Eine Frau im Schlankheitswahn: Karen Duve erzählt in ihrem Roman „Dies ist kein Liebeslied“
von einem Leben, dass sich nach der Zahl auf der Waage und nach der Anerkennung der
Umwelt richtet. Eine Geschichte über eine Frau, die selbst Werther um seine Empfindsamkeit
beneidet.
In seinem Leben ist jeder mindestens einmal unglücklich verliebt und leidet. Das gehört zur Jugend
genauso dazu, wie auf Partys zu gehen, Freunde zu treffen und auf Klassenfahrten Flaschendrehen zu
spielen. Es entsteht ein Wir und man gehört zusammen. Doch das ist nicht immer selbstverständlich.
Es geht um Anne, Anne Strelau. Sie ist dick, hässlich und hat keinen Funken Selbstbewusstsein. Ihre
Familie ist zerrüttet, vom Vater nicht geliebt, von der Mutter zu sehr in Schutz genommen. Bis sie
sieben Jahre alt ist, fühlt sich Anne wohl, ist sie selbst. Sie und ihr bester Freund führen im
hauseigenen Garten eine Tierarztpraxis, zur Verarztung von Laubfröschen. Doch dann der
Wendepunkt. Ihr bester Freund findet ihren Hintern dick. Plötzlich sieht sie es auch – ihre
Klassenkameradinnen sind dünner. Schon mit zehn Jahren beginnt Duves Protagonistin mit ihrer
ersten Diät, und ab da an geht es in ihrem Leben nur noch bergab. Anne definiert sich fortan
ausschließlich durch ihren Körper und ihr Leben dreht sich nun um die magische Zahl 67, unter die sie
ihr Körpergewicht bringen will.
Erzählerisch beginnt Karen Duve im Flugzeug: Anne, erwachsen und 117 kg schwer, im Flugzeug. Sie
ist eingezwängt in einen viel zu kleinen Sitz, für ihre viel zu voluminösen Oberschenkel. Sie ist auf
dem Weg zu ihrer großen, unerwiderten, großen Liebe: Peter Hemstedt. Während des Fluges und ihrer
panischen Angst vor dem Start, sowie der Landung reflektiert sie ihr Leben: Diäten, Pillen, Sex,
Bulimie, Affären, Misserfolge, Unverständnis. „Wer glücklich ist, hat etwas zu verlieren“, sagte
Anne Strelau immer wieder – es ist ihr Leitsatz, der sie durch ihr Leben führt. Passiv steht sie neben
sich, wirft Pillen ein um schlank zu werden und verliert sich dabei immer mehr selbst. Sie baut keine
normale Bindung zu ihren Eltern auf, hat keine relevanten Freunde. Beziehungen zu Männern äußern
sich nicht durch Liebe, sondern nur durch Bestätigung ihrer selbst. Männer haben für sie den Zweck,
ihr Selbstwertgefühl zu steigern, obwohl sie die Nähe nicht genießt. Anne begründet es so: „Trotzdem
konnte ich nicht nein sagen, als er mich fragte, ob ich mit ihm gehen wolle. Drei Mädchen aus meiner
Klasse waren in ihn verliebt.“ Das Gefühl der Anerkennung für einen Freund zählt, nicht das Gefühl
mit ihm.
Die Hamburgerin Karen Duve setzte mit ihrem Erstlingswerk Regenroman und den Erzählungen
Keine Ahnung hohe Maßstäbe. Gelobt wurde stets ihre Erzählkunst, die auch in verschiedenen Preisen,
wie dem „Preis für junge Prosa“ und dem „Literaturförderpreis Hamburg“ ausgezeichnet wurden.
Stilistisch gesehen ist der Roman geglückt. Karen Duve erzählt mit einer Leichtigkeit, dass die Seiten
nur so vergehen. Man liest gern, honoriert ihre Wortgewandtheit und ein wenig wird die schwere Kost
der Frustration über Liebesgeschichten, Therapien und Demütigungen leichter. Ja, damit hätte es ein
Buch werden können, das über ein Mädchen erzählt, das nicht zu dem Wir der Jugend gehört, das viel
Leid erträgt und nicht in das eigene Leben passt. Es hätte sich eingliedern können in die Reihe Werke
diese Art. Auch Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum, als auch Christian Krachts Faserland
spielen mit den unsympathischen, teils lethargischen Hauptpersonen, die neben ihrem Leben stehen.
