Die interessantesten und lebendigsten Geschichten schreibt das Leben selbst, denn keiner hat die Fantasie für jähe Schicksalssprünge, wie es das Leben oft nimmt. Wer glaubt, das Leben fährt in ruhigen Bahnen, täuscht sich. Irgendwie haben wir doch alle eine Geschichte zu erzählen, ob traurig oder humorvoll, ob von Menschen, die wir lieben, oder jenen, die urplötzlich auftauchen und genauso wieder verschwinden. Nur die Momente, die speziellen Situationen zählen und davon weiß der in Norwegen lebende Autor Lars Saabye Christensen genug zu berichten. Sein Werk „Der Halbbruder“ ist eine besondere Hommage an die Wandlungen und Wirren des Lebens und vor allem an das Band in einer Familie, das die merkwürdigsten Personen aneinanderknüpft.
FAMILIENBAND(E)
Barnum und Fred sind Brüder, Halbbrüder und unterschiedlich, wie Halbbrüder nur sein können. Barnum ist der Kleine, der ständig beschützt werden muss, meist vor Klassenkameraden, die ihn aufgrund seiner geringeren Statur und aufgrund seines doch recht merkwürdigen Namens vermöbeln und hänseln. Wer heißt schon Barnum? Nicht einmal der Pfarrer in Oslos wollte das Kind von Vera taufen, so dass Vera und ihr Mann Arnold, ebenfalls recht klein gewachsen, in den Norden Norwegens fahren müssen, dort wo Arnold aufgewachsen war, auf einer recht kleinen, recht abgeschiedenen Insel die er allerdings im reifen Alter von zwölf Jahren verlassen hat, um wenig später bei einem Zirkus und der Herrschaft von Zirkusdirektor Mundus anzuheuern. Der ist übrigens Verursacher dieses doch recht merkwürdigen Namens, erklärte er doch Arnold, Barnum wäre der König von Amerika und bekannter als Napoleon und Alexander der Große, und wie sie denn alle heißen.
Und Fred? Fred ist anders. Seinen Vater kennt er nicht. Nur, dass er in einem Taxi kurz nach dem Krieg zur Welt gekommen ist. Von seinem Vater ist nur ein Hosenknopf übrig. Er nahm und überwältigte Vera auf dem Dachboden am 8. Mai 1945, als Oslo eigentlich in einem Freudentaumel war, da der Krieg für beendet erklärt wurde. Fortan verstummte Vera, so dass ihre Mutter Boletta sowie die Großmutter, kurz die Alte genannt, erst sehr spät erfahren, was unter dem Dach geschah und was sich daraus entwickelte.
Fred und Barnum wachsen in einem nahezu reinen Frauenhaushalt auf. Denn Arnold ist eigentlich ständig unterwegs. Nur wohin – das weiß keiner so recht in der Familie. Vor allem nicht, wie er eigentlich das Geld verdient. Fred erkennt in dem neuen Mann, der eines Tages mit einem stattlichen Auto in der Straße Einzug hielt, eher einen Eindringling. So richtig wird er nicht warm mit ihm, obwohl beide Sonderlinge sind. Eines Tages geschieht ein Unglück, nicht das erste in der Familienhistorie, kam doch schon die Alte bei einem Verkehrsunfall ums Leben, genau an jenem Tag, als auch König Olaf verstarb. Arnold wird von einem Diskus getroffen, den Fred in die Luft geschickt hat. Ob Zufall oder nicht? Nun sind Fred und Barnum wieder ohne Vater. Freunde haben beide auch nicht, bis Barnum während seiner ersten (missglückten, wie soll es auch anders sein) Tanzstunde. Hier lernt er Peder und Vivian kennen. Die Annäherung an seinem Bruder, die nach dem Tod des Vaters begonnen hat, wird jäh unterbrochen. Beide gehen mehr und mehr eigene Wege. Fred wird Boxer, Barnum beginnt zu schreiben. Doch eines Tages ist Fred verschwunden, taucht nach einer Reise auf den Spuren seines Urgroßvaters jedoch wieder auf, der mit 20 Jahren von einer Grönland-Reise nicht mehr zurückkehrte. Doch Fred ist kurze Zeit später ein weiteres Mal verschwunden. Und die Familiengeschichte nimmt erneut eine andere Wendung.
