1687. Die Kinder Habar und Ibrahim überleben in den Türkenkriegen den Sturm auf die Stadt Ofen und die Vertreibung der Osmanen und werden als Gefangene auf das Gut Schwarzbach in Sachsen gebracht. Zunächst als niedere Bedienstete eingesetzt und als Beutetürken gehasst und bestaunt, verändert sich der Lebensweg der Geschwister stetig und auf völlig verschiedene Weise.
Kirsten Schützhofers neuen Roman könnte man auch mit "wenn der Orient das Abendland trifft" untertiteln, denn das exotische Aussehen der Geschwister, ihre Fremdheit und ihre Schwierigkeiten, in einem Land von Blassaugen und Bleichgesichtern ihren Weg zu finden, ist zentrales Thema dieses Buches, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Kirsten Schützhofer schildert sehr feinfühlig und glaubhaft die inneren Konflikte, denen beide Geschwister ausgesetzt sind: Den ständigen Kampf gegen das Vergessen der eigenen Wurzeln und das Bemühen auch in einer fremden, neuen Umgebung sich selbst treu zu bleiben und dem Wunsch, sich der neuen Umgebung anzupassen, kein "Fremdkörper" mehr zu sein und einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Dafür bedarf die Autorin keiner großen Worte. Es sind leise Bilder, die im Kopf des Lesers entstehen, Nuancen, Gesten, Gefühle, die sich zu einem Band verweben, dass sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Ein Band, das auch die vielen anderen Haupt- und Nebenfiguren umfasst, bei denen man aber nie das Gefühl hat, es wären zu viele. Sie alle vervollkommnen das Bild, die Geschichte, geben ihr Tiefe und Form und finden ihren Platz im Herzen des Lesers. Keine der Figuren in Kirsten Schützhofers Buch hat es leicht, jeder trägt an seinem persönlichen Schicksal und mancher zerbricht daran. Andere wiederum schaffen es, auf steinigen Wegen die Fesseln der Vergangenheit hinter sich zu lassen und endlich ihr persönliches Glück zu finden. Kirsten Schützhofer gelingt hier ein kleines Wunder. Allein mit der Beschreibung des Verhaltens ihrer Protagnisten gelingt es ihr, deren Gefühle klar zu machen, ohne dass es dafür konkreter Worte bedarf. Sie lenkt ihre Leser nicht, sondern lässt ihnen den Raum, zwischen den Zeilen zu lesen und ermöglicht so einen Blick in die Herzen und Seelen ihrer Protagonisten, die der Leser so rasch besser kennt, als diese sich selbst. Gerade dieser Blick ist es, der den Leser das Buch kaum zur Seite legen lässt. Tut er es notgedrungen doch, kann er sich auch in Lesepausen dem Schicksal der Figuren nicht entziehen, dafür ist der Eindruck, den sie hinterlassen, zu stark.
Es ist ein Epos, das Kirsten Schützhofer geschaffen hat, eine Familiensaga, die über einen Zeitraum von fast 30 Jahren erzählt wird und deren Themen Verlust, Schuld, Selbstzerstörung aber auch Verzeihen und Liebe sind und an deren Ende der lang ersehnte innere Frieden steht.
Die Messlatte lag nach der Kapelle der Glasmaler hoch. Mit der Kalligraphin hat Kirsten Schützhofer sie noch ein Stück höher gelegt.