Judah Ben-Hur, wächst als jüdischer Prinz, als wohlbehüteter Sohn des verstorbenen jüdischen Kaufmanns Ithamar im Jerusalem der Zeit Jesu auf. Als Judahs römischer Freund aus Kindertagen, Messala, nach Jerusalem zurückkehrt, ist Judah enttäuscht und verletzt. Messala ist nicht mehr der Junge, den er kannte, er hat sich verändert, ist zu einem Römer geworden und behandelt seinen einsteigen Freund herablassend, kalt und zynisch.
Als der neue römischer Stadthalter Gratus seinen Dienst in der Stadt antritt, kommt es zu einem folgenschweren Unfall. Ein lockerer Ziegelstein löst sich vom Dach des Palastes der Familie Hur und verletzt den Römer. Die Soldaten unter Befehl Messalas stürmen das Haus Judahs, nehmen die Bewohner gefangen und konfiszieren das Hab und Gut der Familie. Judah wird zur Lebenslangen Strafe als Galeerensklave verurteilt, nur sein Streben nach Vergeltung lässt ihn überleben.
Jeder kennt Ben Hur zumindest als Verfilmung mit Charlton Heston und wenn nicht, so verbindet man mit der Geschichte vor allem eines: ein antikes Wagenrennen.
Diese Geschichte ist aber viel mehr. Zum einen ist sie ein klassischer historischer (Abenteuer-) Roman in der Tradition von Sir Walte Scott, den Lewis Wallace sehr verehrte. Wallace betrieb dabei, so wie heutige Autoren historischer Romane, die ihre Aufgabe ernst nehmen, detaillierte historische Studien (auch wenn ihm der katastrophale Fehler mit den Galeerensklaven unterlief, die es damals nicht gab, die aber bis heute in den Köpfen der Menschen herumspuken). Er studierte aber auch die Bibel, denn parallel zu Ben Hurs Leben, wird auch die Geschichte eines jüdischen Zimmermannssohns namens Jesus von Nazareth erzählt.
Gerüchteweise soll Wallace Atheist gewesen sein, der durch seine Recherchen und das Schreiben zu diesem Buch, zum wahren Glauben gefunden haben soll. Ich persönlich sehe das als gelungenen Marketinggag. Was heute Vampire sind, waren zur Zeit von Wallace religiöse Erzählungen. Romane waren damals verpönt, nur etwas für Frauen und selbst diese sahen Romane häufig eher als unchristliche Zeitverschwendung an und lasen lieber die Bibel. Wollte man, dass eine Geschichte Erfolg hatte, musste man sie aus der Schmuddelecke der Zeitverschwendung herausholen und zu einem christlich sinnvollen Zeitvertreib machen. Was bietet sie da besser an, als den Helden Ben-Hur dem Herrn Jesu begegnen zu lassen, ihn im Laufe der Geschichte den wahren Glauben finden zu lassen, und Jesus als Deus Ex Machina zu verwenden, um noch ein familiäres Problem zu beseitigen. Das noch in Verbindung mit der Aussage, dass der Autor durch seinen Recherchen zum Leben Christi zum Gläubigen wurde und der Bestseller ist perfekt und bekommt den Segen der Kirche.
Auch die Beschreibung Jesu erinnert an einige, bestimmte Romane der heutigen Zeit "Ein weicher Bart fiel wellenförmig über seine Brust. Seine ganze Erscheinung war anmutig, mild, vertrauenerweckend und machte den Eindruck vollendeter Schönheit." (Kapitel 34) "Die Frauen blickten in sein ruhiges, mit überirdischer Schönheit übergossenes Antlitz, aus dem ihnen seine Augen mitleidsvoll entgegenstrahlten." (Kapitel 38) Und natürlich hat Jesus auch wunderschöne blaue Augen und Wimpern, wie man sie sonst nur von Frauen her kennt. Wer will da keine Braut Gottes sein, wenn man sie die Männer um sich herum so betrachtet?
Das alles ändert jedoch nichts daran, dass Lewis Wallace ein wunderbarer Erzähler ist. Ben Hurs Geschichte ist spannend, sein Sinnen nach Rache, seine Suche nach der verloren gegangenen Familie und nach seinen Wurzeln gepaart mit einer gemeinen Intrige und Rache funktionieren auch heute noch und stehen modernen historischen Romanen in nichts nach. Wallace bedient sich dabei immer wieder eines Kunstgriffes, wie er heute auch noch ab und an verwendet wird, indem er den Leser zwischendurch direkt anspricht und parallelen zu späteren und heutigen Ereignissen zieht.
Erstaunlich ist auch Wallace genaue Beobachtungsgabe. "Ich kannte einen König, welcher Millionen von Menschen regierte und so vollkommen beherrschte, das Zutrauen eines Pferdes aber konnte er nicht gewinnen." (Kapitel 19) Heute werden Pferde daher in Managerseminaren eingesetzt, um deren Führungsstil zu verbessern, das konnte Wallace nicht wissen.
Unglücklich mutet heutzutage der Beginn des Romans an. Bevor es wirklich los geht muss man durch ca. 50 Seiten Weihnachtsgeschichte. Kaspar, Melchior und Balthasar treffen sich in der Wüste, erzählen sich ihre Geschichte und machen sich auf den Weg dem Jesuskind zu huldigen. Das erinnert teilweise sehr an "Life of Brian" und so wirkt die Szene mit Josef und Maria auf der Suche nach einer Herberge unfreiwillig komisch an:
"Du bist aus Bethlehem gebürtig und begibst Dich nun mit Deiner Tochter dahin [...]"
"Sie ist nicht meine Tochter"
"Deine Tochter ist schön!" flüsterte der Rabbi
"Sie ist nicht meine Tochter!" wiederholte Joseph ruhig.
Fazit: Ein gelungener historischer Roman aus der Zeit Jesu mit christlichen Touch, wie er auch heute noch in jedem christlichen Verlag aufgelegt werden könnte. Ein Klassiker, den man auch heute noch lesen kann und der so spannend ist, wie zu seinem ersten Erscheinen.
(Mir lag die Übersetzung von B. Hammer mit den Illustrationen von Ant. C. Baworowski vor)