Leser-Rezensionen zu „Jakob der Lügner” von Jurek Becker
Rezension verfasst vor 3 Wochen (2)
Ich musste das Buch nach wenigen Seiten beiseite legen, erneut in die Hand nehmen, weiterlesen, und mich in die Geschichte erst hineinfinden, ehe ich das Buch schließlich nicht mehr aus den Händen legen konnte. Mit jeder Seite steigt die Spannung und ich wurde mehr in das Leben von Jakob hineingezogen. Eine zutiefst ergreifende Geschichte, die sich im Ghetto von Lodz 1944 zuträgt. Jakob´s Lüge ein Radio zu besitzen, beginnt, sich unerwünscht wie ein Lauffeuer auszubreiten. Immer enger ziehen sich die Kreise, die Last, die auf Jakob ruht den Bewohnern neue, hoffnungsvolle Nachrichten zu übermitteln. Mehr und mehr baut Jakob, inmitten der ersten Deportationen und Todesfälle eine Welt auf, die er schließlich vor seinen Augen mit dramatischer Brutalität zerbrechen sieht.
Selten war ich nach einem Buch so mitgenommen. Ein Überlebenskampf, der hautnah mitzuerleben ist.
Rezension verfasst vor 3 Wochen (6)
Ich habe dieses Buch im Rahmen eines Seminars zu Jurek Becker gelesen und fand es am Anfang weniger spannend. Man muss sich erst einmal an die Schreibweise mit ihren Perspektivenwechseln und ihren Schachtelsätzen gewöhnen, ehe man sich in das Buch hineinlesen kann und alles in allem ist diese Eingewöhnung recht Anstrengend. Hat man das aber überstanden, wird das ganze schon eine Spur ansprechender.
Durch die Perspektivenwechsel und die vielen Einschübe seitens des Erzählers behält man eine Distanz zum Geschehen wird trotz der Schwere mancher Ereignisse nicht so tief in die Geschichte hineingezogen, dass es einen trifft. Das fand ich sehr angenehm und auch die zwei verschiedenen Enden haben einem das Thema - also Juden im Ghetto & ihre Vernichtung - erleichtert. Inhaltlich wurde auch sehr schön dargestellt, wie sich eine Lüge verbreiten kann, wie sie zustande kommt und wie sie wirkt.
Ein lesenswertes Buch.
Rezension verfasst vor 1 Monat (19)
Ein Ghetto, Ende des zweiten Weltkriegs: Eines Tages hört der Jude Jakob durch Zufall eine Radionachricht, die verkündet, dass die Russen schon kurz vor Bazanika sind. Im Vertrauen erzählt er es einem guten Freund, doch der will es nicht glauben und so greift Jakob kurzerhand zu einer Notlüge und behauptet, er besäße selbst ein Radio. Von nun an wollen die Bewohner des Ghettos jeden Tag neue Nachrichten hören, denn die geben ihnen Hoffnung, das alles bald vor bei ist. Wohl oder übel lügt Jakob weiter, erfindet immer mehr Schlachten, die die Deutschen verloren haben. Doch nicht alle Ghetto-Bewohner snd Jakob wohlgesinnt, so ein Radio ist etwas gefährliches, es ist unter Strafe verboten und wer eins besitzt, dem droht der Tod.
Ich habe sehr lange gebraucht, um mit diesem Buch warm zu werden, ungefähr die ganze erste Hälfte, und das liegt vor allem an dem gewöhnungsbedürftigen Schreibstil.
Es wird in verschiedenen Zeitebenen erzählt. Größtenteils berichtet der Ich-Erzähler über die Geschehnisse im Ghetto während Jakob behauptet, er besäße ein Radio. Es wird nicht nur über Jakob, sondern auch über Nebenfiguren, z.B, Mischa und Rosa berichtet. Dieser Teil wird im Präsens erzählt. Dann gibt es die Zeit nach dem Krieg, in der der Ich-Erzähler recherchiert und Zeugen befragt hat, die wird in der Vergangenheit erzählt und schließlich gibt es noch die Zeit lange vor dem Radio, auf die Dauer ist es also ein bisschen verwirrend mit diesen vielen Zeiten.
