Inhalt:
Die junge Liadan besitzt besondere Gaben: Sie kann nicht nur den Körper heilen, sondern auch Geist und Seele und hat außerdem rätselhafte Visionen.
Sie wächst behütet in Sevenwaters auf, doch das Glück ist nicht von Dauer. Ihre Familie wird von mehreren Schicksalsschlägen heimgesucht und droht an diesen zu zerbrechen.
Als sie eines Tages von einer Söldnergruppe entführt wird, gerät sie in ein Abenteuer, das sie zur Schlüsselfigur für das gesamte Schicksal ihrer Heimat macht. Sie verliebt sich in einen Mann, mit dem sie keine Zukunft haben kann, während das "alte Böse" wieder erwacht und seine Finger nach Sevenwaters ausstreckt.
Hin- und hergerissen zwischen den Befehlen des alten Feenvolks und dem Wunsch, ihren eigenen Gefühlen zu folgen, muss Liadan einige schicksalsträchtige Entscheidungen treffen…
Aufmachung:
Das Cover hat nicht unbedingt etwas mit der Geschichte zu tun, gefällt mir aber trotzdem ganz gut. Das Motiv ist schlicht und unaufdringlich und gibt die geheimnisvolle, mythische Seite des Buches wieder. Das ist eigentlich gut, jedoch passt es nicht zu dem abenteuerlichen Teil der Handlung. Aber in diesem Fall ist zu wenig besser als zu viel.
Die Farben finde ich sehr ansprechend und auch die Schrift passt gut zum Gesamtbild.
Am Ende des Buches gibt es zwei sehr schöne Karten, die aber am Anfang besser zur Geltung gekommen wären.
Meinung:
Ich bin einfach nur begeistert von diesem Buch.
Da "Die Tochter der Wälder" schon so unglaublich gut war, hatte ich große Erwartungen in den zweiten Teil der Sevenwater-Saga und wurde nicht enttäuscht. "Der Sohn der Schatten" steht dem ersten Buch in nichts nach und ist eine mehr als gelungene Fortsetzung.
Besonders toll finde ich, dass hier viele Handlungsfäden, auch Nebenhandlungen, die man zuvor für unwichtig hielt, weitergesponnen werden und so ein stimmiges Ganzes ergeben.
Man trifft mehrere bekannte Charaktere wieder, lernt aber auch einige neue kennen.
Es gibt ein Wiedersehen mit Sorcha, dem Roten, einigen von Sorchas Brüdern und anderen Personen, die man schon im ersten Teil liebgewonnen hat. Es ist anfangs etwas seltsam, zu sehen, wie sie sich im Laufe der Jahre, die zwischen den beiden Büchern liegen, weiterentwickelt haben. Man gewöhnt sich jedoch schnell an die Veränderungen und wird sofort von der Geschichte mitgerissen.
Die Protagonistin ist Sorchas Tochter Liadan, die ihrer Mutter sehr ähnlich ist, aber auch eigene Charaktereigenschaften besitzt. Sie ist eine sehr starke, kluge, tapfere und aufopfernde junge Frau, die nicht nur sie Gaben ihrer Mutter besitzt, sondern auch einige Fähigkeiten ihrer Onkel in sich vereint. Für ihr geringes Alter erscheint sie mir manchmal fast schon zu stark. Oft habe ich mich gefragt, wie ein 16-jähriges Mädchen so viel aushalten kann. Ich musste mir ihr Alter immer wieder ins Gedächtnis rufen, denn an ihrem Verhalten gemessen, könnte man sie schnell für wesentlich älter halten. Trotzdem ist sie eine sehr sympathische Figur, und wenn ihr einziger Fehler derjenige ist, dass sie fast keine Fehler hat, ist das leicht zu verzeihen.
Auch der Mann, in den sich Liadan verliebt ist ein toller Charakter. Auf den ersten Blick scheint er gefährlich, geheimnisvoll, und absolut unpassend für sie zu sein. Doch er ist ganz anders, als man zunächst vermutet, und hat auch eine weiche, verletzliche Seite. Auf den zweiten Blick bemerkt man, wie gut die beiden zusammenpassen. Es ist nachvollziehbar, was sie aneinander finden und warum sie einander brauchen.
Insgesamt gibt es sehr viele Charaktere, aber man hat keine Schwierigkeiten, sie auseinanderzuhalten, weil ihre jeweiligen Eigenheiten und Merkmale so gut herausgearbeitet sind. Dadurch sind sie sehr vielfältig und glaubwürdig.
Es gibt außerdem kein Schwarz und Weiß, die "Guten" haben schlechte Seiten, ebenso wie die "Bösen" auch gute Eigenschaften besitzen. Alle handeln nach nachvollziehbaren Motiven (auch wenn diese nicht von Anfang an ersichtlich sind), was die Geschichte sehr authentisch wirken lässt.
Man hat auch nicht wirklich das Gefühl einen Fantasyroman zu lesen. Die wenigen Fantasyelemente fügen sich so selbstverständlich in die Geschichte ein, dass alles sehr real wirkt, als ob sich diese Geschehnisse vor langer Zeit wirklich so zugetragen hätten.
Fasziniert war ich außerdem von dem besonderen Verhältnis, das die Bewohner von Sevenwaters zu dem Land haben, auf dem sie leben.
"Der Sohn der Schatten" ist ein unglaublich fesselndes Buch, das man schwer aus der Hand legen kann, wenn man einmal zu lesen angefangen hat. Man fühlt richtig mit Liadan mit und kann es kaum erwarten, zu erfahren, wie es mit ihr weitergeht. Natürlich steht sie vor "unüberwindbar scheinenden Hindernissen", wie sich das für ein gutes und spannendes Buch gehört, und gerät in mehr als eine lebensbedrohliche Situation.
Die Autorin schreckt nicht davor zurück, ihre Charaktere richtig leiden zu lassen und auch nicht davor, liebgewonnene Personen sterben zu lassen. Dies nimmt den Leser zwar sehr mit, lässt ihn aber auch noch mehr mitfiebern und das Geschehen noch realistischer erscheinen.
In die eigentliche Geschichte sind außerdem noch viele kleine Geschichten geschickt eingewoben, die immer mit der Handlung in Verbindung gebracht werden können. Das ist eigentlich eine schöne Idee, hat mich persönlich aber manchmal etwas gestört, weil ich unbedingt wissen wollte, wie die Haupthandlung weitergeht. Das Lesevergnügen wird dadurch jedoch keinesfalls gemindert.
Juliet Marilliers Schreibstil ist einfach wunderbar. Ihre Art zu erzählen zeugt von viel Einfühlungsvermögen, Fantasie und Lebenserfahrung. Das Buch ist einfach zu lesen, nicht unterfordernd und nicht zu anspruchsvoll.
Fazit:
Eine wundervolle Liebesgeschichte und ein spannendes Abenteuer, gewürzt mit keltischer Mythologie. Dieses Buch hat einfach alles, was ein guter Roman braucht.
Ich bin selten so begeistert von einem Buch, dass ich über kleinere Fehler hinwegsehen kann, aber "Der Sohn der Schatten" hat es definitiv geschafft.
Wo ist der dritte Teil?