...ja, ich weiß, Kollegenschelte ist pfui, aber hier platzt mir einfach der Kragen:
Adler-Olsen hat keinerlei „Erbarmen“ mit seinen Lesern. Das Buch ist Stümperei: Dünne Story, grauenhafter Plot mit haarsträubenden logischen Brüchen und lieblos hingeschmierte, völlig unglaubwürdige Charaktere.
Da wäre eine der beiden Hauptpersonen: Merete, die von ihren Entführern in einer Art Druckkammer über Jahre hinweg gefangengehalten wird. Über diesen technischen Schnitzer könnte ich noch hinwegsehen (eine Druckkammer in Zimmergröße, die über lange Zeit das Ersticken eines Menschen verhindern soll, erfordert einen erheblichen technischen und finanziellen Aufwand, der sich auf Dauer wohl kaum geheim halten lassen würde).
Unentschuldbar dagegen ist die Passivität von Merete während Ihrer Gefangenschaft. Sie wird uns als dynamische, gut aussehende Politikerin vorgestellt, die an ihrer kometenhaften Karriere arbeitet. Das gelingt, wie wir alle wissen, nur mit taktischer Finesse, rücksichtsloser Manipulation und dem jederzeit richtigen „Riecher“. Diese toughe Powerfrau versucht also, aus ihrem Gefängnis auszubrechen. Mit aller Kraft kratzt sie sich an der hermetisch verriegelten Stahltür die Hände blutig, bis ihr -- oh Gott! -- die Fingernägel abbrechen (als Vater einer 11-jährigen Tochter weiß ich natürlich, dass mit abgebrochenen Fingernägeln das Leben sofort jeden Sinn verliert. Es ist aus und vorbei! Da bleibt nur noch die Hoffnung auf einen raschen und gnädigen Tod...).
Merete gibt also auf und fügt sich in ihr Schicksal. Brav isst sie die hereingereichten Mahlzeiten und verwendet ordentlich den täglich gewechselten Klo-Eimer. Dabei leidet sie unsägliche Qualen, weil ihre grausamen Peiniger ihr nur einmal pro Woche eine frische Rolle Toilettenpapier zugestehen.
Ganz ehrlich: Von dieser Figur würde ich als Leser doch ein klein wenig mehr Kampfgeist erwarten (irgendwann sind die Fingernägel ja wohl wieder nachgewachsen?). Warum tritt sie nicht in Hungerstreik und testet damit ihre Entführer? Warum provoziert sie nicht eine Reaktion, indem sie mit Essenspampe die verspiegelten Beobachtungsscheiben beschmiert und so ihren Gefängniswärtern die Sicht nimmt? Warum blockiert sie mit dem Toiletteneimer nicht die Luftschleuse, durch die sie mit Nahrung versorgt wird? Es wäre doch nett, zu sehen, wie die Peiniger reagieren, wenn ihnen beim Öffnen der Nahrungsklappe durch den Überdruck in der Kammer ein randvoller Eimer entgegenscheißt -- sorry: -schießt!
Na gut, niemand darf von einem Autor bekanntlich Fantasie erwarten...
Dann wäre da noch der andere Protagonist: Carl, der erfahrene Ermittler. Als Mensch eine Niete aber mit überragenden Aufklärungsquoten seiner Fälle. Die Kollegen meidet er, sein Ruf ist ihm egal und seine Chefs können ihn kreuzweise. Nur zwei kompetente Untergebene duldet er. Dann jedoch geschieht die Katastrophe: Bei einem Einsatz gerät das Trio in eine Schießerei. Der eine Polizist haucht noch am Tatort sein Leben aus, der andere erhält eine Kugel in den Rücken und ist gelähmt. Carl dagegen kommt mit einem Streifschuss davon. Schwer traumatisiert hadert er mit seinem Schicksal: Warum hat er die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt? Warum konnte er seine Untergebenen nicht schützen?
In dieser Lebenskrise wirkt es gelinde gesagt etwas lächerlich, dass er jedes weibliche Wesen anbaggert, das noch keinen Rollator schiebt.
Völlig zum Affen wird er, als seine zukünftige Ex mit ihrem jungen Liebhaber beschließt, eine Kunstgalerie zu eröffnen. Für die Finanzierung dieser Existenzgründung hat das frivole Pärchen Carl auserkoren. Um dieses Ziel zu erreichen, fährt die Ex in spe schweres Geschütz auf und macht Carl das Leben zur Hölle: 3 (in Worten: drei!!) mal ruft sie ihn an, dann hat sie ihn endlich so weit: Der mit allen kriminellen Wassern gewaschene und dazu noch gehörnte Kommissar unterschreibt zähneknirschend den Scheck.
Böser Leser, der hier naiv „warum eigentlich?“ fragt...
Ich habe mich bis Seite 82 in der Hoffnung auf Besserung der Lektüre durchgequält und dann entnervt aufgegeben. Falls das Werk im weiteren Verlauf noch irgendwelche Qualitäten entwickeln sollte, kann ich sie daher nicht beurteilen. Vielleicht erstattet mir mein Buchhändler den Kaufpreis zurück. Dann habe ich wenigstens „nur“ meine wertvolle Lesezeit verplempert.
Ach ja, hier noch ein Netzfund: „Die Welt“ orakelte am 28.11.09: »Adler-Olsen zeigt im aparten Auftakt seiner Mørck-Reihe, dass dramaturgisch gewiefte Romane ähnlich packend geraten können wie TV-Krimis.«
Alle Achtung: Solch einen frechen Hintersinn habe ich der „Welt“ bisher gar nicht zugetraut!