Eine weitere seltsame Angewohnheit des Erzählers ist es, nicht nur zu erzählen, was denn nun tatsächlich passiert ist, sondern auch, was passier sein könnte, oder was er glaubt, was passiert ist. Es ist deshalb nicht immer leicht Realität und Erfindung auseinander zu halten.
Der dritte Punkt, der mich am Stil gestört hat, ist, dass nicht nur in der dritten Person singular, sondenr teilweise auch mit "du" und "man" geschrieben wurde, und ich habe mich manchmal gefragt: "Warum denn "du", was hat den das mit mir zu tun?"
Aber jetzt zum Inhalt: Viele sagen ja, das Buch sei so berührend, weil es die schlimme Situtation in dem Ghetto so gut darstellt, aber das finde ich ehrlich gesagt nicht. Viel zu oft wurde das Leben ganz normal geschrieben, man konnte glatt vergessen, wo das Buch spielt, bis irgendwann wieder ein Soldat auftauchte. Zwischendurch hatte ich auch das Gefühl, dass der Geschichte irgendwie die Handlung fehtl. Die Charaktere waren mir etwas zu blass, nicht gut genug beschrieben. Bis aus Kowalski und Lina konnte ich mir keinen so richtig vorstellen.
Erst gegen Ende hin wurde "Jakob der Lügner" wirklich gut, die Lage der Juden wurde endlich so dramatisch beschrieben, wie sie eigentlich schon die ganze Zeit gewesen sein muss, die Personen "tauten auf" und wurden irgendwie lebendiger - das kann auch daran liegen, dass ich mich langsam an den Schreibstil gewöhnt hatte.
Das Ende hat mir dann sehr berührt, es war traurig, aber realistisch und genau richtig, für ein Buch wie dieses.
Fazit: "Jakob der Lügner" schreckt zunächst durch den ungewohnten Schreibstil ab und kann am Anfang weder durch große Spannung noch durch besonders viel Handlung oder interessante Charaktere überzeugen, doch wen das Thema und die Grundidee des Buches interessiert, der sollte bis zum Ende lesen, denn in der zweiten Hälfte wird das Buch wesentlich besser, die Charaktere "tauen auf", die Handlung wird interessanter und vor allem die letzten Seiten sind sehr berührend. Trotzdem gebe ich nur 3 Sterne, das Buch ist eher was für Fans dieses Themas oder dieses Autors.
Rezension verfasst vor 4 Monaten (15)
Kowalski fragt in meiner Nähe: „Kriegen wir kein Essen, weil Hardtloff [Sturmbannführer] tot ist?“
„Ist doch klar“, sage ich.
„Wenn ihr mich fragt“, sagt Kowalski, „das ist es wert.“
Er erntet nicht gerade Lachstürme, kein Mittag, das trifft empfindlich, gewissermaßen ein Schlag auf den Magen. Aber Kowalski versucht es netterweise mit einem weiteren schlichten Scherz: „Stellt euch vor, jedes Mal wenn einer von uns draufgeht, kriegen die Deutschen nichts zu fressen. Das möchte ein schönes Hungern sein!“
Jurek Beckers Jakob der Lügner ist eines von unzählig vielen Büchern, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen, als Juden, Homosexuelle, Linke und viele andere verbannt, schikaniert und getötet wurden. Viele dieser Bücher sind wahre Lebensgeschichten, von Überlebenden oder Nachfahren erzählt, sachlich und nüchtern oder lebendig und emotional – diese Literatur ist nach wie vor notwendig. Denn die Schicksale dieser Menschen gehören aufbewahrt, weitererzählt, archiviert, damit sie nicht vergessen werden. Nicht mehr lange und auch die Überlebenden von heute werden nicht mehr sein. Beckers Roman hingegen zählt zur Kategorie Fiktion – wenn auch die Erzählstruktur vorgibt, dass das Geschilderte sich so oder so ähnlich zugetragen habe. Die Tatsache im Hinterkopf, dass das alles nur erdacht und erfunden ist, führte dann bei mir auch dazu, die Lektüre mit einer gewissen Skepsis zu beginnen. Doch schnell wurde ich in einen Sog gezogen, einen Sog, dem sich wohl die meisten Leser nicht entziehen konnten, wenn man sich die Bewertungen und Rezensionen näher anschaut. Becker findet einen äußerst ungewöhnlichen Ton für seine Geschichte, von trockenem Humor (siehe Zitat oben) durchzogen, aber auch von viel Gefühl. Jakob der Lügner ist ein Buch, das berührt, aufwühlt und fesselt – es gehört, kurz gesagt, in jedes Bücherregal.
