Leser-Rezension zu „Warum die Menschen sesshaft wurden” von Josef H. Reichholf
am 5.10.2009
Der Anbau der Wildformen unserer heutigen Getreidesorten ist so unergiebig, dass sich dieser Aufwand für unsere Vorfahren nicht gelohnt hätte: Sie hätten dafür mehr Energie investieren müssen, als die Ernte enthalten hätte. Aber die Züchtung von ergiebigeren, leichter verwertbaren Sorten benötigt viele Generationen. Es stellt sich also die Frage: Wie konnte sich der Ackerbau durchsetzen gegenüber dem bis dahin erfolgreich praktizierten Hirtennomadentum?
Dieser Frage geht der Evolutionsbiologe und Zoologe Reichholf in seinem jüngsten Buch nach. Die Antwort darauf hätte eigentlich kein Buch benötigt, man könnte sie wahrscheinlich auch auf zehn Seiten skizzieren. Es würde einem dann aber ein höchst interessanter und spannender Streifzug durch unsere Vor- Früh- und Geschichte entgehen, den der Autor nutzt, um historische und prähistorische (Entwicklung des aufrechten Ganges und des Gehirns) Parallelen zu seiner These zu ziehen. Diese Ausflüge sind stellenweise fast schon weitschweifig (nach der Lektüre des Buches weiß man beispielsweise, woher die Legende der Einhörner wahrscheinlich stammt), aber nie langweilig.
Wenn man nörgeln will, hätte dem Buch stilistisch ein beherzteres Lektorat gutgetan. Wissenschaftler stehen im Ruf, oft unnötig verschachtelte Bandwurmsätze zu bauen. Reichholf schlägt, wahrscheinlich im Versuch dies zu vermeiden, mancherorts ins andere Extrem um und füllt Seiten nur mit kurzen Hauptsätzen. Das Einfügen von Absätzen zur Strukturierung des Textes ist ihm dagegen offenbar fremd oder zuwider, er kommt seitenweise ohne aus. Aber diese Oberflächlichkeiten vermochten meinen Lesegenuss und Erkenntnisgewinn nicht zu mindern.

