Rezension zu "Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Jules Verne

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Stefan83

Vor 11 Monaten

(7)

In einer Epoche, welche geprägt war vom beschleunigten technischen Fortschritt und zugleich von den letzten großen Entdeckungsreisen, sind Vernes visionäre Abenteuerromane nicht nur beim französischen Lesepublikum, sondern weit über die Grenzen Europas hinaus, auf fruchtbaren Boden gefallen. 1864 erschienen, ist "Reise zum Mittelpunkt der Erde" ein Spiegelbild seiner Epoche - eines Zeitalters, in dem der Mensch sich daran machte, die Natur zu erobern, zu übertrumpfen und zu besiegen. Vernes zweites Werk, das zugleich zu seinen bekanntesten gehört, erzählt die Geschichte des cholerischen deutschen Professors Otto Lidenbrock, dem ein altes Manuskript in die Hände fällt, welches von Island aus den Weg zum Mittelpunkt der Erde weist. Gemeinsam mit seinem nur widerstrebend folgenden Neffen Alex und dem Eiderjäger Hans, steigt man im Gletscher Sneffels Yocul in die Dunkelheit, um alle Theorien über einen heißen Erdkern zu widerlegen und als Pioniere in die Geschichte einzugehen.

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde ist eine, die der Leser ca. 150 Jahre später nicht selten mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen begleitet, da sich Verne, der in vielen seiner Bücher mit seiner technischen und wissenschaftlichen Intuition einige später realisierte Entwicklungen vorweggenommen hat, diesmal in Punkto Authentizität auf äußerst dünnes, meist bröckelndes Eis begeben hat. Wo er sonst mit fundierter Sachkenntnis überzeugt, auf fast schon mathematisch genauem Fundament seine Handlungsbögen errichtet, rudert er hier ziemlich frei, lässt er seine Fantasie die Geschichte voran treiben. So finden wir unterhalb der obersten Gesteinsschichten riesige Meere genauso vor wie Pilswälder, riesige Menschen und prähistorisches Getier, das eine erstaunlich helle Welt bevölkert, deren Klima sich selbst im tiefsten Abgrund noch als äußerst erträglich erweist.

Ob meterdicke Granitwände, tobende Wellen oder feurige Lavaströme - die mit Seil, Pickel und einer nie versiegenden Lichtquelle ausgestatteten Reisenden überwinden jedes Hindernis und stehen somit sinnbildlich für den Fortschrittsgeist des späteren 19. Jahrhunderts. Aus heutiger Sicht sind die Unternehmungen jedoch in erster Linie ein kurzweiliger Spaß, der vor allem vom miteinander der Figuren lebt, die erneut vom großen Erzähltalent Vernes profitieren. Äußerst amüsant, wie der gesetzte Alex angesichts des enthusiastischen Onkels immer wieder zu Verzweifeln droht, sein Gemütszustand abwechselnd zwischen tiefster Niedergeschlagenheit und höchster Euphorie pendelt.

Unter dem Erfindungsgeist dieser Entdecker leidet allerdings ein wenig die Spannungskurve, da die Reise, trotz leichter Rückschläge, relativ reibungslos und unbeschwert vonstatten geht und man somit an keiner Stelle am Erfolg der Unternehmung zweifelt. Auch verzichtet Verne auf Interaktionen seiner Figuren mit Flora und Fauna der Unterwelt, wodurch der Leser die so phantastische Geschichte stets aus eine gewissen Distanz betrachtet.

"Reise zum Mittelpunkt der Erde" brilliert letztlich vor allem durch seine Fabulierkunst. Verne hat aus dem Kopf eine gänzlich neue Welt erschaffen, sich an Orte erdacht, die uns bis heute verborgen geblieben sind und von deren Beschaffenheit seine damaligen Zeitgenossen allenfalls eine vage Ahnung hatten. Für diesen Verdienst verzeiht man ihm die in vielen Teilen komplett erdachte Lügengeschichte im Stile Münchhausens gern, bleibt doch bei all der Fiktion ein Fakt: Jules Verne war, ist und wird immer große Literatur bleiben. Und seine Bücher auch in weiteren 100 Jahren noch lesenswert.

Autor: Jules Verne
Buch: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde
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