Rezension verfasst vor 4 Monaten (9)
Jetzt weiß ich endlich, warum ich mit der "Bücherdiebin" nicht so recht warm wurde, warum sie mir partout nicht so gefallen wollte wie den meisten Lesern. Was für ein Kontrast zu diesem Buch hier! Bei der "Bücherdiebin" ging es viel zu plakativ, mit erhobenem Zeigefinger, und unerträglich belehrend zu - obwohl es sich ebenso um eine Schilderung der Gräuel des Zweiten Weltkrieges handelt. Zumindest ich habe das so empfunden. Den ganzen Schreibstil habe ich als Bevormundung des Lesers empfunden; immerzu wurde einem, besonders durch diese nicht enden wollenden auktorialen Einschübe, das Bedeutsame "unter die Nase gerieben", so nach dem Motto, "los, Leser, das hier ist schlimm, das ist grausam, das sind die Guten, das die Bösen".
Doch wie anders geht Jurek Becker vor! Liegt es daran, dass er hier eigene Erfahrungen verarbeitet? Schließlich hat er selber als Kind im Warschauer Ghetto gelebt. Oder hatte er, geprägt durch das eher repressive System der DDR, von vornherein eine andere, "wissendere" Leserschaft vor Augen? Wusste er, dass man die größten Wahrheiten, die schlimmsten Zustände, eben besser "unter der Hand", mit Galgenhumor und Augenzwinkern, an den Mann und die Frau bringt? Wie es auch sein mag, "Jakob der Lügner" hat mich mitten ins Herz getroffen, und ich würde am liebsten 6 Sterne vergeben! Dieses Buch lebt von Erkenntnissen zwischen den Zeilen, von osteuropäischem Witz, und von vielen, vielen liebevollen Episoden.
Und vor allem lebt es von seiner Schreibweise, die ich nur als sehr gekonnten "Kniff" bezeichnen kann. Die Geschichte wird von einem namenlosen Erzähler vorgetragen, der sowohl Jakob als auch alle anderen Protagonisten gekannt haben will. So wird schon nach wenigen Seiten der eher tragische Grundton des Buches deutlich. Denn dieser Erzähler berichtet eben im "Danach", er ist als einer der wenigen Überlebenden aus dem Warschauer Ghetto hervorgegangen. Man weiß also von vornherein, Jakob kann es nicht geschafft haben. Und dennoch ist er seinen Mitinsassen derart im Gedächtnis geblieben, dass von ihm berichtet wird.
Das Buch wird getragen von einem durch und durch "mündlichen" Erzählstil. Der namenlose Erzähler scheint einem Publikum gegenüber zu sitzen, an das er sich von Zeit zu Zeit wendet. Indirekt wird dies deutlich, da er auch ab und an Abschnitte einschiebt, in denen er sich und seine Zeitgenossen rechtfertigt, oder in denen er von den damaligen Umständen berichtet. In denen er deutet, unterstreicht, abwägt. Und er schwadroniert eben herzlich gerne - was den Ereignissen bei aller Tragik eben diesen komischen Unterton verleiht.
