Nachdem Icherios Ceihn aus Dornfelde zum Ordo Occulto zurückgekehrt ist, erwartet ihn sogleich sein nächstes Abenteuer: Ein Medizinstudium in Heidelberg. Einer seiner grössten Wünsche geht damit in Erfüllung, so glaubt er. Nebenher soll er ein wenig für den Orden spionieren und ein “Heilmittel” gegen Vampirismus finden…
Meine Meinung
“Der Krähenturm” knüpft nahtlos an “Die Alchemie der Unsterblichkeit” an; man begegnet als Leser u.a. Carissima, der Vampirin aus Dornfelde, wieder und auch der Mord an Vallentin, Icherios’ bestem Freund, wird wieder aufgenommen.Icherios ist gewohnt ängstlich, zurückhaltend, misstrauisch und voller Selbstzweifel, doch ganz langsam klingt auch eine andere Seite in ihm durch: Die des Strigois, in den er verwandelt wurde. Die Sorge um seine Seele lässt macht ihn ruheloser als in “Die Alchemie der Unsterblichkeit” – doch ist sie auch Antriebskraft für ihn und lässt ihn stellenweise mutigere Entscheidungen treffen, als erwartet (z.B. in Bezug auf Maleficium).
Die weiteren Figuren sind meist interessant angelegt, bleiben jedoch ohne Tiefe. Egal ob Werratte, Hexe oder Hexenjäger; sie alle haben ihren Auftritt, doch weiß man hinterher nicht viel mehr über sie, als zu Beginn der Lektüre. Dies ist insbesondere in Bezug auf den Glasfürsten sehr schade… In dieser Figur steckt so viel Potential und ich hoffe ehrlich, dass Kerstin Pflieger diese Episode noch einmal aufgreifen und vertiefen wird. Die Idee ist einfach zu schön, um übergangen zu werden.
Anders als in “Die Alchemie der Unsterblichkeit” verfolgt die Autorin in “Der Krähenturm” mehrere Handlungsstränge, die jeweils unterschiedliche Figuren betreffen. Sie führt zwar am Ende alle Handlungsstränge wieder zusammen, doch ich habe das Gefühl, dass hier weniger mehr gewesen wäre. Einige Handlungsstränge beginnen, werden dann aber nicht mehr wirklich berührt (Es wäre doch interessant gewesen, wenn Professor Crabbé tiefer in die Ereignisse verstrickt gewesen wäre und welchen Grund gab es, den Handlungsstrang mit Julie nicht weiterzuverfolgen?); manche enden plötzlich in einer Art und Weise, die als wenig plausibel erscheint (Wieso sollte z.B. Hazecha Gismara ein so tiefgreifendes Versprechen abringen und dann doch einfach abwinken? Steckt bei den Zwistigkeiten zwischen Auberlin und Freyberg echt nicht mehr dahinter?); dies gilt sowohl für kleinere Handlungsstränge, als auch für den großen Rahmen des Romans.
Dadurch, dass so viele Handlungsstränge und Personen eingeführt werden, bleibt auch die Atmosphäre, die in “Die Alchemie der Unsterblichkeit” so wunderbar gestaltet war, auf der Strecke.
Insgesamt war die Handlung spannend (ich vermutete zwar schon früh richtig, wer der Verräter war, rechnete aber bis zum Ende noch mit etwas Unvorhergesehenem, das dann auch eintrat), wirkte aber stellenweise nicht “rund”, weil viele Handlungsstränge so endeten, dass sie nicht plausibel erschienen und weil die Auflösung durch die vielen Figuren und Ereignisse z.T. etwas schwer nachzuvollziehen waren.
Sprachlich ist der Roman, wie auch schon sein Vorgänger, schön gestaltet und gut lesbar, an manch einer Stelle waren die Lektoren allerdings nicht gerade genau.
Fazit
Trotz den genannten Kritikpunkten ist “Der Krähenturm” noch immer ein gut gelungenes Fantasy-Buch und ein würdiger Nachfolger von “Die Alchemie der Unsterblichkeit”. Ich hoffe, dass Kerstin Pflieger sich auf ihren wundervollen ersten Roman besinnen wird, wenn sie an einer Fortsetzung arbeitet und ein dritter Teil um Icherios Creihn wieder atmosphärisch dichter und insgesamt “runder” wird. Ich möchte mich einer Amazon-Rezensentin anschließen, die schrieb, dass ihr das Buch zwar gut gefallen, aber die Zusammensetzung diesmal für sie nicht gestimmt habe.