Leser-Rezension zu „Die Mittagsfrau” von Julia Franck
am 19.08.2011
Helene lebt alleine mit ihrem Sohn in Berlin. Der Vater kommt nicht mehr zurück, er hat seine Familie verlassen und lebt in Frankfurt. Sie arbeitet als Krankenschwester , das Leben ist hart und voller Entbehrungen in so einer Großstadt mitten im Krieg. Helene möchte weg und macht sich mit ihrem Jungen auf den Weg. Als sie Fahrkarten für den Zug kaufen will verschwindet sie spurlos und lässt den Jungen alleine zurück.
Das ist die Vorgeschichte. Nun beginnt das eigentliche Buch in der Kindheit von Helene und ihrer älteren Schwester Martha, die in Breslau aufwachsen. Der Vater hat eine Druckerei und liebt die Mutter hingebungsvoll. Die „verrückte“ Mutter ist Jüdin, sie kümmert sich allerdings nicht um die Mädchen. Ihre unberechenbaren Gefühlsausbrüche machen allen zu schaffen und sie sind froh, wenn die Mutter sich wochenlang im Zimmer verschanzt. Diese Lethargie der Mutter ist der Grund, weshalb die Töchter schon sehr selbstständig sind und sie in Abwesenheit des Vaters das Geschäft leiten. Nach dem Tod des Vaters beginnen sie einen Briefwechsel mit einer Tante, der Cousine der Mutter, in Berlin. Diese jüdische Tante „Fanny“ ermöglicht den Mädchen aus ihrem Elternhaus wegzukommen und nimmt Helene und Martha bei sich auf. Hier beginnt eine aufregende Zeit in Berlin, die für Martha ausgeprägtes Nachtleben bedeutet. Auch sehen die beiden Marthas Freundin Leontine wieder, die inzwischen Ärztin geworden ist. Helene, die einige Jahre jünger ist, widmet sich sehr der Literatur und Kultur. Sie lernt den Studenten Carl kennen, der aus reichem Hause stammt.
Mehr möchte ich vom Inhalt nicht erzählen, denn ich denke man muss es unbedingt selbst lesen. Es ist ein toller Roman über die Lebensumstände in Berlin in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche und die medizinischen Abläufe, die zu dieser Zeit noch herrschten und wie wichtig Beziehungen damals auch waren. Julia Franck hat nicht umsonst den Buchpreis 2007 erhalten für dieses tolle Werk.