Ich muss es wirklich zugeben, ich habe etliche Male herzhaft gelacht! Denn dieser Jakob war ja beileibe kein Held, oh nein. Er war aber ein herzensguter Zeitgenosse, der von seiner eigenen (Not)Lüge mitgerissen wird, und in der Folge immer wieder Umstände zurechtbiegen muss, damit er nicht auffliegt. Er hat seinen Mitinsassen vorgespielt, er habe ein Radio - und nun wird er täglich belagert und ausgefragt. Doch woher die Nachrichten nehmen, wenn es dieses Radio gar nicht gibt? Ewig unvergessen wird mir die Episode mit dem Klosett bleiben - dort vermutet Jakob nämlich alte Zeitungen, aus denen sich zur Not etwas entnehmen ließe. Doch dann sitzt er plötzlich auf dem Scheißhaus fest, da schon der nächste deutsche Soldat (auch noch mit Durchfall!) vor der Tür steht - und Jakob als Jude darf unter keinen Umständen entdeckt werden.... Köstlich!!
Wie nebenbei lernt der Leser auch zahlreiche Anekdoten aus dem alltäglichen Wahnsinn des Ghettos kennen. Liebesgeschichten, plötzliche Säuberungsaktionen, Bündnisse, Warnungen, Heimlichkeiten. Und das alles eben zweifach gefiltert durch den namenlosen Erzähler, sowie die Erzählhaltung aus "zweiter Hand". Doch gerade dadurch geht dem Leser das alles unmittelbar zu Herzen! Der Erzähler bringt sogar das große Kunststück fertig, den tragischen Schluss abzumildern, indem er kurz und bündig ein alternatives Ende "erfindet", und den Leser entscheiden lässt, welches Ende nun besser sei. Hier hatte ich wahrhaftig Tränen in den Augen.
Es mag durchaus sein, dass dieses Buch nicht für jeden Leser leicht konsumierbar ist. Man muss schon fähig sein, zwischen den Zeilen zu lesen, sich einzufühlen, mitzudenken. Und eine gewisse Neigung zu schwarzem bis schwärzestem Humor kann auch nicht schaden. Dennoch, wie schon bei "Der Nazi und der Friseur" von Edgar Hilsenrath, kann ich nur sagen, dass Humor für mich immer noch die beste Art und Weise ist, sich dieser Zeit der deutschen Vergangenheit zu nähern. Dieses Buch hat sich in mein Herz und Gedächtnis gebrannt, und wird diesen Platz nie mehr verlieren.
Rezension verfasst vor 6 Monaten (8)
Die mehrmals ausgezeichnete sogenannte "optimistische Tragödie".
Das Buch spielt gegen Ende des 2. Weltkrieges in einem Ghetto in Polen. Es geht um den Juden Jakob, der um seinen Leidensgenossen Hoffnung zu schenken zum Lügner wird.
In diesem Roman wird sehr kreativ, einfühlsam und von Zeit zu Zeit philosophisch ein Einblick in das Leben in Judenghettos gewährt. Es geht um Hoffnung, Freundschaft und die Ironie, die im Leben auf einen lauert.
Rezension verfasst vor 7 Monaten (8)
Jurek Beckers Debütroman „Jakob, der Lügner“ hat, trotz seines Prädikats als Klassiker der Weltliteratur, lange Zeit ein verstaubtes Dasein in meinem Regal gefristet. Zum einem wirkt das Thema Holocaust seit jeher stark abschreckend auf mich, zum anderen haben die im Geschichtsunterricht gezeigten Archivbilder über die Befreiung von Auschwitz Spuren hinterlassen. Kurzum: Sich diesem dunklen Kapitel unserer deutschen Vergangenheit nochmals zu stellen, habe ich mich bisher einfach nicht getraut. Letztlich ward es dann jetzt doch von mir gelesen, was ich im Nachhinein auch nicht bereut habe, denn Beckers Auseinandersetzung mit den Grauen der Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs ist über alle Maßen gelungen. Er schafft das scheinbar Unmögliche – mit Humor über den Holocaust zu schreiben und seine eigenen persönlichen Erfahrungen (Becker selbst wuchs im Warschauer Ghetto sowie in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Sachsenhausen auf und lebte später in Ostberlin, wo auch „Jakob, der Lügner“ entstand) einzuarbeiten, ohne den Roman zu sehr autobiographisch zu prägen.