TRAGIK UND HUMOR
Irgendwie kommen einen die komischen Figuren mit ihren noch komischeren Eigenschaften und Erlebnissen bekannt vor – wer sich vielleicht auf den ersten Blick an die Geschichten von John Irving erinnert, dem kann ich voll und ganz zustimmen. Ja, mich hat diese Ansammlung von recht merkwürdigen Charakteren ebenfalls an den amerikanischen Bestseller-Autor erinnert, der tötende Diskus beispielsweise an den ebenfalls tötenden Golfball aus „Owen Meany“. Aber genug mit den Gemeinsamkeiten. Denn der Roman „Der Halbbruder“ ist dann doch etwas anders, vor allem auf seine Art viel weiser, als seine Schwestern und Brüdern aus der Feder Irvings.
Saabye Christensen, der für dieses Buch mit einer ganzen Reihe an Preisen geehrt wurde, schafft es in diese obskure Familiengeschichte, die mehrere Jahrzehnte erfasst, sehr viel Zeitgeschichte hineinzuschreiben. Wir finden die Stimmung der Erleichterung, als der Krieg zu Ende geht, wir finden die Trauer im Land, als der vom Volk geliebte König verstirbt, wir finden das virulente Gefühl der 60er Jahre, mit ihrem Charme, ihrer Lebenslust und dem Beat der Beatles. Und dann sind noch jene Themen, die Literatur schreiben: die Suche nach der Liebe, manchmal das unendlich lange Warten darauf, die Bindungen in der Familie, die Schmerzen des Verlustes, wenn ein Mensch aus dem Leben tritt, vor allem plötzlich, wie aus heiterem Himmel.
Die Weisheit des Lebens legt der Autor vor allem in die Gedanken und Gefühle von Barnum, der ständig am Philosophieren ist, über die Rätsel des Lebens, des Schicksals, der Liebe. Wer gute Sprüche sammelt, die so viel in nur wenigen Sätzen sagen können, kommt aus dem Anstreichen von Anmerkungen, dem Notieren von Gedanken nicht mehr heraus. Die größte Weisheit dieses Buches allerdings liegt in einer ganz speziellen Summe: der Summe aus Tragik und Ironie, aus der Melancholie und der Lebensfreude, die sich ergänzen und trotz ihrer Gegensätzlichkeit harmonieren.
Die zahlreichen Charaktere im Buch sind Personen, die man trotz ihrer oft Ansammlung von zwiespältigen Eigenschaften, entweder richtig mag oder überhaupt nicht leiden kann. Wie sich die beiden Hauptpersonen, Fred und Barnum, ergänzen, obwohl sie so verschieden sind, macht einen irgendwie betroffen. Diese feinfühligen und leisen Szenen bilden nahezu einen Gegenpol zu den jähen, lauten Schicksalssprüngen, die die Familie erlebt.
Eine leise Kritik bleibt am Ende noch anzumerken. Zwar ist der Roman das beste Mittel, um wie in Trance durch diese Familiengeschichte und die Zeit von 1945 bis in die 90er Jahre innerhalb Oslos zu reisen, aber der Satz der Seiten, nahezu ohne Absätze, selbst in Dialogen nicht, macht das Lesen dann doch etwas schwer. Vor allem, wenn das Buch weit über 700 Seiten zählt.
DER AUTOR
Lars Saabye Christensen gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten skandinavischen Autoren der Gegenwart, die auch im Ausland Erfolge feiern. Er wurde 1953 in Oslo geboren, wuchs aber in Dänemark auf und ist in Besitz der dänischen Staatsbürgerschaft. Er schrieb bisher über 35 literarische Werke aus einer ganzen Bandbreite an Genres, von Essay, Dramen bis hin zu Romanen und Gedichten. Seine bekanntesten Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Darunter zählt unter anderem, der auch in Deutschland bekannte Romane „Yesterday“. Für seinen Roman „Der Halbbruder“ erhielt Christensen den Nordischen Literaturpreis, den Preis des Buchhandels sowie den Preis des norwegischen Verlegerverbandes. Das Buch stand monatelang auf Platz der norwegischen Bestsellerliste. Saabye Christensen lebt in der norwegischen Hauptstadt und ist Mitglied der Norwegischen Akademie für Sprache und Literatur.