Leser-Rezension zu „Dinge, die wir heute sagten” von Judith Zander
am 15.03.2011
Nach über 25 Jahren kehrt Ingrid in das Dorf ihrer Kindheit, dem mecklenburgischen Bresekow, zurück. Ihre Mutter ist gestorben, sie muss das Haus verkaufen und einiges sortieren. Es stellt sich aber bald heraus, dass sie und alle anderen, die jemals etwas mit ihrem Leben zu tun hatten, vor allem dieses zu sortieren haben. Die Wiedervereinigung hat einiges geändert, aber innerlich blieb vieles unverarbeitet und wartet auf den Ausbruch. Dieser Roman zeigt einen Mikrokosmos, der nicht festgelegt ist auf ein DDR-Dorf, sondern das menschliche Zusammenleben und die Psyche der Beteiligten auseinander nimmt. Der Stil ist spannend, da die Beteiligten selbst zu Wort kommen, und auch wenn der Dialekt von einigen als anstrengend empfunden wird (ich fand ja den Pfarrer am schlimmsten...), so ist er extrem authentisch. Und so offenbart sich durch die Erzählungen der anderen die Dramatik von Ingrids Leben, ihrer Flucht, ihrer eigenen Distanziertheit und ihres neuen Lebens.
Von mir gibt es nur vier von fünf Sternen, weil ich nach wie vor nicht ausmachen kann, welche Zielgruppe das Buch hat: Ist es ein Jugendbuch (die Ausführungen Ellas und Romys sind doch sehr umfänglich, aber andere Teile widersprächen dem) oder soll es doch für den reifen Leser sein (Aber tut der sich tatsächlich all das an, was die Jugendlichen so von sich geben? Findet er das glaubhaft?)? Und den Pfarrer, den hätte es wirklich nicht gebraucht. Der wirkte auf mich völlig deplatziert. Aber vielleicht habe ich auch nur seinen Part an der Geschichte nicht verstanden...
Dieses Buch will nicht heilen, es will diagnostizieren. Denn Bresekow ist überall. Zumindest habe ich vieles davon wiedererkannt.