Geschildert wird die Geschichte aus der Perspektive des einzigen Überlebenden eines polnischen Ghettos, der nicht über die Deportation seiner eigenen Familie und seiner Freunde sprechen mag, und dem Leser stattdessen von Jakob Heym berichtet. Dieser ist zur selben Zeit wie der Erzähler Bewohner des Ghettos. Und das „Leben“ dort bedeutet Verzicht auf alles. Bäume sind in dem abgeriegelten Bezirk von den Nazis verboten worden, genauso wie der Besitz von Ringen und sonstigen Wertgegenständen, die Haltung von Tieren oder der Aufenthalt auf der Straße nach acht Uhr. Besonders diese Sperrstunde macht dem begeisterten Spaziergänger Jakob zu schaffen. Und sie ist es auch, mit der diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Jakob wird vorgeblich nach der festgelegten Ausgangssperre von einem Wachposten erwischt, der ihn in das Hauptquartier der örtlichen Polizei schickt. Jakob zittert vor Todesangst, doch er hat Glück im Unglück. Der guten Laune eines anwesenden Offiziers ist es zu verdanken, dass er nicht nur als erster Jude das deutsche Revier lebend verlässt und sich somit der Willkür eines wahrscheinlich nur gelangweilten Wachmanns entzieht, sondern auch noch eine aktuelle Frontlage aus einem Radiobericht belauschen kann. Die Russen sind auf dem Vormarsch. Sie kämpfen kurz vor einer nur 400 bis 500 km entfernten Stadt.
Als er diese Nachricht den Bewohnern des vollkommen von der Außenwelt abgeschnittenen Ghettos präsentiert, will ihm niemand Glauben schenken. Ausgerechnet jetzt will Jakob Frontberichte gehört zu haben? In der Höhle des Löwen, dem deutschen Revier? Ein Ort, den keiner verlässt? Jakob, der ein wenig Freude schenken wollte, wird nur müde belächelt. Um einem Freund aufzumuntern und die Nachricht glaubhafter zu machen, entwirft er eine Notlüge. Er behauptet ein Radio zu besitzen. Dies wird nun schnell zum Lebensgrund der Menschen. Die täglichen Neuigkeiten, die Jakob erfindet, wecken neuen Glauben bei den Ghettobewohnern. Plötzlich werden Pläne für nach dem Krieg geschmiedet, geben sich Paare der Liebe hin, hören die Selbstmorde auf. Aus „einem Gramm Nachrichten“ erschafft Jakob „eine Tonne Hoffnung“ und sieht sich damit einen großen Verantwortung ausgesetzt. Er zerbricht sich den Kopf bei der Erfindung neuer, glaubwürdiger Neuigkeiten, improvisiert sogar ein Interview mit dem englischen Premier Winston Churchill. Bald übersteigt das Lügen seine Kräfte. Doch als er die Wahrheit gestehen will, muss er erkennen, dass ein einfacher Rückzug nicht mehr möglich ist …
Puh, was für ein Buch. Mit einer beiläufigen, klaren und oft sehr humorvollen Sprache schildert Becker den hoffnungslosen und dramatischen Alltag der Bewohner eines Ghettos unter dem menschenverachtenden Naziregime, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen verpackt er seine Kritik an der damaligen Zeit in der Geschichte selbst. Aufgrund des auktorialen Erzählers, der selbst im Ghetto lebt und die Grausamkeiten und Probleme durch seine Erzählweise (das Dokumentarische wird mit dem Erfundenen vermischt und durch Rückblicke unterbrochen) auflockert, wirkt der Plot von Beginn an authentisch, wird er vor unseren Augen lebendig. Während andere thematisch ähnliche Romane den Leser durch das deprimierende Leid und die Schuldzuweisungen erdrückt, liest sich„ Jakob, der Lügner“ trotz eben dieses historischen Hintergrunds seltsam erfrischend, wenngleich die liebevolle Beleuchtung der Figuren dazu führt, dass man sich des drohenden Unheils stets bewusst ist. Unmöglich, das Buch einfach an die Seite zu legen, ohne sich Gedanken zu machen. Unmöglich, trotz des immer wieder aufkeimenden Glücks nicht todtraurig und den Tränen nahe zu sein. Beckers Erstlings hinterlässt tiefe Spuren beim Leser, da man sich unwillkürlich direkt angesprochen und sich zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte gezwungen fühlt.
