Anna betreibt gemeinsam mit ihrer Freundin Vicky eine kleine PR-Agentur, die mehr schlecht als Recht läuft. Was nicht an Annas oder Vickys mangelnden Fähigkeiten bezüglich der Art ihrer Arbeit liegt, sondern sich darin begründet, dass Anna schlicht “zu gut für diese Welt” ist, ihr das Verhandeln nicht leicht fällt und sich schnell mal wie eine Weihnachtsgans ausnehmen lässt. Vicky ist leider auch nicht die Frau im Gespann, die sich zu Preisverhandlungen berufen fühlt. Sie hat das große Manko, dass sie vor fremden und in aufregenden Situationen schnell ins stottern gerät.
Als plötzlich eine alte Klassenkameradin Annas wieder in der Stadt auftaucht und ausgerechnet Anna für die PR ihrer Galerie anwirbt, scheint endlich ein Wandel in Sicht. Anna bekommt tatsächlich diesen Auftrag, soll ihn aber für lau ausführen, schließlich könnte sie es ja als Freundschaftsdienst ansehen. Ihren Frust über diesen gescheiterten Deal teilt Anna Vicky in einem Café mit. Und genau in diesem Moment wendet sich das Schicksalsblatt. Nur ein paar Tische weiter sitzt der berühmt-berüchtigte Medienmogul und international ebenso gefürchtete wie erfolgreiche und überaus gutaussehende Geschäftsmann Carl Weller. Anna braucht einen gut bezahlten Job und ist fest entschlossen diesen bei Carl Weller zu finden.
Der Einstieg in die Geschichte fällt nicht schwer, auch wenn es schon befremdlich ist, mitzuerleben, wie sehr Anna sich an ihre ehemalige (und noch dazu verhasste) Klassenkameradin anbiedert. Dafür das Anna eigentlich taff und strebsam ist, zeigt sich schon jetzt, dass sie viel mehr Biss brauchen wird um zu überleben. Wie sie und Vicky es überhaupt solange geschafft haben, ihre PR-Agentur am laufen zu halten, bleibt dem Leser schlicht ein Rätsel. Dafür überrascht sie dann wieder mit ihrem Temperament, dem sie es einzig und allein zu verdanken hat, das sie überhaupt an Carl Weller heran kommt.
Stil und Sprache sind locker und flüssig und das Buch könnte ein absoluter Page-Turner sein, wenn es ihm im Verlauf von diesen knapp 400 Seiten nicht ständig wieder an Tiefe, Glaubwürdigkeit und schlicht Spannung fehlen würde. Beim lesen bleibt das Gefühl, dass da doch irgendetwas nicht gesagt ist, etwas im dunklen bleibt, was dieses Buch vielleicht doch noch aus der Masse derer ziehen könnte, die zu lesen schlicht Zeitverschwendung ist. Reine Zeitverschwendung ist das Buch nun auch nicht, aber es ist eben auch keines, das in Erinnerung bleiben wird.
Zu Beginn lässt sich Anna von ihrer ehemaligen Klassenkameradin und deren Reichtum vollkommen aus der Bahn werfen. Sie fühlt sich ihr Unterlegen und zeigt das deutlich. Man kommt nicht umhin anzunehmen, dass die Autorin hier versucht, schon von Anfang an um Verständnis für Anna zu werben, die ja ach so arm dran ist. Im Verlauf der Geschichte lernt man dann auch noch Annas Vater kennen, der verwitwet in einer kleinen Siedlung lebt, die schon von den Abrissbirnen der Baugesellschaft bedroht wird, die hier ein neues Einkaufszentrum aus dem Boden stampfen soll. Sie liebt ihren Vater aufrichtig und möchte ihm gerne helfen, doch das gestaltet sich als schwierig, da sie zum einen um ihre PR-Agentur kämpft und zum anderen plötzlich ihren Lebensmittelpunkt um Carl Weller sieht.