Sei es die Phase nach dem Verlassen, als der Road-Trip als Selbstfindungsversuch. Doch hier ist es
anders: Anne ist anstrengend, ausnahmslos. Duve startet zwar mit viel Witz und den leichten Worten:
„Mit sieben schwor ich, niemals zu lieben. Mit achtzehn tat ich es trotzdem.“ Das Schmunzeln ist auf
ihrer Seite. Man versteht Anne, wenn sie ihre Erfahrungen aus der Schule reflektiert. Wer kennt es
nicht? Die Angst vor dem Völkerball oder dem ersten Streit mit den Klassenkameradinnen. Doch:
Umso mehr Karen Duve erzählt, umso unerträglicher scheint Anne Strelau zu werden und umso
schwerer wird das Lesen. Zunächst täuscht Anne noch Krankheiten vor, damit ihr die Schule erspart
bleibt - da ist sie sieben. Mit dreizehn will sie keine Freunde haben, distanziert sich deutlich von allen
Klassenkameraden und bleibt lieber auf dem Klo, anstatt mit den anderen auf dem Pausenhof zu
spielen. Doch mit dem siebzehnten Lebensjahr steigert sich Annes Situation drastisch. Kein
Selbstbewusstsein, stattdessen Selbstmitleid. Pillen zum Abnehmen, Sex mit wahllosen Jungs, feiern
damit die Nacht vergeht. Das Lesen fällt schwerer, denn die Sympathie fällt fortan weg. Man steht
nicht hinter der Figur, man versteht sie nicht. Denn: Anne Strelau will sterben, das steht fest – doch
nicht weil sie sich hässlich fühlt, was sie zweifelslos ohne Pause anmerkt, sondern weil sie dadurch die
Beachtung kriegen würde, die sie sich so sehr erwünscht. Es ist jedoch nie still in ihrem Leben
gewesen, denn sie füllt ihr Leben mit einer Reihe von Jungs und Affären. Sie geht auf Partys, sie trifft
andere Menschen, sie hat Freunde, die sie nicht als solches sieht. Doch sie ist nur dabei, nicht mitten
drin. Immer öfter wiederholt sie ihren Sterbewunsch, meint es letztendlich doch nie so. Schlimmer
wird es, wenn Anne über eine mögliche Krankheit – möglichst schwer natürlich– sinniert. Diese
könnte ihr Mitleid und falsche Freunde verschaffen. So viel Selbstzweifel und Selbstmitleid ist auf
280 Seiten kaum zu ertragen. So wünscht sie sich in einem kleinen Moment, in dem sie sich wohl
fühlt einen Autounfall herbei: „Dann würde ich eine Querschnittslähmung bekommen, und es gäbe
endlich einen vernünftigen Grund dafür, warum ich in vielen Dingen nicht so funktionierte wie
normale Menschen, und meine Eltern würden voller Reue doch noch einen eigenen Hund schenken,
und ich würde Jost und Peter Hemstedt Geld geben, damit sie mir die richtigen Schallplatten
besorgten: den Gefallen würden sie einem armen Krüppel, wohl nicht abschlagen.“
Doch damit nicht genug, es ist Annes Hang zur Dramatisierung. Niemandem wird eine gleichwertige
Chance zur Melancholie oder Traurigkeit eingeräumt, entweder sie beneidet die Kranken und Armen,
oder sie pauschalisiert es. Selbst Goethes Werther kriegt sein Fett weg, immerhin sei er ein „zickiger,
eingebildeter Sack“, denn er könnte schließlich mit seiner Empfindsamkeit mehr Gefühle haben, als
sie. Das geht nicht im Leben der Anne Strelau.
Es scheint, als sei Duves Protagonistin nicht einen Moment frei von ihrem Kopf, von ihren Gedanken,,
ja, genau das ist ihr Problem. Doch genau das ist auch das Problem des Buches. Annes Leben, Karen
Duves Geschichte, sie bleibt aussichtslos, erfolglos. Anne verändert sich nicht, sie kämpft nicht. Sie
jammert, sie leidet. Sie sagt und denkt viel, aber handeln bleibt aus. Anne kriegt das Wir der Jugend
nicht mit, und bleibt in ihrem Mikrokosmos. Bekannte werden keinen Freunde, sondern Randfiguren
in ihrem Leben, in dem noch nicht mal ihre große Liebe Peter Platz finden kann. Die Gründe sind
jedoch nicht das Aussehen, das Gewicht oder eine ihrer Affären, Anne ist sich selbst das Problem. Sie
steht sich selbst in ihrem Weg. Ein gutes Werk braucht kein Happy End, um ein gutes Werk zu sein.
Das Happy End gibt es auch hier nicht, es scheint jedoch nicht so, als würde es überhaupt ein End
geben. Anne steht dort, wo sie auch mit vierzehn stand, mitten in ihrem Kopf, mit vielen Fragen und
vielen Wünschen, weit weg vom Wir.