Die heimliche Hochzeit von Mischa und Rosa, die Mütze Herschels, welche er nie absetzt oder die kleine Lina unter dem Dachboden. Gerade die kleinen Episoden, die das Geschehen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel zeigen, füllen dieses gerade mal 283 Seiten lange Buch mit soviel Leben. „Jakob, der Lügner“ ist nicht die Anklage der Täter. Die Tragik des Romans liegt nicht in der Aufzählung von den Verbrechen an den Juden. Ghettoaufseher und Gestapopolizisten sind bis auf wenige Ausnahmen nur namenlose Vertreter des Antisemitismus, welche nur beiläufig erwähnt werden. Nein, es sind diese anrührenden Momente der aufflackernden Hoffnung, welche Jakob entfacht, die zu Herzen gehen.
Becker entlässt den Leser am Ende, wie angesichts der Geschichte nicht anders zu erwarten, ernüchtert und nachdenklich, aber auch mit der Erkenntnis, dass menschliche Freuden selbst unter den schlimmsten Umständen möglich sind. Ein Buch der leisen und bescheidenen Töne, dem jeglicher Hass gänzlich fehlt und das trotz düsterer Dramaturgie, die verschmitzte Heiterkeit des osteuropäischen Witzes einfängt.
Ein literarisches Ereignis und ein Klassiker, der einfach in jedes gut sortierte heimische Bücherregal gehört, aber auch ein Buch, für das man reif genug und bereit sein muss. Eins ist in jeden Fall klar: Vergessen wird man Jakob, den Lügner, wohl nie. Und vielleicht war eben das Beckers Absicht.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (5)
völlig andere Auseinandersetzung mit dem Thema des Nationalsozialismus. sehr bewegend.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (12)
Jakob hört durch Zufall einen Fetzen einer Nachricht. Dieser Fetzen ist das Samenkorn zur Hoffnung im Getto, welches Jakob unbedarft ausstreut und sät. Jakob gelingt es nicht mehr, dieser Hoffnung einhalt zu gebieten und so breitet sich die Saat aus bis am Ende......
Ein wunderschönes Buch über die Hoffnung, mit farbig ausgearbeiteten Protagonisten im grauen Getto.
Jurek Becker hat die Geschichte mit vielen Gedanken hinter den Gedanken ausgearbeitet, welche zum Nachdenken anregen.
Rezension verfasst vor 1 Jahr (13)
Allgemein gehört zu unseren Werten, dass man nicht lügen sollte. - Jakob Heym ist ein Lügner. Er belügt jeden Tag viele andere Menschen. Ganz bewusst führt er sie hinters Licht. Und dennoch: als Leser kann man ihn nicht verurteilen, er ist ein "guter" Lügner.
Jakob ist Bewohner eines jüdischen Ghettos in einer polnischen Stadt. Die Nazis versuchen die Eingeschlossenen von allem, was positiv auf sie wirken könnte, fernzuhalten. Ihnen das Leben so trist wie möglich zu gestalten. Vieles ist deshalb verboten: zB Bäume, abends nach 8 Uhr auf der Straße unterwegs sein ... und natürlich auch Radios. - Eines Abends wird Jakob von einem Wachposten angehalten und nach der Uhrzeit gefragt. Natürlich weiß Jakob nicht, wie spät es ist. (Uhren sind nämlich auch verboten im Ghetto.) Der Wachposten behauptet es sei nach 8 Uhr bereits und das er damit gegen die Ausgangssperre verstoßen hat. Jakob soll sich deshalb in das Revierhäuschen begeben und dort um eine "gerechte Strafe" bitten. - Er hat keine Wahl, er geht in das Revierhäuschen. Dort bekommt er durch Zufall eine Radio-Meldung mit, worin es heißt, dass die Russen kurz vor Bezanika, dass nur 400 km entfernt ist, stehen. Eine frohe Botschaft. - Und noch ein Glücksfall passiert Jakob: Die befürchtete Todesstrafe, die üblich ist bei dem Vergehen, bleibt aus, da der Nazi gute Laune hat und die Uhr tatsächlich erst kurz nach halb 8 zeigt. Deshalb wird er nach hause geschickt.