Carl Weller widerum ist ein Mensch, der im ersten Moment unsympathischer nicht sein könnte. Seine Motive scheinen recht schlüssig zu sein und Geld steht ganz klar im Mittelpunkt. Es wird zwar deutlich, wieso Weller interesse an Anna hat, aber es wird leider nicht deutlich, das sich dieses Motiv auf menschlicher Ebene ändert.
Das ist neben der fehlenden Tiefe und der fehlenden Spannung ganz klar das größte Problem dieses Buches: die fehlende Glaubwürdigkeit. Menschen ändern sich – OK. Gefühle ändern sich – OK. Aber wo ist die Motivation? Wo ist der Antrieb, dieses zu tun? Auf diese “Nebensächlichkeiten” wird leider nicht mit einer Silbe eingegangen. Vielleicht setzt Julia Talbot auch einfach vorraus, dass diese Dinge sich von allein erschließen. Das würden sie vielleicht auch tun, wenn man während der Geschichte spüren würde, dass sich da etwas zwischen Weller und Anna entwickelt.
"Denn Carl Weller kann nicht lieben. Darf nicht lieben. Anna jedoch ist anders als die anderen."
So heißt es im Umschlagtext. Das ist vielversprechend, das macht das Buch interessant. Doch bleibt von diesem Gefühl nichts übrig. Es kommt beim Leser einfach nicht an, was Carl Weller nun in Anna sieht, das sie von anderen unterscheidet. Es wird im Verlauf der Handlung klar, was er meint in ihr zu sehen. Doch die Frage nach dem Wieso bleibt.
Da es schon so schwer ist, Zugang zu dem Hauptcast in diesem Buch zu bekommen, bleiben die Randfiguren leider auch samt und sonders dort – am Rand. Keine der Figuren ist dazu gemacht, den Leser zu berühren, ihn in die Geschichte hineinzuziehen und ihn für die Geschichte zu erwärmen. Die Handlung läuft leise rauschend an dem Leser vorbei und hat zur Folge das er zum Schluß das Buch zu klappt und sich fragt: “Wieso? Wieso endet es so? Was genau ist nun mit Anna passiert? Was zum Geier ist mit Weller passiert? Und wie sollte man sich nun das Leben der beiden weiter vorstellen?”
Die Handlung als solche ist – wie oben schon geschrieben – langweilig. Man hat das Gefühl, man müsste durch die Geschichte fliegen, weil man ja wissen möchte wieso Weller, der nicht lieben darf, plötzlich lieben kann. Was den Ausschlag gibt, dass Anna so wichtig für ihn ist, was an Anna so toll ist. Es interessiert einen nicht, weil einfach nichts passiert, was fesselt. Weller ist eine interessante Persönlichkeit, schon aus dem Grund, weil er ist, was er ist. Aber ihm fehlt das Potential um jemanden 400 Seiten lang in Ehrfurcht vor ihm erstarren zu lassen. Ein bißchen Handlung am Rande wäre hier nicht schlecht gewesen, und wenn es einfach das gewesen wäre, dass man dem Leser die Möglichkeit gegeben hätte, in das “Weller-Versum” einzutauchen, zu sehen, was mit ihm geschehen ist, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Die Regeln des “Weller-Versums” erklärt hätte. Denn interessant wäre das mit Sicherheit gewesen.
Julia Talbot hat sich zwar bemüht, dem momentanen Vampir-Hype aus dem Weg zu gehen, wollte aber doch ein bißchen auf dieser Schiene mitfahren. Das Ergebnis ist ein Roman, der nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Kraftvolle, Übernatürliche Wesen – ja, die sind hier zu finden. Wieso und warum, was sie darstellen und wie sie in ihrer Welt leben, das bleibt ein Geheimnis. Die Hirachien werden kurz angeschnitten, aber das reicht nur soweit, dass der Leser weiß, dass sich die Autorin Gedanken um ihre Figuren gemacht hat. Was dahinter steht kommt nicht an. Der Leser kommt nicht an und letzten Endes kommt dadurch das Buch auch nicht beim Leser an.
Schade. Möglichkeiten wären hier genug gewesen. Sie wurden nur nicht umgesetzt.