Ich habe dieses Buch nun zum zweiten Mal gelesen, weil ich an einer Dikussionsrunde mit zwei Lesefreundinnen teilnahm. Aber ich muss wirklich sagen, es hat sich gelohnt! Und erst jetzt sehe ich mich in der Lage, meine Eindrücke in entsprechende Worte zu fassen. Nach der ersten Lektüre wäre mir das unmöglich gewesen, so ergriffen war ich damals.
Khaled Hosseinis erstes Buch, "Drachenläufer", handelte von der Freundschaft zweier Jungen in Kabul, zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Volksgruppen und Gesellschaftsschichten stammten. Daran ließ sich wunderbar zeigen, wie komplex Afghanistans Geschichte ist, und wie sehr solche Differenzen ein Schicksal beeinflussen können.
In diesem zweiten Buch nun hatte es sich der Autor zum Ziel gesetzt, die Frauen Afghanistans unter die Lupe zu nehmen, zu zeigen, wie sehr sie immer schon um ihre Rolle und ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen mussten. Wieder gelingt ihm dies, indem er eine Freundschaft porträtiert, die allerdings nicht so ohne Weiteres zustande kommt. Bevor Mariam, das uneheliche Kind einer Dienerin und eines Kaufmanns, und Laila, die Tochter eines ehemaligen Universitätsprofessors, Freundinnen werden, da muss noch einiges geschehen. Beide haben mit schweren Verlusten zu kämpfen, beide werden letztlich Ehefrau desselben Tyrannen, Raschid, und beide erleben die politischen Wirren, den Krieg, und die Machtergreifung der Taliban. Doch beide sind starke Charaktere, die sich immer in ihrem Herzen ihre persönliche Würde bewahren. Ihre Freundschaft gibt ihnen den Halt, auch die schwersten Zeiten durchzustehen - bis zum Tod und sogar darüber hinaus.Mehr kann man nicht sagen, ohne zuviel vorweg zu nehmen, und ohne die wirklich ergreifende Wirkung des Buches zu zerstören.
Nur zur wirklich kunstvollen Struktur des Buches und zu seiner Sprache möchte ich noch einiges sagen.
Teil eins handelt allein von Mariam. Er beginnt, als Mariam 5 Jahre alt ist, und endet, als sie in ihrer Zwangsehe mit Raschid zum ersten Mal dessen Grausamkeit erkennt.
Teil zwei dreht sich um Laila. Wiederum steigen wir in der Kindheit ein, als l.aila nämlich 9 Jahre alt ist. Wir erfahren alles über ihre Jugendliebe Tariq, ihre Freundinnen, ihre Vorlieben, und das erstaunlich friedliche Leben im Kabul der Prä-Sowjet-Ära. Doch schon hier flicht der Autor, erst allmählich, dann immer stärker, die Politik und gesellschaftlichen HIntergründe ein. Die Ereignisse steigern sich immer mehr, man erlebt das Leid der Menschen in Afghanistan hautnah an Lailas Beispiel mit. Das Ende von Teil zwei ist dramatisch und blutig - und Laila landet dadurch ebenfalls im Haus von Raschid. Ausgesprochen kunstvoll war es vom Autor gemacht, während des ganzen zweiten Teils immer wieder sehr entfernt im Hintergrund Mariam in Lailas Leben auftauchen zu lassen!
Teil drei handelt nun vom gemeinsamen Leben von Mariam und Laila in Raschids Haus, das man als westlicher Leser, und vor allem als westliche Frau, wirklich nur mit Entsetzen betrachten kann. Hier darf man nicht zu viel erzählen. Nur so viel: wie schon in Teil zwei, spielt die Politik und die Kriegswirren eine starke Rolle, ohne jedoch als bloße Hintergrundfolie zu wirken. Alles wirkt sehr authentisch und unmittelbar.
Das Erzähltempo wird immer dramatischer, bis ein Ende erreicht ist, an dem die Freundschaft der zwei Frauen auf die wohl härteste Probe gestellt wird, die man sich vorstellen kann...
Teil vier empfinde ich persönlich als nicht unbedingt notwendig. doch er dient zur Abrundung der politischen Aussage. Sozusagen ein Epilog, der von einigen Figuren berichtet, und was aus ihnen geworden ist. Hauptaussage ist hier, dass die Afghanen und der Rest der Welt dazu aufgerufen sind, in ihr Land zurückzukehren und Wiederaufbau zu leisten.
Die Sprache des ganzen Buches hat eine ganz eigene, sozusagen märchenhafte Qualität!
Sie fließt leicht dahin, ohne flach zu sein, hat einen nahezu osmanischen Erzählrhythmus, kurze, eindrückliche Sätze, und hoch emotionale Schilderungen. Hosseini liebt es, sogenannte "Cliffhanger" am Ende eines Kapitels einzubauen: also Sätze, die einen unbedingt noch weiter lesen lassen. Außerdem hat er einen starken Hang zu Vorausdeutungen, was dem Erzählten etwas ungemein Schicksalhaftes verleiht.
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Sehr zart besaiteten Menschen würde ich dieses Buch wohl nicht empfehlen - wohl aber all jenen, die schon vom "Drachenläufer" begeistert waren. Doch man muss den Erstling nicht kennen, um dieses Buch zu genießen. Es hat seinen völlig eigenen Wert, und zumindest mich hat es zu Tränen gerührt. Die Aussage ist allgemeingültig, obwohl das Buch in Afghanistan spielt - und genau das macht es auch so wertvoll.