Schicksal zu arrangieren, bis er die Höhle im Zentrum entdeckt. „…er erkannte, dass die Welt genau so ist, dass die Lügen zahlreich und die Wahrheiten nicht vorhanden sind…“
„Das Zentrum“ ist in Saramagos einzigartigem Schreibstil verfasst. Lange Sätze winden sich durch die Geschichte, „…die Wörter sind nur dazu geboren, um miteinander zu spielen“, doch anders als zum Beispiel in dem Roman „Hoffnung in Alentejo“, der manchmal etwas schwer zu lesen war, liest sich dieses Buch leicht und steckt voller Poesie. Wenn Saramgo die Liebe zwischen Vater und Tochter beschreibt, “Vater und Tochter, die sich lieben, weil sie Vater und Tochter sind, die aber auch eine freundschaftliche Liebe füreinander empfinden“, er über Ton philosophiert, „…Ton ist wie die Menschen, man muss ihn gut behandeln…“, oder seine Leser zum Nachdenken anregt,„Es ist eine Dummheit, die Gegenwart verstreichen zu lassen, nur aus Angst, die Zukunft nicht zu gewinnen“, „…lass uns nicht über Verlorenes weinen, das hat schon so viele Tränen auf dieser Welt hervorgebracht.“
Doch so leicht die Buchstaben und Worte sich über die Seiten schlängeln, so tief führt uns Saramago in die Philosophie. Er prangert die sogenannte fortschrittliche Gesellschaft an, die die Natur beherrschen will, sich von ihr entfernt, Tomaten unter Plastikplanen züchtet, immer weiter möchte und alte Menschen als Belastung ansieht. „….früher oder später wird es sie auch noch ereilen, so ist das mit allem im Leben, was nichts mehr wert ist, wird weggeworfen.“ Und schließlich ist es das Höhlengleichnis von Platon, dass Saramago hier aufgreift. In diesem heißt es, dass wir Menschen oft nur die Schatten der Dinge sehen, niemals die wirklichen Gegenstände, um diese zu sehen, müssen wir uns von unseren Fesseln befreien und aus der Höhle hinauf ins Sonnenlicht treten.
Seid mutig, lest dieses Buch und tretet ins Sonnenlicht.
José Saramago (1922-2010) wurde als Sohn einer armen Landarbeiterfamilie geboren. Sein Vater hieß José de Sosa, den Namen würde Saramago auch erhalten haben, hätte der zuständige Standesbeamte nicht noch des Vaters Spitznamen hinzugefügt: Saramago. Saramago ist eine wild wachsende Pflanze, die den Armen oft als Nahrung diente. José Saramao hat zahlreiche Romane, Essays, Dramas und Gedichte verfasst. Er erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur für „…seine Parabeln getragen von Vorstellungskraft, Mitgefühl und Ironie, die uns stets ermöglichen eine trügerische Realität zu begreifen.“