Viel hat nicht gefehlt und John Bazells Debütwerk „Schneller als der Tod“ hätte sich auf Anhieb ganz nach oben in meine diesjährige Bestenliste katapultiert. Das es letztlich nicht gelangt hat, liegt vor allem am Ende, aber dazu weiter unten mehr. Und selbst trotz dieses kleinen Makels gehört das Buch fleißig beworben, denn seit Jason Starr und Ken Bruens „Flop“ und „Crack“ habe ich mich nicht mehr derart schräg im Pulp-Genre amüsiert. Bazell, der zurzeit als Arzt im Praktikum an der University of California in San Francisco tätig ist, hat hier eine Story aufs Papier gebracht, welche auf lange Zeit wohl unsere Sicht auf Krankenhäuser nicht unwesentlich verändern wird und die so genannten „Götter in Weiß“ mal von einer ganz anderen Seite zeigt.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Peter Brown, Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Manhattan, der, als einer der wenigen fähigen Mediziner dort, alle Hebel in Bewegung setzt, um seinen Patienten helfen zu können. Was allerdings niemand weiß: Peter Brown heißt in wirklich Pietro Brnwa und ist ein ehemaliger Mafiakiller, der seit der Ermordung eines hohen Mob-Mitglieds von der Cosa Nostra in New York gesucht wird und nun dank des Zeugenschutzprogramms des FBI den Weg ins Krankenhaus gefunden hat. Die Medizin ist für ihn so etwas wie eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Und da die stark heruntergekommene Einrichtung eher von der weniger zahlungsfähigen Bevölkerungsschicht frequentiert wird, ist die Gefahr hier erkannt zu werden, eher gering. So denkt zumindest Pietro, der eines Tages am Bett des ehemaligen Mafiakumpanen LoBrutto steht, welcher auch sogleich seine Identität auffliegen lässt und damit droht, diese überall bekannt zu machen. Nur unter einer Bedingung will er den Mund halten: Pietro soll ihn doch bitte vor dem Tode retten. Bei einem Patienten mit Krebs im Endstadium keine einfache Aufgabe.
Von nun an muss Pietro alles dran setzten, dass der Mafiosi nicht den Löffel abgibt, während er gleichzeitig damit beschäftigt ist, eine Gruppe Studenten in der Kunst der Medizin zu unterweisen und von einem Notfall zum nächsten zu hasten. Die Zeit läuft schnell ab. Und als er dann noch feststellen muss, dass es sich bei LoBruttos behandelnden Arzt um einen totalen Pfuscher handelt, drohen die Dinge völlig außer Kontrolle zu geraten …
„Bei riesigen Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage und erschlagen Sie ihren Arzt oder Apotheker! Der Inhalt dieses Buches kann Heiterkeitsausbrüche bis hin zu extreme Lachkrämpfe auslösen, die in einigen Fällen zu Atemnot führen. Patienten mit einem ausgeprägten schwarzen Humor sind besonders stark gefährdet.“ Das schrieb die Amazon-Userin Sabine Kreutz einleitend in ihrer Rezension zu Bazells „Schneller als der Tod“. Und viel kann man wirklich nicht mehr hinzufügen. Von Seite eins an rast die Geschichte wie eine völlig außer Kontrolle geratene Achterbahnfahrt voran, wobei sich dem Leser ein dauerhaftes Grinsen ins Gesicht fräst (ich erntete immer wieder stirnrunzelnde Blicke im Zug) und das Zwerchfell auf eine schwere Probe gestellt wird (Ich sag nur: „Flamingo“). Voraussetzung: Allzu zart besaitet oder gar Vertreter der politisch und moralisch korrekten Linie sollte man lieber nicht sein. Ganz in der Tradition von Jeff Lindsays „Dexter“ geht es ordentlich blutig zur Sache. Und ähnlich wie der dortige Protagonist, so ist auch Pietro Brnwa ein größtenteils amoralisches Wesen, dem das Töten zur zweiten Natur geworden ist und der mit seiner Läuterung so seine Probleme hat. Welch herrliche Idee diesen dann als Arzt in einem Krankenhaus zu platzieren!
Bazell betont in seiner Biographie ausdrücklich, das sein Arbeitsplatz dem Krankenhaus im Buch in keinster Weise ähnelt. Das bleibt wahrlich zu hoffen, sind doch hier mehr Parallelen zu einem Metzgereibetrieb als zu einer medizinischen Einrichtung zu finden. Der Autor spart kein noch so unappetitliches Detail aus und lässt sich sogar in beigefügten Fußnoten dazu herab, sein Wissen mit uns zu teilen. (Äußerst interessant, was bei Zweckentfremdung eines Staubsaugers alles so passieren kann.) Die Sprache dabei ist kahl, knapp und wird mit uns mit kräftigen Adjektiven nur so um die Ohren gehauen. Schnelle Szenenwechsel, rasante Dialoge und zwischendurch immer wieder Ausbrüche derbster Brutalität. Ein FSK-18-Logo hätte dem Cover wahrlich nicht schlecht gestanden, zumal hier ein Großteil der Beteiligten unter denkbar schlechtesten Umständen aus dem Leben scheidet. Milde ausgedrückt.
Das „Schneller als der Tod“ letztendlich nicht zur einer totalen Komödie verkommt, liegt an den eingebauten Rückblicken, in welchen Bazell die Lebensgeschichte Pietros nacherzählt und Stück für Stück damit das Puzzle zusammensetzt, von dem man anfangs noch nicht annähernd ein Bild hat. Hier beweist der Autor seine schriftstellerischen Qualitäten, denn die Ausflüge in die ehemaligen Konzentrationslager Polens sowie der Hintergrund von Brnwas Familie verleihen dem Ganzen einen sehr ernsten, dunklen Ton, der die immer wieder heiteren Momente umso zynischer wirken lässt. Beeindruckendste Szene ist für mich aber das nächtliche „Abenteuer“ im Haifisch-Aquarium, das Bazell derart bildreich zum Leben erweckt hat, dass mir die Spucke wegblieb. Absolute Gänsehaut-Passage und gleichsam eindringlich wie erschütternd. Überhaupt bietet das Buch abseits von Irrsinn und blutiger Gewalt immer wieder kurze, ruhige Phasen, die andeuten, dass „Schneller als der Tod“ bei allem Pulp nicht ganz ohne moralischen Kompass ist.
Am Ende scheiden sich dann schließlich die Geister. Fakt ist: Pietros „Herstellung eines Messers“ fordert starke Nerven und sollte wohl das Tüpfelchen aufs bis dahin glänzende I setzen. Meiner Ansicht nach hat sich Bazell hier etwas vergaloppiert und zur sehr die Groteske bedient, um letztendlich noch ernst genommen zu werden. Das macht den Gesamteindruck zwar nicht wesentlich schlechter, ließ mich das Buch aber mit einem etwas faden Beigeschmack schließen.
Insgesamt ist „Schneller als der Tod“ ein temporeicher Hardboiled-Pulproman, der meines Wissens nicht nur als erster im Medizinthriller-Genre wildert, sondern zudem aufs Beste unterhält und allen Freunden von Dr. House, Dexter und Co. nur ans Herz zu legen ist. Ein wirklich gelungener Erstling, der sicher (schlecht umgesetzt) eines Tages seinen Weg auf die Leinwand finden wird. Auf den bereits angekündigten Nachfolger warte ich mit Freuden.