„Die Jüdin von Toledo“ ist in erster Linie ein historischer Roman. Aber es ist auch eine Liebesgeschichte, eine Sozial- und Mileustudie, ein Schicksalsroman und nicht zu letzt ein Drama. „Die Jüdin von Toledo“ ist alles davon nicht ganz und doch von allem mehr.
Die christliche Welt schreibt das 13. Jahrhundert und befindet sich im Hochmittelalter, mitten in der Zeit der Kreuzzüge. Kreuzzüge, in denen das christliche Abendland die „ungläubigen barbarischen“ Moslems vom Kontinent und aus dem heiligen Land vertreiben wollte. In der auch das Schicksal Iberiens auf Messersschneide stand. Die Moslems hatten sich im heutigen Spanien festgesetzt. Die Königreiche Kastillien, Aragon und Portugal fühlten sich an den Rand gedrängt. Die römisch-katholische Kirche rief zu den Waffen, doch der Gegner war stark und die christliche Königreiche bekriegten sich untereinander, so zögerte der mächtige König Kastilliens.
Genau in diese Zeit hauchte Feuchtwanger seinen Figuren Leben ein. Willensstarkes Leben, namentlich Don Jehuda, ein jüdischer Kaufmann, der in Aberkennung seines Glaubens in Sevilla beheimatet war. Nun zwing ihn die ungewisse bedrohliche Situation zum Aufbruch nach Toledo, den christlichen Teil Iberiens. Mit Sohn, Tochter und gelehrtem moslemischen Freund macht er sich auf den Weg ins Ungewisse. Er schliesst einen Pakt mit Don Alfonso, dem König Kastilliens. Jehuda wird des Königs Escrivano. Er gehört Alfonsos Rat an und ist fortan für die gesamte Wirtschaft des Landes verantwortlich. Für Alfonso ist dies gleichbedeutend damit, dass Jehuda möglichst viel Gold aus dem Land pressen soll, damit der Krieg gegen die Moslems in Angriff genommen werden kann. Als Gegenleistung bekommt Jehuda Asyl, Einfluss und kann unbehelligt seinem jüdischem Glauben nachgehen.
Hier entwickelt sich das Drama, den Jehuda kann sich und die jüdische Gemeinde von Toledo nur in Friedenszeiten schützen, aber der König es begierig auf den Krieg. Hier beginnt auch die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Jehudas Tochter Raquel und dem König. Hier dringt Feuchtwanger in verschiedene Mileus, verschiedene Welten ein, die aufeinander zu rasen, deren Aufprall nur eine Frage der Zeit ist. Auf engstem Raum wohnen die unterschiedlichsten Weltanschauungen, Lebensweisen, Religionen unter einem Dach, sitzen an einem Tisch, lieben und hassen sich, ziehen sich an, stossen sich ab, brauchen sich, verachten sich. Das Drama bahnt sich seinen Weg.
Feuchtwanger spielt mit den Gegensätzen, aber er spielt sie nicht gegeneinander aus. Zwischen den Zeilen verdammt er Krieg, religiösen Fanatismus und Engstirnigkeit. Feuchtwanger stellt Versöhner und Unversöhnliche auf alle Seiten. Es wird deutlich, das der Schmelztiegel möglich ist, dass auch die unterschiedlichsten Auffasssungen und Religionen in Frieden miteinander leben könnten, wenn sie nur etwas toleranter und aufgeschlossener wären. Dies gelingt Feuchtwanger ohne den sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger. Diese Erkenntnis überrennt den Leser, brennt in seinen Augen und müsste selbst geistig Blinde zumindest kurzzeitig sehende Blicke verleihen.
Feuchtwanger beschreibt die Diskurse der Gelehrten, aber auch die Auseinandersetzungen zwischen Jehuda und Alfonso mit kraftvollem lebendigem Ausdruck und einer gelungenen PriseWitz. Beeindruckender aber noch, ist der mächtige Wissensfundus auf dem Feuchtwangers Gespräche und Beschreibungen ruht. Allein der Gelehrtendisput zwischen Musa, Jehudas moslemischen Freund und dem ortsansässigen Domherr Rodrigues gibt mehr her, als vielen Romane insgesamt zu bieten haben. Dazu kommt die schöne geschliffene Sprache Feuchtwangers, die auch abschweifende Passagen lesenswert machen. Ebenfalls faszinierend ist die Tatsache, dass trotz der Fülle des Wissensausschuss und der Vereinigung mehrerer Romanformen, der Leser nicht den Überblick verliert, nicht um drei Ecken denken muss, sondern die ganze Herrlichkeit der Feuchtwangerschen Saat vor sich aufblühen sieht. Sich daran erfreuen kann, mitleiden muss und sowohl die verdorbene, als auch die ausgereifte Ernte einfahren kann.
