Linwood Barclays siebtes Werk "Ohne ein Wort" ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Medien mittlerweile für die Vermarktung von Büchern geworden sind. Reichten früher teilweise noch Mund-zu-Mund-Propaganda und gute Kritiken aus, um ein Buch ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken, greifen die Verlage nun finanziell tiefer in die Tasche.
Im Falle von "Ohne ein Wort" war dies im Jahre 2007 eine riesige Werbekampagne in Form von Straßenbahnplakaten über Radiowerbung bis hin zu Fernsehspots. Mich persönlich schreckt eine derartige Marktschreierei oftmals eher ab, weshalb Barclays Werk eine ganze Zeit unangetastet in meinem Bücherregal fristete. Meine Skepsis konnte ich jedoch nicht lange aufrechterhalten, denn die Story fesselte mich von der ersten Seite an. Und diese ist schnell erzählt:
Stellen Sie sich vor, sie wachen auf, gehen runter in den Wohnbereich und niemand ist da. Ihre ganze Familie ist verschwunden. Spurlos und ohne ein Wort. Dies geschieht der 14-jährigen Cynthia, welche auch fünfundzwanzig Jahre später immer noch an diesem traumatischen Erlebnis ihrer Jugend und den dadurch offen gebliebenen Fragen zu knabbern hat. Was ist mit ihren Eltern und ihrem Bruder geschehen? Sind sie ermordet worden? Leben sie noch? Die kurze Vorstellung, wie es mir wohl ginge, würde mir so etwas widerfahren, sorgte bei mir gleichzeitig für Gänsehaut und Erschaudern. Endlich wieder ein Psychothriller, der auch dem Namen des Genres Ehre macht und gegen die zuletzt nur noch in Blut sudelnde Konkurrenz schwimmt.
"Ohne ein Wort" besticht durch perfekt inszenierten Thrill und eine vor allem zu Anfang knisternde, unheilvolle Atmosphäre. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Cynthias Ehemann Terry, was im Nachhinein sicherlich eine gute Wahl war, da die Panikattacken, Visionen und Wutanfälle seiner Frau, obwohl nachvollziehbar, mitunter dem Leser ganz schön auf die Nerven gehen. Eine Schilderung aus ihrer Sicht hätte dieses Buch wohl aus meinem Regal fliegen lassen. So verfolgt man allerdings gebannt den Versuch der beiden dem Rätsel auf die Spur zu kommen, wobei ihre oftmals hilflose und dilettantische Art sie mir sehr sympathisch machte und authentisch wirken ließ. Heldentypen sucht man hier vergeblich.
Stattdessen leidet man mit einem verzweifelten Familienvater, der unter dem Druck der Umstände zu harschen Handlungen gezwungen wird. "Ohne ein Wort" hätte der Reißer des Jahres werden können, würde man ab Mitte des Buches nicht schon dessen Ausgang ahnen. Die Verknüpfungen werden leider allzu bald offensichtlich und nur ein Teil der geplanten Überraschungseffekte zündet. Auch das Ende enttäuscht im Vergleich zu dem tollen Anfang etwas und gerät mir persönlich zu amerikanisch.
Insgesamt ist "Ohne ein Wort" aber ein kurzweiliger, streckenweise richtig packender Psychothriller, der mit seiner Grundidee die Pfade des blutigen Mainstreams lange Zeit erfrischend klar verlässt und trotz kleiner Logikschwächen einen positiven Gesamteindruck hinterlässt. Barclay hat ohne Zweifel Potenzial, auf dessen Abrufung in kommenden Romanen ich mich schon freue.