Linwood Barclay zum Zweiten. Nachdem mich schon der Vorgänger "Ohne ein Wort" über weite Strecken gefesselt und sehr kurzweilig unterhalten hat, kam mir das zugeschickte Leseexemplar von "Dem Tode nah" gerade recht. Und die Lektüre hat sich wieder absolut gelohnt.
Keine Frage. Barclay erfindet auch diesmal das Rad nicht neu. Die anfänglichen Bedenken, dass das zweite Werk dem ersten sehr ähnlich sein könnte, haben sich aber recht schnell verflüchtigt. Die beiden Plots weisen zwar durchaus einige Parallelen auf, sind jedoch unterschiedlich genug um getrennt voneinander funktionieren zu können. Und erneut schafft es Barclay eine Geschichte zu Papier bringen, die trotz einiger hanebüchener Wendungen erstaunlich glaubhaft daherkommt und bei näherem Nachdenken ein mulmiges Gefühl im Magen des Lesers hinterlässt.
Diesmal freut sich der 17-jährige Derek Cutter auf ein paar Schäferstündchen mit seiner Freundin Perry. Da das so heimlich wie möglich ablaufen soll, versteckt er sich im Haus der Nachbarn, die passenderweise in den Urlaub fahren, was ihm wiederum freie Bahn für ungestörte Stunden verschafft. So zumindest der Plan, denn die Langleys kehren noch am selben Abend unerwartet zurück und er wird ungesehener Zeuge, als sie kurz danach kaltblütig erschossen werden. Für Derek und seine Familie ist nach dem Dreifachmord an ihren Nachbarn nun nichts mehr wie es war. Ohne es zu wollen werden die Cutters in die Ermittlungen der Justiz herein gezogen. Und während Derek selbst immer ins Visier der Polizei gerät, kommt seinen Eltern ein schlimmer Verdacht. Hat sich der Mörder vielleicht in der Adresse geirrt?
Wie schon im Vorgänger schafft Barclay hier eine spannende Ausgangsbasis, die einige Fragen offen lässt. Und auch diesmal ist es der Familienvater, Jim Cutter, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden. Auch im zweiten Band skizziert Barclay die guten und schlechten Eigenschaften seiner Charaktere sehr deutlich und wenig facettenreich. Die Guten sind gut, die Bösen böse. Und das erkennt der geneigte Krimileser, der schon mehr als ein Buch aus diesem Genre gelesen hat, auch auf den ersten Blick.
Tut das der Spannung Abbruch? Keinesfalls, denn dank dieser deutlichen Figurenzeichnungen fühlt man sich als Leser nicht nur mittendrin im Geschehen, sondern ordnet schon früh seine Sympathien und Antipathien zu. Und wirklich selten gab es derart hassenswerte Figuren wie in "Dem Tode nah". Sei es der überhebliche, schmierige Bürgermeister Finley oder der arrogante Universitätsprofessor Chase. Barclay verteilt seine kleinen Seitenhiebe auf die amerikanische Oberschicht und stellt ihr mit Jim Cutter einen Gutmenschen entgegen, den man einfach mögen muss. Ein sorgenvoller Familienvater und ehemaliger Künstler, der nun als Gärtner den reichen Leuten der Nachbarschaft den Rasen mäht. Ein Mann von nebenan, der angesichts der Gefahr für seine Familie glaubhaft handelt und nicht wie so oft in anderen Vertretern dieses Genres innerhalb eines Kapitels die Wandlung vom Couch-Potato zum beinharten Schweinehund vollzieht. Auch diesmal macht der Autor vieles richtig und nur wenig verkehrt. Zwar bleibt der Schreibstil schnörkellos und wenig spektakulär, dennoch kann die Story über weite Strecken überzeugen. Ein Thriller ist das Buch jedoch nicht. Eher ein gut konstruierter Krimi, der am Ende mit 500 Seiten vielleicht etwas zu lang geraten ist.
Insgesamt ist "Dem Tode nah" ein guter Nachfolger des Debütromans, der mit trockenem Humor, pointierter Spannung und toll gezeichneten Figuren kurzweilig unterhält. Eine gelungene Zwischendurchlektüre auf Popcorn-Kino-Niveau. Nicht mehr, nicht weniger.