Auszüge aus den Gesprächen, Diskursen der handelnden Personen:
Seite 73 (Musa zu Domherr Rodrigue): „Du siehst, mein hochwürdiger Freund, sowohl Salomo wie Mohammed kommen zu der Erkenntnis: Gott und das Schicksal sind identisch, oder, philosopisch ausgedrückt: Gott ist die Summe aller Zufälle.“
Seite 213 (Musa zu Raquel): „Ich bin ein Gläubiger der drei Religionen. Eine jede hat ihr Gutes, und eine jede lehrt Dinge, welche zu glauben die Vernunft sich sträubt.“
Seite 214 (Musa): „So voll ist die Zeit voll Waffen und Rittern und Eisen und Getöse, daß selbst die Worte des Wissen klirren, statt still zu sein wie das Rauschen des abendlichen Windes in den Wipfeln der Bäume.“
Seite 215 (Musa zu Rodrigue): „Eure Kreuzzüge! Es will mir nicht in den Kopf, daß ihr euren Heiland Fürsten des Friedens nennt und fromm und gläubig in seinem Namen zum Kriege aufruft.“
Seite 271 (Erzbischof Don Martin zu Rodrigue): Der Domherr gestand, daß sich in seiner Lust an dem frommen Unternehmen immer wieder, wie ein Tropfen Blutes in einem Becher Wein, der Gedanke mische an die vielen Toten, welche der Krieg nun auch der Halbinsel abfordern werde. Don Martin hielt ihm entgegen, Gott habe dem Menschen nun einmal zu Kampf und Streit geschaffen. „Wohl hat er ihm“, führte er aus, „die Herrschaft verliehen über alles Getier, er hat es aber so gefügt, daß sich der Mensch diese Herrschaft erst erkämpfen müssen. Oder glaubst Du, daß sich der wilde Stier ohne Kampf vor den Pflug hat spannen lassen? Sicher hat Gott noch heute Wohlgefallen an dem Ritter, der den Stier bekämpft. Mir ist, ich bekenne es gerne, von allen Sätzen, die der Heiland sprach, am liebsten jener, den Matthäus überliefert: ,Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu ringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.´ “
Der letzte aufgeführte Auszug spiegelt die Hoffnung die Feuchtwanger den Lesern mit auf den Weg gibt, die Hoffnung trotz düsterer Erkenntnisse, trotz aller Verderblichkeit, auf Strahlen des Lichts
Seite 431 (Rodrigue und sein jüdischer Gelehrten-Schüler Benjamin): „Jung an Jahren, wie du bist“, sagte er, „hast du gleichwohl zu Genüge erfahren, wie Dummheit und wüste Wut immer von neuem wegspült, was die Erkenntnis und die Arbeit von Jahrhunderten aufgerichtet hat,. Trotzdem läßt du nicht ab, zu grübeln, zu forschen, dich zu plagen. Scheint es dir der Mühe noch wert? Und wem nützt deine Mühe?“
Auf dem Gesicht Benjamins leuchtete jene fröhliche Verschmitzheit auf, die es früher so jung und liebenswert gemacht hat. „Du willst mich prüfen, mein hochwürdiger Vater“, antwortete er, „aber du weißt meine Antwort voraus. Gewiß, die Finsternis ist das Übliche und das Licht die Ausnahme. Doch gerade in der ungeheuren Masse Unlicht ist das bißchen Licht doppelte Freude. Ich bin nicht viel, aber ich wäre gar nichts, wenn ich diese Freude nicht spielen könnte. Ich habe die Zuversicht, daß das Licht bleiben und daß es sich mehren wird. Und meine Schuldigkeit ist, daß ich mein Winziges dazu beitrage.“