Schaut man sich die Rezensionen zu diesem Buch an, so scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: entweder man liebt es, oder man hasst es. Nachdem ich es nun aus lauter Neugier doch selber gelesen habe, muss ich mich wohl entscheiden. Ganz zu den "Hassern" gehöre ich wohl nicht. Ich kann aber auch nicht in lauter Jubelschreie ausbrechen.
Eine der Debatten um dieses Buch kreist um die Frage, ob es denn nun ein Psychothriller sei. Ganz ehrlich: ich denke, eher nein. Denn der einzige "Fall", in dem hier offziell ermittelt wird, der des "Schulwegmonsters" nämlich, kommt nur sehr am Rande vor. Und er endet offen. Es mag sein, dass die Autorin zu viel in Andeutungen versteckt hat. Ich jedenfalls habe nicht begriffen, wer nun das "Schulwegmonster" gewesen sein soll.
Begeisterte Leser mögen einwenden, dass doch sehr wohl gegen Ende jemand gefasst werde. Und dass am Ende ein Verbrechen aufgeklärt werde. Ich will gerne zugeben, dass das Buch die ganze Zeit über mit übelsten, düsteren Andeutungen spielt, was sich da im Hintergrund abspielt. Aber - es tut mir leid - so gruselig ich diesen Handlungsstrang fand, so abstrus und widerlich war er auch. Sicher, in einem als Thriller betitelten Buch sollte es grausam und blutig zugehen dürfen. Aber das hier lag einfach jenseits dessen, was ich guten Gewissens noch lesen und auch als wahrscheinlich akzeptieren kann!
Auch auf die Gefahr hin, zu viel zu verraten: Die fragliche Person ist in der Medizin tätig. Und da soll sie NICHT gewusst haben, dass die seltene Krankheit des kleinen Jungen ganz normal behandelbar ist?? Und, was ich noch viel weniger verstehe: der Junge soll das Ganze wissentlich (!) mitgemacht haben?? Nie im Leben!! Nie!! Das Buch speist seine Leser hier mit einer äußerst fadenscheinigen Erklärung ab: der Täter soll dem Kind gesagt haben, das sei alles nicht so schlimm. Um es mal mit einem bekannten Werbespruch zu sagen: ich bin doch nicht blöd...!
Lediglich den Teil um Leni, ihre Suche nach Familie und Halt, und ihren Werdegang in der Musik, kann ich als "Roman" noch halbwegs ernst nehmen. Hier gab es teilweise fast schöne Passagen. Fragen rund um gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Eifersucht und das Kinderkriegen wurden hier diskutiert. Das war ansatzweise richtig gut!
Gleichzeitig liegt hier schon wieder ein Manko des Buches. Denn die Charakterisierungen der einzelnen Figuren haben für mich vorne und hinten nicht gestimmt. Besonders Leni als Person habe ich einfach nicht verstanden, sie war mir sehr fremd und unsympathisch. Es will mir einfach nicht einleuchten, warum eine Frau vor ihrem gewalttätigen Ehemann davonläuft, aber gleichzeitig auf "harten Sex" steht. Ja was denn nun?! Außerdem steigt sie im Laufe des Buches mit nahezu jedem ins Bett, der ihr über den Weg läuft. Und heult sich am Ende die Augen aus, weil sie dann doch feststellt, dass sie ihren Exfreund noch liebt... Tut mir leid, wirrer geht's nimmer.
In diesen "persönlichen" Teil, der um Leni und ihre chaotische Familie, hat die Autorin meiner Meinung nach bei weitem zu viel hineingepackt. Auch das wirkte einfach nur überzogen. Hier lief nun wirklich alles schief, was nur schiefgehen konnte. Und das, zusammengenommen mit den bereits erwähnten üblen Andeutungen über die Nachbarn, das war letzten Endes für das Buch der Todesstoß, der ihm noch die letzte Glaubwürdigkeit als ernsthafter Thriller genommen hat.
Es mag sich so anhören, als habe ich das Buch nun doch gehasst. Komischerweise nein. Ich glaube, es war eher eine Art morbider Faszination, die mich das Buch innerhalb von zwei Tagen hat lesen lassen. Aber ich bin durchaus ein wenig schuldbewusst aus dieser Leseattacke wieder aufgetaucht. So wie nach einer Fressattacke um Mitternacht. Würde ich es empfehlen? Ich denke da an Leser von Horror-Autoren wie Stephen King. Okay, die könnten an der wirklich widerlichen Hintergrundhandlung ihren Gefallen finden. Aber allen Lesern, die auf ernstzunehmende Schriftstellerkunst warten, mit glaubwürdigen Plots und ausgereiften Charakteren - denen sage ich: Finger weg!!