Der Alptraum jeder Mutter: Ihr Kind verschwindet. Dabei wollte die kleine Ida nur zum Kiosk. Damit bewahrheitet sich, was die eher unscheinbare Helga Joner seit der Geburt ihrer Tochter, die immer schon hübscher war als alle anderen Kinder, so sehr befüchtet hat: Irgendwann wird dir dieses perfekte kleine Geschöpf genommen.
Ganz anderer Art ist die Beziehung des längst erwachsenen Emil zu seiner Mutter. Auch er war immer anders als die anderen, niemand weiß so richtig, was ihm eigentlich fehlt, nur, dass er ein Eigenbrödler ist, ein Sonderling, jemand, der nicht sprechen will und lieber für sich ist. Der mit seinem motorisierten Dreirad durch die Gegend fährt und über den sich die Kinder lustig machen. Seine Mutter hat nie Zugang zu ihrem Sohn gefunden, hat es irgendwann aufgegeben, kümmert sich aber mit Akribie um seine Belange, putzt sein Haus, sorgt für Ordnung, überschreitet dabei permanent seine Grenzen.
Der Leser ist Kommissar Sejer und seinem Kollegen Skarre voraus, denn er weiß schon vor diesen um eine Verbindung zwischen Emil und Ida - und bekommt den Eindruck, dass diese Verbindung schlimm geendet haben muss. Immerhin wird das Mädchen tot aufgefunden, eingewickelt in eine Decke und angetan mit einem teuren Nachthemd. Die Kleider, die Ida am Leibe trug, als sie verschwand, sind fort. Sie liegt da, wie hindrapiert, auf den ersten Blick überraschend unversehrt.
Das Leben von Idas Mutter ist zerstört.
Das Leben von Emils Mutter ist es schon lange - und trotzdem sieht sie sich gezwungen, ihren Sohn zu schützen. So, wie sie es immer getan hat. Indem sie über seinen Kopf hinweg entscheidet, was zu tun ist.
Und dann ist da noch Tomme, der Sohn von Idas Tante. Der Tod seiner kleinen Nichte nimmt ihn sehr mit. Oder ist da noch etwas anderes, in das er verstrickt ist ...?
Karin Fossum schreibt keine Thriller, in denen schattenrissartige Klischeefiguren möglichst grauenerregende Taten ausführen, und das möglichst noch in Serie. Fossums Figuren, angefangen von dem verwitweten, aufrechten, nachdenklichen und eher wortkargen Kommissar Sejer, mit seinem Hund, der langsam zu alt wird, um noch ein schönes Leben zu haben, und dem immer wichtig ist, dass er versteht, was die Menschen die Dinge tun lässt, die sie tun, sie nicht nur überführen will, über seinen jungen Kollegen Skarre und sämtliche anderen Figuren, sind psychologisch sehr ausgefeilt, kommen einem vor, als könnten sie gleich nebenan wohnen. Es kommt daher auch gar nicht darauf an, den Leser hinters Licht zu führen und am Ende einen Täter zu präsentieren, mit dem keiner gerechnet hat. Fossums Bücher sind äußerst eindringlich, teils beklemmend, aber dennoch spannend - sie gehen unter die Haut und unterscheiden sich so deutlich von vielen Massenprodukten,
die man liest und vergessen hat, noch bevor man das nächste Buch aus dem Regal zieht.