ich empfehle hier in vollem ernst ein ganz und gar schreckliches buch.
ich habe es gestern zu ende gelesen und bin ich bin höchst irritiert. es ist ein sehr spannender thriller, als unterhaltungsroman wirklich sehr gut. aber - das w i r k l i c h interessante an diesem buch ist, dass es eben tatsächlich bedeutung hat, echten gehalt. und damit literarische qualität beweist.
und DAS hätte ich nicht erwartet. es bekommt von mir 4 von 5 sternen. hätte es auf eine bestimmte sache verzichtet, was ich unten noch mal anspreche, hätte es sogar 5 sterne bekommen.
'meat' IST schrecklich. da gibt es nichts zu beschönigen. es ist widerwärtig, es ist schockierend, es geht definitiv über die grenzen. ABER - es ist intelligent. es ist ein buch, das mich wirklich berührt hat. es hat mich angegriffen und - am ende - sogar zum weinen gebracht.
das grandiose an diesem buch: es zeigt, wie sprache unsere realität konstituiert.
relativ schnell ist in dem buch klar, dass das "fleisch", das die stadt ernährt, nicht von rindern stammt, die milch nicht von kühen, sondern von menschen. aber - die sprachkodierung dieser stadt, die in einer art "bibel" festgehalten, gibt die wahrnehmung vor: die menschen, die zum verzehr gehalten werden, heißen "rinder", "kühe", "kälber". sie gebären nicht, sie "kalben". sie sind nicht schwanger, sondern "trächtig". die weiblichen opfer haben keine brüste, sondern euter, die gemolken werden, statt abgepumpt. usw. usf.
was das buch auf eine - wie ich finde - grandiose art zeigt, ist, wie sprache unsere realität nicht beschreibt, sondern h e r s t e l l t. denn die menschen nehmen nicht mehr wahr, dass es sich um menschen handelt, sie sehen tatsächlich tiere, vieh. die sprachkodierung hat sich fest im hirn eingenistet, sie ändert den blick. das eigentlich sichtbare "verschwindet", und gesehen wird etwas nicht vorhandenes, etwas, was nur in sprache vorhanden ist.
das einzige, was bleibt, ist ein tiefes unbehagen, und selbst dies ist nur in jenen menschen vorhanden, die etwas weiter denken, die die sprache in frage stellen. die in frage stellen, dass realität und sprache dasselbe sind.
in dieser hinsicht fand ich das buch tatsächlich grandios. außergewöhnlich. mutig. intelligent.
es hätte von mir eben sogar 5 sterne bekommen, wenn es auf seine splatterszenen verzichtet hätte. diese biedern sich zu sehr an ein sensationsgieriges lesepublikum an. und beugen sich damit runter zum voyeurimus. das hat das buch gar nicht nötig.
es ist - in meinen augen - ein höchst interessantes, intelligentes und besonderes buch. der autor hält sich nicht an die regeln (des guten geschmacks) und erschafft tatsächlich etwas ekelhaft kunstvolles. ich ziehe meinen hut und glaube, heyne hat das buch nicht seines literarischen sprengstoffs willen gedruckt, sondern wegen der grenzüberschreitung, die eben diese splatterästhetik hat.
von mir eine empfehlung an alle, die sich mit dem phänomen realitätserschaffung durch sprache auseinandersetzen wollen. das buch schaut dadurch weit über sich hinaus, es zeigt rassismus in einem anderen, schrecklichen licht, lässt am ende darüber nachdenken, was sprachlicher sexismus bedeutet und erinnert beklemmend an das dritte reich und deren sprachmanipulation.
noch ein 'achtung' am ende: da das buch bedauerlicherweise an einigen stellen direkt draufhält und splattert, ist es kaum für in dieser hinsicht empfindliche leserInnen geeignet. ich bedauere diesen anbiederungsversuch des autors vor allem deshalb, weil er dadurch höchstwahrscheinlich ein publikum verliert, das viel mit dem buch anfangen könnte.