„Es wird Zeit, dass wir ernst genommen werden“, schreibt Mark Scheppert in seinem diesjährig erschienen Anekdotenband „Mauergewinner“. Mit den sogenannten 30 Sättigungsbeilagen möchte der ehemalige DDR-Bürger seine eigene Geschichte niederschreiben.
Als einen Angekommenen bezeichnet er sich. Und so möchte er auch über seine Kindheit sprechen.
Mark Scheppert ist zur Zeit des Mauerfalls 18 Jahre alt gewesen. Er lebte mit Mutter, Vater und jüngerem Bruder Benny in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Friedrichshain, Ost-Berlin.
Seine Mutter arbeitete lange als Sekretärin im Ministerium des Außenhandels in der DDR und hatte dadurch nicht wenigen Kontakt zu interessanten Persönlichkeiten und vor allem zu den im Osten sehnlichst erwünschten Westprodukten, wie Milka, Johnny Walker oder Camel Zigaretten. Schepperts Vater war zeitweise Sektionsleiter im Radsport und trainierte gar Jan Ullrich.
Diese familiären Grundkonstellation aber lässt Mark Scheppert nur am Rande einfließen, im Vordergrund stehen seine eigenen Empfindungen und Erlebnisse als Heranwachsender in der Berliner DDR. Dabei will er sein Erleben im Osten von Berlin ohne Nostalgie oder politisch erhobenem Zeigefinger schildern.
Mark Scheppert changiert zwischen Vergangenheit und Gegenwart und legt seine eigene Biographie exemplarisch dar, um eine für ihn zentrale Nachricht loszuwerden: „Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war […]. Ich sage nie, dass es früher besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.“
Wovon möchte der Autor in seinem Buch erzählen? Woraus der Alltag in der DDR bestand? Wie das Lebensgefühl für einen in den siebziger Jahren Geborenen und somit in der Endphase der DDR Heranwachsenden war? Ist es das, was uns Mark Scheppert Nahe bringen möchte?
Scheppert legt in seinem Vorwort dar, dass er „ stellvertretend für meine Generation etwas Neues und Einzigartiges über die DDR“ schreiben wollte. Er fühlte nicht, dass in den vielen bereits vorhandenen Büchern über die DDR seine „Erfahrungen und […] Kämpfe“ vorkamen, „erst recht nicht das Gefühl, das [er] mit der Zeit verband“. Dies also wollte er mit dem vorliegenden Buch, vor allem für sich selbst und seinen Wunsch, biographische Aufbewahrung zu betreiben, erreichen.
In einem der Kapitel, „Hier kam Alex“, schildert Mark Scheppert zum Beispiel die Besuche der Verwandten aus Sachsen. Die Sachsen seien böse Menschen für die Berliner gewesen, erzählt er. „Sie hatten uns den nuschelnden Walter Ulbricht beschert, konnten besonders in und um Dresden kein Westfernsehen schauen und verständigten sich deshalb auch in dieser unverständlichen Sprache. Sie waren Leute aus Gummi-, Plaste- und Bergwerken […]“. Aber auch anders herum galt dies für die Berliner in den Augen der Sachsen, denn auch die Berliner „hatten kein[en] Respekt vor Walter Ulbricht, konnten ungehindert Westfernsehen schauen und verständigten sich deshalb auch in dieser komischen Sprache.“ So schreibt Scheppert von den innerostdeutschen Rivalitätsgefühlen und tut dies natürlich aus der Sicht seiner jugendlichen, noch unbekümmerten Jahre. E entsteht ein Blick auf seine Jugend und Vergangenheit, die mit der Wahrheit, ja der Wahrnehmung kokettiert und sich durch die Verlaufsstruktur des Buches selbst auch nicht ganz so ernst nimmt.
