Neuer Beitrag

mandarinpeach

Vor 1 Jahr

(9)

Russland im Jahr 1805: Pierre kommt nach vielen Jahren aus Frankreich zurück und erbt als uneheliches Kind seines Vaters dessen gesamtes Vermögen und ebenfalls den Titel Graf Besuchow. Andrej Bolkonski erwartet mit seiner Frau, der "kleinen Fürstin" sein erstes Kind und schickt sie kurz vor Kriegsbeginnt auf das Anwesen seines Vater, auf dem auch seine Schwester Marja lebt. Im Hause Rostowa wird sich ebenfalls auf den Krieg vorbereitet. Nikolai verspricht seiner Cousine Sonja, sie nach seiner Rückker zu heiraten, sehr zum Unmut seiner Mutter. Die Schicksale all dieser Familien sind miteinander verknüpft und als Napoleon und Zar Alexander sich gegenübertreten, werden die Karten in nicht nur einer Hinsicht neu gemischt.

Krieg und Frieden, das ist ein bisschen wie Gossip Girl. Nur eben in Russland anstatt in New York und 200 Jahre früher: Liebe, Hass, Intrigen, Macht, Geld, Krieg und Tratsch.
Als ich das Buch das erste Mal in die Hand nahm, das dünne Bibeldruckpapier und die winzige Schrift sah, fragte ich mich, wie ich es jemals beenden sollte. Und nachdem ich die erste Seite gelesen hatte, war ich mir sicher, ich könnte mir die ganzen Namen niemals merken! Und so war es auch. Bis beinahe zur Hälfte von Krieg und Frieden musste ich immer wieder nachschauen, wer denn nur wer ist und in welchem Verwandtschaftsverhältnis zu wem steht. Tolstoi hat hunderte von Namen eingearbeitet, die teilweise völlig irrelavant sind. Da man vorher jedoch nicht weiß, welche genau nur ein paar Mal vorkommen und dann auch nur, weil sie die Kutsche durch den Schnee lenken, und welche wichtiger Natur sind, wird das Gehirn geflutet mit zu vielen Informationen. Nicht zu vergessen die kleine Eigenheit der Russen, für jeden Namen noch gefühlt 200 Kosenamen und abgewandelte Formen zu haben und diese auch ausgiebig zu nutzen!
Doch trotz penibler Einführung aller auch noch so unwichtigen Personen, scheut Tolstoi sich nicht, die Hauptcharaktere ohne mit der Wimper zu zucken teilweise sehr unspektakulär sterben zu lassen.

Hat man sich nun jedoch durch den Wald von Personen gekämpft, dann kann man sich durchaus unterhalten fühlen, zumindest zur Hälfte. Der gesellschaftliche Teil, in dem der Adel Russland unter sich war, hat mich wirklich sehr interessiert! Zum großen Teil habe ich mich in eines dieser russischen Wintermärchen versetzt gefühlt, mit all seinem Zauber und Geheimnissen. Auch der Wandel im Laufe der Jahre von frankophil zu "frankophob" war wunderbar zu beobachten und setzte sich wie ein Puzzlestück in mein geschichtliches Wissen. Es gab Charaktere, die ich gegen die Wand klatschen wollte und ihnen von ganzem Herzen den Tod gewünscht habe. Und es gab solche, die nicht das Happy Ende bekommen haben, das ihnen zustand.

Nur wieso muss Tolstoi so ins Detail gehen? Kapitelweise werden Gedankengänge dargestellt, mit einer Jagd durch den Winterwald verschwendet und am Ende saß ich da und fragte mich: "Warum genau war das jetzt so ausschweifend, wenn es eigentlich nichts zum Fortlauf der Geschichte beigetragen hat?"

Dann gab es noch die andere Seite: den Krieg. Tolstoi war eindeutig ein großer militärischer Fan, das steht wohl außer Frage. Seitenweise werden Truppenbewegungen und Schachzüge beschrieben, erklärt und erläutert. Teilweise hat er es sich auch nicht nehmen lassen, das Geschehen zu analysieren und Geschichtsschreiber zu kritisieren. Auch hier kann man sich also nicht über fehlende Details nicht beschweren.
Dieses ganze Kriegsgeschehen waren für mich die Kapitel, die ich immer mehr oder weniger überflogen habe, bis Napoleon irgendwann mit seinen Truppen in Moskau stand. Denn das ist der Punkt, an dem Krieg und "Frieden" verschmelzen und sich bis zum Ende nicht mehr wirklich voneinander lösen.

Übrigens apropos Detailreichntum, ein Epilog bei Tolstoi bedeutet noch 65 Seiten …

Ich bin froh, dass ich diesen Wälzer bezwungen habe und sagen kann, dass es gr nicht so schlimm war wie befürchtet (nämlich eigentlich nur der Krieg). Anna Karenina liegt inzwischen in meinem Bücherregal und ich hoffe auf mehr gesellschaftliches Leben!

Autor: Leo N. Tolstoi
Buch: Krieg und Frieden
Neuer Beitrag