Etwas läuft falsch in diesem Buch, muss falsch laufen - ich habe es gestern erst zu Ende gelesen und kaum mehr eine Ahnung, was nun genau passiert ist. Welche Figurenkonstellation die tatsächlich wesentliche war, wie sich die aneinandergereihten Lebenslügen zu einem halbwegs glaubhaften Gefüge verstricken sollten, warum alle Enden schließlich doch im Sande verlaufen - ich weiß es nicht
Es ist Krieg, ein Junge beobachtet die Vergewaltgung der vergötterten mit ihm allein lebenden Mutter durch eine Horde Soldaten Er ist schuld. Sollte ein neues Schloss besorgen für die Tür, das letzte war bei einer ebensolchen Gelegenheit wie der eben beschriebenen den Gewehrkolben der andrängenden Männer zu Opfer gefallen.
Sachen packen, weg hier, raus aus Berlin, fliehen. Am Bahnhof sieht er seine Mutter zum letzten mal, sie lässt ihn zurück, seine Welt in zwei Teilen.
Zwei Schwestern wachsen in einem wohlhabenden Haushalt auf, Mutter Jüdin, nur um des sehr angesehenen Vaters Willen gerade so gelitten in der Stadt. Als er im WK I fällt wird sie zusehends labiler, streitlustig, aggresiv, schließlich weinerlich. Als die Klaviatur der manisch-depressiven, traumatisierten Verwirrung ihren Höhepunkt erreicht, fliehen die Schwestern zur Tante nach Berlin, besuchen die Schwesternschule und fangen an zu leben - die ältere, eher nebenfigürlich bleibende in der reannimierten Beziehung zu Jugendfreundin Leontine, die jüngere mittels Bildung, schließlich Liebe zu Carl, einer wunderbaren, klgen, charmanten, liebevollen, leidenschaftlichen Partybekanntschaft. Glück. Carl stirbt noch vor der Hochzeit, sie wird schließlich willenlos stumpf geworden von einem geheiratet, der ist bester Dinge, ein guter Deutscher, wikt wie ein wundervoll sich Bemühender, besorgt ihr Papiere, die braucht man um die Zeit schon, wenn die Mutter Jüdin war. Die Ehe eskaliert schon in der Hochzeitsnacht, denn er ist nicht der erste, das wusste er nicht - ein ankommendes Kind wird und kann nicht als das seine akzeptiert werden, ihr Platz ist nun am Herd, ihre Sprache das Schweigen, seinen nahezu täglichen Vergewaltigungen ausgesetzt, seinen nächtlichen Sauftouren, Nuttenbesuchen, Demütigungen jeder Coulleur. Als er geht um nicht wiederzukehren, weli das Reich ihn braucht, bleibt Sie mit dem Kind zu wenig Geld, ihrer Arbeit als Krankenschwester und ihrem Schweigen zurück. Und mit dem Kind, das heißt Peter. Es ist der Junge aus dem ersten Kapitel.
Ich habe dieses Buch Seite um Seite gefressen, eine wunderbare Sprache, ein Ziehen an mir, ein Wollen, schonungslos. Doch das Dritte Reich in den Mund einer jungen Halbjüdin legen, deren Schwester deportiert, Tante getötet, Mutter weggesperrt wurde, und sie hat dazu nichts zu sagen? Sie ist gebildet, klug, aufrichtig, fleißig und ehrbar, liebte einst das leben, war wach und hatte Teil - und dann das? Es gibt keinen Widerstand im Leben deser Frau, noch nicht einmal Fragen -- und das passt nicht zu ihr, denn die die da nach Berlin zieht um die Welt kennen zu lernen, auch um zu fliehen, um zu lieben, zu leben, zu arbeiten, die macht nicht die Augen zu, schaut weg, schluckt.
Zumindest Fragen stellt sich so eine, mindestens sich selbst.
Auch sonst immer wieder Befremden, beispielsweise wenn die Siebenjährige von ihrer Schwester zu sexuellen Handlungen genötigt wird und dies eher erotisch konnotiert dargestellt denn als Inzest deklariert wird. Beispielsweise wenn haarklein plötzlich in einem sonst so detailsparsamen Buch der Geschmack von Sperma dargelegt wird oder die Entstehung frühkindlicher Sexualität das Peters gegenüber der Mutter. Es bleint ein flauer Nachgeschmack.