Lagerfeuer 

von Julia Franck

ISBN 9783832178512, Fester Einband, erschienen bei DuMont Literatur und Kunst
Auch verfügbar als Hörbuch

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Lagerfeuer von Julia Franck - Inhaltsangabe

Das Letzte, was die DDR-flüchtige Nelly Senff sich von ihrem Staat gefallen lassen muss, ist eine inwändige Leibesvisitation. Der letzte Eingriff vor der Ausreise ins Feindland, die letzte private Manipulation, die letzte Demütigung. "Nicht gehen ließen sie mich. Als Trojanisches Pferd wollten sich mich schicken."<P> Das Erste, was Nelly Senff im Westen erwartet: Demütigungen. Stundenlange Verhöre durch verschiedene Geheimdienste, Mehrbettzimmer und Doppelstockbetten, zwielichtige Wohltäter, Spitzel-Verdacht, Essensmarken und Nieselregen. Allgegenwärtig der Gospel-Sound aus den Radios der amerikanischen Besatzer. Und viele offene Fragen: "Was glaubt ihr, was euch im Kapitalismus erwartet?2<P> <I>Lagerfeuer</I> handelt von Transiterfahrungen, im geografischen, ideologischen und existenziellen Sinn. Schauplatz ist das ehemalige Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Hier machen vier sensible Hauptpersonen eine gemeinsame Erfahrung: an einem Ort zu sein, an dem keiner von ihnen sein will. Zukunft: ungewiss. Neben Nelly Senff mit ihren beiden Kindern sind da Krystyna aus Polen, der arbeitslose Schauspieler Hans Pischke und John Bird, ein schwarzer US-Amerikaner im Dienst der CIA, der Nelly bei ihrer Ankunft verhört. Locker verknüpft die Autorin die individuellen Geschichten und lässt ihre Figuren aus persönlicher Sicht erzählen, über große Strecken gleichsam wie in Echtzeit. Die Augenblicke aus dem Lageralltag, die schwer "wie ein Kind" wiegenden Erinnerungen an das Leben vor dem Lager, erhalten durch die Dehnung der sinnlichen Wahrnehmung eine ungewöhnlich intensive Präsenz.<P> Die in Ostberlin geborene Julia Franck, die das Lager Marienfelde mit acht Jahren selber erlebte, beschäftigt sich in ihrem dritten Roman nach <i>Der neue Koch</i> und <i>Liebediener</i> mit einem Teil ihrer eigenen Vergangenheit. Dass sie zugleich ein heikles Thema der jüngsten deutschen Geschichte zu einem offenen Stück Literatur macht (und eben nicht zum Pro-und-Kontra-Trend beiträgt, der das Thema derzeit multimedial bestimmt), ist bemerkenswert. Der "kühle" Stil, den die Kritik Julia Francks vorangehenden Büchern teilweise attestiert hat, trifft die Sache nur oberflächlich. In <I>Lagerfeuer</I> ist eine Verantwortung für das Romanpersonal zu spüren, die rührend ist. Das könnte die Wärme sein, die im Titel des Buchs steht. <I>--Nikolaus Stemmer</I>


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Gruenente

 
9921 Eselsohren
 

Rezension verfasst vor 3 Jahren (10)

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Ameise vor 1 Jahr

Der erste Satz in diesem Buch kann ganz schön abschrecken, oder? "Die Kinder ließen müde ihre Arme sinken, ausdauernd hatten sie gewunken, zuerst voller Begeisterung und trotz fehlender Erwiderung, dann wohl aus Gewohnheit und kindlichem Ehrgeiz, bestimmt eine Stunde hatten sie gewunken, die Münder an die Scheiben gedrückt, wo sie feuchte Kußränder auf den beschlagenen Scheiben hinterließen, die Nasen an den Scheiben gerieben, sie hatten gewunken, bis Katja zu ihrem Bruder sagte: "Ich kann nicht mehr, komm, wir hören auf", und Aleksej nickte, als sei es gut, endlich aufzugeben, gut, dem Abschied ein Ende zu setzen." :-/ Abgesehen davon heißt es "gewinkt" und nicht "gewunken"...