Inhalt:
Iris, eine Bibliothekarin aus Freiburg, erbt das Haus ihrer Großmutter Bertha in dem kleinen Ort Bootshaven in Norddeutschland. Um die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln, bleibt Iris für ein paar Tage im Haus, sucht die Orte ihrer Kindheit und Jugend auf, erinnert sich an Begebenheiten und Erzählungen aus ihrer Vergangenheit und kommt ganz nebenbei noch dem Junganwalt Max, dem jüngeren Bruder ihrer früheren Freundin Mira, näher.
Mein Eindruck:
Katharina Hagena erzählt in ihrem Debütroman eine schöne Familiengeschichte mit nostalgisch-melancholischem Grundton, die mir gut gefallen hat.
Der Einstieg ist mir zugegebenermaßen etwas schwer gefallen, denn die Autorin konfrontiert ihre Leser gleich zum Einstieg mit der Symbolik, die dann das ganze Buch durchzieht: aus Trauer um eine Verstorbene wachsen im Garten des Landhauses anstatt der roten nur noch weiße Johannisbeeren. Wiederholt werden in die Geschichte Szenen eingeflochten, die zeigen, dass der Garten und auch das Haus ein „Eigenleben“ führen und in ihrer Weise auf die realen Geschehnisse zu reagieren und diese widerzuspiegeln scheinen. Diese mystischen und fantasievollen Elemente wirken jedoch unaufdringlich und werden selten genug angewandt, um das Lesen nicht anstrengend zu machen. Vielmehr wirken solche Passagen stimmungsvoll und passen meiner Meinung nach gut in die Geschichte.
Für Iris sind Haus und Garten mit vielen Erinnerungen verknüpft, teilweise schön und Sehnsucht erweckend, teilweise aber auch schmerzlich. Sie denkt über die Lebensgeschichten ihrer Großeltern Hinnerk und Bertha nach, die sie größtenteils nur aus Erzählungen kennt, ebenso wie über die Vergangenheit von Berthas drei Töchtern Harriet, Inga und Christa, Iris‘ Mutter. Besonders lebendig sind ihre Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend, an die Sommerferien, die sie stets zusammen mit ihrer Cousine Rosmarie und der gemeinsamen Freundin Mira in dem Haus verbrachte.
Iris erkennt, dass sie das Haus, das sie früher so sehr geliebt hat, nun vielleicht gar nicht haben möchte – zu schmerzhaft sind zum Teil die mit ihm verknüpften Erinnerungen.
Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Iris war mir beim Lesen recht sympathisch, wenn sie auch ein wenig blass blieb. Ihr hätte ein wenig mehr Charakterschärfe ganz gut getan. Ich konnte dennoch mit ihr fühlen und begleitete sie neugierig auf ihrer Erinnerungsreise.
Das Buch weist einen sehr nachdenklichen, häufig melancholischen Grundton auf, lässt sich aber dennoch leicht und schnell lesen.
Die Autorin weckt durch zahlreiche Andeutungen die Neugier auf das, was Iris noch in ihrer Erinnerung ausgraben mag – insbesondere das Unglück, das ihrer geliebten Cousine Rosmarie zugestoßen ist, bleibt lange Zeit im Dunkeln. So mochte ich das Buch zum Schluss kaum mehr weglegen, wollte immer mehr über das Leben und das Schicksal der Familienmitglieder herausfinden.
So sinniert Iris über die Demenzerkrankung ihrer Großmutter, die dieser nach und nach ihre Erinnerungen raubte, sie immer verwirrter und zum Schluss hilflos und pflegebedürftig werden ließ. Wie so viele schicksalshafte Ereignisse in ihrer Familie begann auch diese Krankheit mit einem Sturz und mit einem Apfel. Auch dies ist eines der zahlreichen Motive, die sich durch das Buch ziehen und immer wieder von der Autorin aufgegriffen werden.
Jedes Mitglied der Familie hat interessante Geschichten und Geheimnisse vorzuweisen, die manches Mal auch für Iris selbst ungelöst bleiben. Dieses Problem löst Iris auf ihre Weise, indem sie ihre lebhafte Fantasie benutzt und ihre Erinnerungen durch Ausgedachtes ergänzt und vervollständigt. So verschwimmen so manches Mal die Grenzen zwischen der Realität und den Tagträumen der Hauptfigur.
Der zumeist eher nachdenkliche Ton des Romans wird aufgelockert durch humorvolle Passagen, die sich insbesondere durch die leichte Tollpatschigkeit der Protagonistin und ihren unbeholfenen Umgang mit dem Junganwalt Max, den sie ebenfalls noch aus ihrer Kindheit kennt, ergeben.
Sehr gekonnt schildert die Autorin auch das Dorfleben, wo jeder seine Nachbarn kennt und die Leute aufeinander schauen – und sich leider auch sehr schnell eine Meinung voneinander bilden.
Etwas ungewöhnlich fand ich, dass die Dialoge nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet sind, sondern lediglich durch Spiegelstriche zu Beginn der wörtlichen Rede. Jedoch bereitete mir dies keine Probleme und es fiel mir erstaunlich leicht, mich auch an dieses Stilmittel zu gewöhnen.
Der Epilog hat mich dann aber ein wenig enttäuscht, er war mir dann doch etwas zu süßlich und glatt geraten, was ziemlich unrealistisch auf mich wirkte.
Zu erwähnen ist noch das meiner Meinung nach sehr ansprechende Cover, das passend zum Inhalt Äpfel sowie eine Apfelblüte zeigt.
Fazit: „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist eine nostalgische, nachdenkliche Familiengeschichte, die ich gerne gelesen habe und mit der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Ein gefühlvolles Buch über das Erinnern und das Vergessen, das sich sehr gut als Balkon-Lektüre für einen warmen Sommertag eignet.