Mark Scheppert spielt immer mal wieder mit Insider-Witzen und ruft Namen seines Bekanntenkreises auf, die man als Lesender nicht ohne Probleme zuordnen kann, was durchaus zu einiger Verwirrung im Lesefluss führt. Diese hätte man jedoch durch eine Einführung tilgen oder ein etwas anders in-Szene-Setzen klarer machen können, somit für den Leser die Möglichkeit schaffen können, die Szenerien selbst nachzuempfinden. Zum Beispiel erzählt der Autor im Kapitel „Bennys großer Tag“ von seinem kleinen Bruder, den er gern mal in den Schwitzkasten genommen und diesen erst wieder entlassen hat, bis dieser „Bodden, Doppelter Bodden, Greifswalder Bodden“ gesagt hat. Ein Zugang zum Witz dieser zwischenmenschlichen Rauferei bleibt dem Leser verschlossen. Eventuell ist das Buch in dieser Hinsicht wirklich nur eines für seine eigene Generation. Denn diesen Spaß kann man ohne Kontext eher weniger verstehen.
Ein wirklicher Höhepunkt des Buches ist die Story um ein Konzert von Depeche Mode in Berlin, dem Mark Scheppert beiwohnte. Hier wird die Wichtigkeit der Musik für ein jugendliches Lebensgefühl ganz hautnah und ehrlich beschrieben. Selbst gefühlte Emotionen kann Scheppert spürbar verbreiten und auch im Leser erzeugen. Leider fallen diese Sequenzen ein wenig kurz aus, auch sehr essenzielle Informationen der familiären Geschichte sind nur in Nebensätzen präsentiert, obwohl sie dem Buch in anderer Aufmachung eine durchaus berechtigte Position als das etwas ‚andere Ost-Buch‘ gegeben hätten.
Oftmals wirken die Anekdoten in ihrer Mehrzeitlichkeit auch ein wenig zu stark auseinander gerissen und stürzen den Leser in eine neue Landschaft, derer er nicht sofort Herr werden kann. Dabei fragt sich der Rezipient so manches Mal, ob sich der Autor nicht im Klaren darüber gewesen ist, wie er die Geschichten anordnen möchte. Im Vorwort macht Mark Scheppert allerdings klar, dass er eine zeitliche Verbindung dieser zwei Staatssysteme zu gestalten versuchte. Damit wollte er „verfolgen, wie das Erbe der DDR im neuen Deutschland weiterlebt. So wie auch ich es tue.“
Fazit: Dieses Büchlein ist ohne weitere Kenntnis um die Geschichte der DDR in seinen kurzen Anekdoten flüssig lesbar und abends vor dem Einschlafen oder zwischendurch einmal konsumierbar. Für die Generation des Mark Scheppert, also die 1971 Geborenen mag dieses Buch auch wirklich so manchen Wiedererkennungseffekt bereit halten. Tiefer jedoch gehen die Geschichten nicht, sie wollen keine politische Aufarbeitung oder Nostalgie sein, wie es Scheppert in seiner Einleitung schreibt, kommen aber in gewisser Weise an einer derartigen Kategorisierung nicht vorbei. Denn in seinem journalistischen Schreibstil wählt Mark Scheppert durchaus wertende Adjektive und Perspektiven. Seine Geschichten relativiert er in ihrer Verlässlichkeit oftmals dadurch, dass die biographischen Einsprengsel seiner Familie unklar und undurchsichtig gemacht werden. Dadurch mag die Geschichte an Witz, aber auch an Verwirrung für den Leser gewinnen, da dieser sich nicht mehr genau zurecht findet in einer möglichen journalistisch aufbereiteten Fiktion oder nacherzählten biographischen Wahrheit.
Leicht und locker lesbar ist das Buch „Mauergewinner“. Warum Mark Scheppert ein Mauergewinner ist, erzählt er uns auch in einer der 30 Geschichten um sein Leben in und nach der DDR. Es dreht sich dabei um einen 4x100-Meterlauf, den er mit drei Schulkameraden absolvieren soll. Wie die Mauer ihm dabei geholfen hat, lesen Sie am besten selbst!