(Rezension von Feder)
Carolin hat ein Problem: Sie ist sechsundzwanzig, hochintelligent und frisch verwitwet. Denn trotz ihres unglaublich hohen IQs und ihres nicht gerade hässlich zu nennenden Aussehens hat sie sich in einen älteren Mann, Karl, verliebt. Und als ob auch das nicht schon genug Probleme mit sich bringen würde, war besagter Karl auch ausgerechnet der Vater ihres Exfreundes Leo. Mit diesem und dessen Onkel muss sie sich nun trotz all ihrer Trauer über den Verlust ihres Ehemannes um dessen beträchtliches Erbe streiten – von dem sie, bis zum Schreiben des gegnerischen Anwalts, nicht einmal wusste, dass es existiert. In ihrer Not sieht Carolin keinen anderen Ausweg, als zu versuchen, ihre Probleme im Alkohol zu ertränken, was natürlich in einer mittelgroßen Katastrophe endet. Sturzbetrunken endet sie schließlich vorm Haus ihrer Schwester Mimi auf dem Bürgersteig. Nach diesem missglückten Selbstversuch sieht ihre Schwester keinen Ausweg mehr. Carolin muss sich in die Hände einer fähigen Therapeutin begeben, die leider nicht ganz so fähig ist, wie man es sich von einer solchen erwartet: Das alles bestärkt die hochintelligente Carolin nur in ihrer Ansicht, dass sie von lauter Idioten umgeben ist. Doch trotz all dieser unüberwindbar scheinenden Widrigkeiten versucht Carolin alles, diese Schattenstunden ihres Lebens hinter sich zu lassen …
Mit „In Wahrheit wird viel mehr gelogen“ hat Kerstin Gier meiner Meinung nach wieder einmal einen wunderbaren Roman für Zwischendurch geschaffen, der an Skurrilität und Witz kaum einen Wunsch offen lässt.
Wie schon frühere Romane besticht auch dieser wieder mit seinen teils zynischen, teils einfach nur komischen Dialogen.
Dies ist zum großen Teil der Protagonistin zu verdanken. Carolin, als Wunderkind geboren, hatte es in der Schule immer schwer, da sie den anderen einfach zu intelligent war. Doch auch der Versuch, so zu tun, als wäre sie normal und hätte kein fast schon neurotisch anmutendes Faible dafür, alles zu zählen, hat sie es auf der Straße des Glücks nicht wirklich weit gebracht. Sie ist zynisch, ihre Gedanken und manchmal auch ihre Dialoge sind messerscharf und an so mancher Stelle für einen Schmunzler zu haben. Es ist die Mischung aus ihrer tiefen Trauer über ihren Verlust, die wirklich authentisch beim Leser ankommt und ihrer ganz besonderen Eigenheit, die sie zu so einem einnehmenden Charakter macht.
Auch die vielen skurrilen und teilweise realitätsnahen Situationen, die sie mit den Idioten – ihrer Ansicht nach die Mehrheit der Bevölkerung – erlebt, sorgen fast immer für einen Lacher.
Doch nicht nur ihr Charakter ist der Autorin wirklich gut gelungen. Auch all die kleinen Randfiguren, die Carolins Weg kreuzen, sind so angelegt, dass man Carolins Reaktion auf sie nur zu gut nachvollziehen kann.
Die Sprache ist leicht verständlich und man hat wirklich keine großen Schwierigkeiten, in die Geschichte einzusteigen. Spätestens auf Seite zwei ist der Leser schon ganz in die Geschichte eingebunden und es fällt wirklich schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Der einzige kleine Wehmutstropfen, der anzuführen ist, ist, dass ich mir an einigen Stellen etwas mehr gewünscht hätte. Als die ungeliebte Verwandtschaft ihres Mannes eine Gegenbeerdigung gestartet hat und ihre Existenz vollkommen totgeschwiegen wurde, da hätte ich eigentlich eine etwas andere, etwas aktivere Reaktion von Carolin erwartet. Kleine Erlebnisse dieser Art hatte ich beim Lesen noch zwei- oder dreimal. Stellen, an denen ich etwas darüber enttäuscht war, dass dieser Handlungsstrang nicht etwas ausführlicher aufgegriffen und mehr in die Geschichte eingebaut wurde.
Der Aufbau der Geschichte hingegen lässt meiner Meinung nach kaum zu wünschen übrig. Eingeleitet wird jedes Kapitel mit einem Zitat und einer kleinen Lebensweisheit der Protagonistin zu besagtem Zitat. Über ihre Vergangenheit und vor allem wie sie überhaupt mit ihrem so viel älteren Ehemann zusammengekommen ist, werden geschickt Informationen in die Geschichte eingestreut, so dass sich eine ausgewogene Mischung aus gegenwärtigem Geschehen und Vergangenem ergibt, die die Spannung zusätzlich steigert.
„In Wahrheit wird viel mehr gelogen“ ist wieder einmal ein wunderbar kurzweiliger Roman für Frauen, der mit charmant-skurrilen Figuren, einer herzerwärmenden Story und vor allem mit viel Witz zu überzeugen weiß. Wer ein unterhaltsames Buch für zwischendurch sucht, wird mit „In Wahrheit wird viel mehr gelogen“ sicher nicht danebengreifen.