In einer verschlafenen Kleinstadt auf Westjütland
Die Skandinavier haben mir in den letzten Jahren im Genre Krimi und Thriller so manche spannende Lesestunde beschert. Als im letzten Amazon Vine Restenewsletter das Buch „Vergeltung“ von der dänischen Autorin Julie Hastrup mit zur Auswahl stand, griff ich zu.
Die Kurzbeschreibung:
„In einer warmen Sommernacht wird die junge Anna ermordet aufgefunden, nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus in einer dänischen Kleinstadt. Die Polizei zieht die Sonderermittlerin Rebekka Holm hinzu. Die findet bald heraus, dass das Verbrechen bis in seine Einzelheiten an einen 20 Jahre zurückliegenden Mord an einer jungen Frau erinnert. Hat sich das Verbrechen von damals wiederholt? Hat Erik, Sohn des örtlichen Pfarrers, seine Freundin umgebracht? Doch dann wird ein zweijähriges Mädchen entführt. Ihr Name: Anna …“
klang nach Spannung. Von der Autorin
Julie Hastrup
hatte ich allerdings bislang weder gehört noch gelesen. Meine Recherchen im Netz ergaben, dass „Vergeltung“ ihr Romandebüt und Auftakt einer Reihe um ihre Hauptprotagonistin Rebekka Holm ist. Die Dänin wurde 1968 in Ringkøbing geboren und arbeitet als Journalistin in Kopenhagen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Vergeltung
Gleich im Prolog konfrontierte die Autorin mich als Leser mit dem gewaltsamen Tod der jungen Frau namens Anna Gudbergsen. Dabei schaffet sie es schon dort eine sehr spannungsgeladene Stimmung zu erzeugen. Obwohl ich durch den Klappentext bereits vorgewarnt war, ging ich richtig mit und hoffte irgendwie, dass die junge Frau doch noch entkommen kann.
Dann lernte ich auch schon die Hauptprotagonistin und Kopenhagener Sonderermittlerin Rebekka Holm kennen. Sie wurde nach Anforderung von ihrem Vorgesetzten kurzfristig nach Ringkøbing geschickt, um den Mord an der jungen Frau aufzuklären. Doch sie fährt mit sehr gemischten Gefühlen dort hin. Ist Ringkøbing doch die verschlafene Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist und die sie seit vielen Jahren wie die Pest gemieden hat.
Die Mordermittlung im Fall Anna Gudbergsen wird von ihr professionell geleitet. Rebekka hat eine sehr gute Ausbildung und ist eine taffe Frau, die im Beruf in jedem Fall ihren Weg schon gemacht hat. Dort ist sie kompetent und durchsetzungsfähig. In ihrem Privatleben sieht das allerdings anders aus. Das wiederum hängt mit einem tragischen Ereignis zusammen, welches vor vielen Jahren geschah.
Ihr Auftauchen bei den Ermittlungen spaltet die ortsansässige Polizei. Mehrere Kollegen halten den Einsatz einer Sonderermittlerin für überflüssig und wollen den Fall selbst lösen. Andere finden die Zusammenarbeit interessant und versuchen daraus zu lernen. Der Vorgesetzte, der sie selbst zu den Ermittlungen angefordert hat, ist durch den Druck der Öffentlichkeit zwiegespalten.
Leicht und flüssig ließ sich das Buch von Beginn an lesen. In einfacher und doch bildhafter Sprache wird die Geschichte erzählt. Der Autorin gelang es von Anfang an, mich als Leser in Spannung zu versetzen. Wie ich es oft schon bei skandinavischen Autoren erlebt habe, ist diese Spannung jedoch nicht mit hochspektakulären Ereignissen verbunden, sondern leiser aber permanent vorhanden. Durch den zweiten Handlungsstrang mit der ganz persönlichen Geschichte Rebekkas, sehr traurig und schicksalhaft, kam mir die Hauptprotagonistin menschlich sehr nah.
Die Ermittlungen selbst waren durchweg interessant, da gleich mehrere Verdächtige präsentiert wurden und ich viel über deren Hintergründe erfuhr. Mancher hatte seine eigenen „Leichen“ im Keller, mit denen er sich verdächtig machte. So hatte ich selbst mal den einen oder anderen auf dem Schirm und wurde am Ende dann doch überrascht.
Einmal ist in Bezug auf einen Verdächtigen der Autorin oder der Übersetzerin ein Fehler unterlaufen. Der war jetzt nicht so tragisch, dass er alle Logik auf den Kopf gestellt hätte, aufgefallen ist er mir dennoch. Später ist mir dann noch einmal eine Namensverwechslung unter gekommen. Aber auch hier wusste ich, wer eigentlich gemeint war.
Auffällig an diesem Roman fand ich, dass die familiären Hintergründe mehrerer Protagonisten ein Phänomen darstellen, welches ich selbst in meinem näheren Umfeld immer wieder erlebe. Der Anteil der kompletten Familien in der Gesellschaft ist gesunken. Immer mehr Eltern gehen auseinander, kümmern sich aber trotzdem noch gemeinsam um die Kinder. Aber auch durch die Erwähnung anderer Themen, von Behinderungen bis hin zur Homosexualität, wirkt alles wie aus dem Leben gegriffen.
Resümee
Alles in allem hat mir Julie Hastrups Krimi-Debüt sehr gut gefallen. Sie hat zwar das Genre mit Sicherheit nicht neu erfunden, vieles, besonders das Kompetenzgerangel innerhalb der Polizei und das Muster beruflich Superheldin, privat ganz schön problembehaftet, erinnerte an bereits Dagewesenes. Trotzdem hat die Dänin es geschafft, mich von der ersten bis zur letzten Seite am Ball zu halten. Längen gab es nicht. Die Mischung von Ermittlungsarbeit und Privatleben empfand ich als sehr gelungen und brachte mir die Hauptprotagonisten so nah, dass ich gewillt bin, die Reihe um Rebekka Holm weiter zu verfolgen. 4 Sterne und eine Leseempfehlung.