Eben ausgelesen. Hätte ich allein vor einem Bücherregal gestanden, hätte ich dieses Buch wohl eher nicht ausgewählt. Der Titel klingt so kitschig und den Klappentext finde ich auch nicht so ansprechend:
Als Bertha stirbt, erbt Iris das Haus. Nach veilen Jahren steht Iris wider im alten Haus der Großmutter, wo sie als Kind in den Sommerferien mit ihrer Kusine Verkleiden spielte. Sie streift durch die Zimmer und den Garten. Sie schwimmt in einem schwarzen See, bekommt Besuch, streicht eine Wand an und küsst den Bruder einer früheren Freundin. Iris ahnt, dass es verschiedene Spielarten des Vergessens gibt. Und das Erinnern ist nur eine davon.
Auf der Arbeit fanden aber alle das Buch so toll, dass ich es mir dann von einer Kollegin geliehen habe. Es liest sich schnell und leicht.
Nach dem Tod ihrer Oma erbt Iris das alte Haus. Mit diesem Erbe, dass sie eigentlich gar nicht antreten will, beginnt eine Zeit des Erinnerns. Nach und nach erfahren wir durch Rückblenden und Dialoge die Geschichte der Familie Deelwater/ Lünschen. Genauer über die drei Generationen von Frauen. Recht eigentlich geht es hier um die Liebe und ihre Folgen. Aber nicht um klischeehafte Liebe. Und darum, was mit Rosmarie geschah. Warum balancierte sie im Sommer auf dem Dach des Wintergartens? Und was hatte sie Iris sagen wollen bevor sie starb?
Und Iris, die Enkelin und Erbin, erinnert sich an das Erinnern und Vergessen ihrer Oma. Berthas Demenz wird auf eine Weise thematisiert, die betroffen macht, ohne auf die Tränendrüse zu drücken:
Streich, Streich, Berthas Hände über allem, was flach war: das Vergewissern des Körpers, dass es ihn noch gab, dass er noch einen Widerstand bot. Sein Überprüfen, ob es noch einen Unterschied gab zwischen ihm und den unbelebten Dingen im Raum.
Irgendwann begann meine Großmutter mit ihrer nächtlichen Wanderung durch den Garten. Das war, als sie anfing, die Zeit zu vergessen. Die Uhr konnte sie noch lange lesen, aber die Zeit sagte ihr nichts mehr.
Ein sehr treffender Abschnitt für die gesamte Thematik des Buches:
Bertha wusste nun nicht mehr, wie alt sie war. Sie war so alt, wie sie sich fühlte, und das konnte acht sein, wenn sie Harriet Anna nannte oder vielleicht dreißig, wenn sie mit ihrem toten Ehemann sprach und uns fragte, ob er schon aus dem Büro gekommen war. Wer die Zeit vergaß, hörte auf zu altern. Das Vergessen schlug die Zeit, die Feindin des Gedächtnisses. Denn schließlich heilte die Zeit alle Wunden nur, indem sie sich mit dem Vergessen verbündete.
Iris, die Protagonistin des Romans, taucht aus dem Vergessen auf.
Die Geschichte spielt in einem kleinen norddeutschen Dorf und der Autorin gelingt es die typische Atmosphäre mit ihren Worten zu transportieren.
Als einfache Lektüre für zwischendurch gut, es kam sogar kurzzeitig so etwas wie Spannung auf. Und wenn man Gartenbeschreibungen und Duftszenarien mag, liegt man mit dem Buch bestimmt richtig. Und trotz anfänglicher Skepsis hat es mir ganz gut gefallen, wenn das Buch auch insgesamt ein bisschen flach bleibt. Hat also keine Chance ein Lieblingsbuch zu werden. Aber: "nice read".
In der FAZ schrieb Martin Walter:
Fast alle Figuren sind Frauen; Männer sind meist abwesend, physisch oder jedenfalls mental. Umso präsenter sind dafür Äpfel aller Sorten und Aggregatzustände: Mit ihnen beginnen das Paradies der Kindheit und der Sündenfall, das Unglück pubertärer Leidenschaft und das Happy End gereifter Liebe.
Zu Unrecht, denn so wenig männliche Wesen kommen in dem Buch gar nicht vor. Sie sind sogar ziemlich präsent, da sie wichtiger Bestandteil der einzelnen Frauenschicksale sind.
Zu behaupten die Äpfel seien omipräsent und würden das Buch maßgeblich zum konventionellen Apfelroman degradieren, finde ich unpassend. Zwar kommen die Äpfel immer mal wieder vor, nehmen aber keine so zentrale Rolle ein, wie es Walters Rezension suggeriert. Die Natur-und Apfelbeschreibungen machen außerdem einen Gutteil der Sinnlichkeit des Buch aus.
Flogende Sätze aus der Rezension finde ich dagegen treffend:
Schön sind die verdrehten Geheim-, Nacht- und Wunderworte, die Iris in ihrem Poesiealbum sammelt (Lachs-Alven statt Lachsalven, Schula-Ula statt Schul-Aula, totgeparkter Sarg statt totgesagter Park) und die die verwirrte Bertha plappernd überbietet: "Ich fips nicht, was diese Bälle klecken." Hagena hat viel Phantasie und ein feines Gespür für die Nuancen und spielerischen Valeurs der Wörter. Umso unangenehmer, wenn dann die Türglocken dauernd "schmatzen", der Reißverschluss "jault" oder gar von fern her das "fistelnde Gekicher" höherer Mädchenliteratur heranweht. "Ihre berauschte Seele hatte gar keine Zeit, die Flügel zu spannen und über den Horizont hinwegzusegeln", heißt es einmal von Tante Harriet. "Sein Kuss durchfuhr mich mit einer Wucht, die mich verblüffte."
Ich selbst finde es seltsam, dass die Protagonistin ständig in alten Kleidern ihrer Tanten herumläuft, so als wäre sie wieder Kind und würde Verkleiden mit Rosmarie und Mira spielen. Sie fährt im Ballkleid zum Baumarkt, in einem anderen Ballkleid geht es zum See usw.
Einige Szenen zwischen Mira, Rosemarie und Iris erscheinen mir wenig authentisch, zum Beispiel, wenn 16jährige zusammen "Friß oder Stirb" spielen oder 14jährige, pubertierende Mädels keine Ahnung vom "weiblichen Zyklus" haben...