Inhaltsangabe
»Manchmal bin ich überzeugender, wenn mir die Überzeugung fehlt.« (Ally McBeal, 1. Staffel, Folge 1) Irgendwann zwischen 1980 und 1990 wurde ich vom Mädchen zur Frau. Davor kam die Pubertät. Und davor die Vorpubertät. Bei diesem Wort muss ich immer an Umkleidekabinen denken. Spinde, Kleiderhaken, Fußmatten, Schweiß. Ich denke an Schwimmbäder, Landschulheime, Jugendherbergen. Und an die Mehrzweckhalle neben meiner Grundschule in Friedrichsdorf, einer rund 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde im Vordertaunus, knapp 20 Kilometer nordwestlich von Frankfurt/Main. In den Umkleideräumen dieser Halle ahnte ich Anfang der 80er zum ersten Mal, dass es womöglich anstrengend ist, eine Frau zu sein. Dass es darauf ankommt, welcher Typ Frau man ist. Ich begriff zum ersten Mal, dass ich eines Tages erwachsen werden würde. Unweigerlich. Abends trafen sich Heimatvereine oder Rock'n'Roll-Clubs in der Halle, tagsüber nutzten die Kinder sie für den Schulsport. Wir ABC-Schützen, wie Grundschüler in jenen Tagen noch genannt wurden, mussten dazu in Zweierreihen den örtlichen Kirmesplatz überqueren, der die Schule, einen für damalige Verhältnisse hochmodernen Glas-Beton-Bau, und die Halle miteinander verband. Innen quietschten die Gummisohlen unserer Turnschuhe auf dem hellgrauen Linoleumboden und hinterließen dunkle Streifen. Die Wände hatte man mit rotbraunen Holzlatten verkleidet, die sicherlich mit Xyladekor oder einem anderen giftigen, vermutlich Krebs erregenden Holzschutzmittel lackiert waren. Die Latten speicherten die Sonnenstrahlen, die durch die Oberlichter hineinfielen, und zusammen mit dem Kinderschweiß führte das zu dieser ganz speziellen Mehrzweckhallenhitze, vielmehr zu einer mehrzweckhallenspezifischen Stickigkeit. Auch wenn es das Wort »Turnbeutelvergesser« damals noch nicht gab, zählte ich zu eben dieser Spezies. Meine Zehen waren chronisch blau angelaufen, weil mir die riesigen Medizinbälle ständig auf die Füße fielen. Ich hasste Schulsport und kam bis zum Abitur nicht über eine 3 hinaus, meist hatte ich eine 4. Es war der Spätsommer 1980, ich ging in die vierte Klasse, die Sommerferien waren gerade vorbei. Zwar turnten wir Mädchen damals noch mit den Jungs gemeinsam, aber für jedes Geschlecht gab es einen eigenen Umkleideraum. Wir waren neun oder zehn Jahre alt. Bis auf Ramona, die aus irgendwelchen Gründen ein Jahr älter war. Ramona war etwas größer als wir anderen Mädchen und insgesamt »weiter entwickelt«, das heißt, sie hatte bereits deutliche Ansätze eines Busens, worüber wir flachbrüstigen Mädchen mindestens ebenso fiese Witze machten wie die Jungs. Anders als die meisten anderen Kinder wohnte Ramona nicht mit ihren Eltern in einem Einfamilienhaus, sondern ohne Vater nur mit ihrer Mutter und mehreren kleinen Geschwistern in einer Sozialwohnung. Wenn wir mit Barbies spielten, passte sie auf ihre Brüder und Schwestern auf. Wenn unsere Mütter an unserem Geburtstag eine Kinderparty veranstalteten und Überraschungstüten mit Schokoriegeln, Filzstiften und Aufklebern an die Gäste verteilten, war Ramona nie eingeladen. Wir sprachen Hochdeutsch, sie sprach Dialekt. Ramona war schon immer anders, und jetzt, nach den sechswöchigen Sommerferien, war sie sogar noch fremdartiger geworden. Ihr war ein körperliches Detail gewachsen, welches mich erschaudern ließ.