Natürlich will Jakob die gute Radio-Meldung unter die anderen Juden verbreiten. Bedeutet dies doch Hoffnung, dass der Spuk bald ein Ende hat. Aber wenn er sagt, wo er die Meldung gehört hat, würden sie ihn, da er immer noch lebt, als Spitzel vermuten. Jakob erfindet daher ein eigenes Radio, in dem er die Meldung gehört haben will.
Die Nachricht verbreitet sich wie im Fluge. Nicht nur die über die Russen, auch die, dass da einer ein Radio hat. - Jeden Tag wird nun Jakob nach den neuesten Geschehnissen gefragt. Und er improvisiert, erdenkt Schlachten, wie die an der Rudna, die es nie gegeben hat. Und er spürt: die Menschen sind ihn dankbar. Endlich gibt es wieder Hoffnung für sie. Endlich gibt es morgen auch wieder einen Tag.
Das Leben der Menschen hat wieder einen Sinn: überleben bis zur Befreiung, die ja nicht mehr lange dauern kann nach den Nachrichten. Die Selbstmorde hören auf. - Aber nicht alle sind begeistert. Viele bekommen angst, fürchten die Rache der Gestapo, wenn sie von dem Radio erfährt. Jakob gerät zwischen die Fronten, die sich im Ghetto bilden.
Da passiert eine Stromsperre. Jakob muss erstmal nicht weiterlügen, denn ohne Strom keine Meldungen. Doch eine Stromsperre dauert nicht ewig. Auch diese nicht. Jakob kommt wieder unter Druck und behauptet, dass das Radio kaputt sei. - Da wird er Zeuge, als Herschel Schtamm von einem Aufseher erschossen wird, weil er Deportierten, die in einem Waggon auf dem Ghettobahnhof saßen, etwas, vermutlich die guten Nachrichten, zugeflüstert hat. - Jakob fühlt sich schuldig. "Das Verhinderte bleibt dir ewig verborgen, nur was du angerichtet hast, ist sichtbar." In der Nacht grübelt er lange und er beschließt: Das Radio spielt wieder.
Die frohen Botschaften von Jakob finden nun wieder täglich ihre Abnehmer. Die Hoffnung lebt wieder unter den Bewohnern des Ghettos. Doch die Gräuel gehen weiter. Ganze Straßenzüge werden deportiert. Die Hoffnung schwindet, auch bei Jakob. Er kann es nicht mehr ertragen. Er fühlt sich schuldig. Die Menschen haben ihn vertraut und nun werden sie dennoch deportiert. Wofür also das Hoffen?
Jakob vertraut sich seinem Freund Kowalski an. Er sagt ihm die Wahrheit. Kowalski aber denkt, dass Jakob nur Ausflüchte sucht, da ihm die Sache zu heiß geworden ist. Er kann aber Jakob da verstehen, sagt er. Kowalski erhängt sich in der Nacht.
Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende!
Haben all die Lügen am Ende einen Sinn gehabt? Etwas Positives bewegt? Was erreicht?
Der Roman erschien 1969 in der DDR und wurde 1974 verfilmt. Die Defa-Verfilmung wurde als erster deutscher Film der Nachkriegsgeschichte für den Oscar nominiert. - Aber auch der Roman an sich wäre einen Literatur-Oscar wert, den es aber nicht gibt, leider. - Sprachlich eindrucksvoll schildert Becker das Leben im Ghetto und auch das, was in den Menschen vorgeht. Die Geschichte berührt.










