Unbedingte Mutterliebe, ein Satansbraten und väterlicher Opportunismus[/b]
28 Briefe schreibt Eva Katchadourian. 28 Briefe, in denen sie erklärt, rechtfertigt, argumentiert, warum ihr Sohn Kevin mehrere Menschen in einem Schulmassaker tötete.
"Alles hängt davon ab, wie sehr Menschen es mögen, hier zu sein, einfach am Leben zu sein. Ich glaube, Kevin haßte es."*
Gedanken werden wach, an Luke Woodham, Michael Carneal, Kip Kinkel, Dylan Klebold und Eric Harris. Und doch ist Kevin anders. Sie sieht in ihm die Inkarnation des Bösen; sie sieht in ihm ein Produkt der eigenen Verweigerung von Mutterliebe, ein Produkt der eigenen Hoffnungslosigkeit und Konfilktlosigkeit durch und vom Vater, immer darum bemüht das heile, amerikanische Familienbild zu wahren. Zeichen, Warnungen, selbst Hinweise von anderen Eltern und Lehrern werden als ‚üble Nachrede‘ abgewertet. Porträtiert wird hier nicht eine im Proletariat lebende Familie, ohne finanzielle Mittel, ohne berufliche Perspektiven. Illustriert wird kein Teenager, der Mobbing, Misshandlung oder Missbrauch ausgesetzt. Auch kein Schüler, der unbeliebt und von allen gemieden wird. Kevin gehört auch keinem Satanskult an, spielt gefährliche Computerspiele, schaut Horror-Videos oder hört Marylin Manson.
Kevin fühlt sich nicht einsam und unverstanden. In Evas Augen ist Kevin nicht einfach nur anders, für sie ist er das reine Böse.
„Seit der Sekunde seiner Geburt assoziierte ich Kevin mit meinen eigenen Grenzen, nicht nur mit Schmerz, sondern mit Niederlage.“*
Eva selbst stellt sich nicht in das beste Licht. Ihr Egoismus, ihre Selbstherrlichkeit, ihre Eitelkeit, ihre unterbewusste Ablehnung Kevin gegenüber wird authentisch an einzelnen Episoden erzählt. Es wird deutlich, dass sie sich nicht emotional für die Schwangerschaft entschieden hat; mehr noch erscheint ihr Sohn als Störfaktor in der Beziehung zu ihrem Partner. Sie bemerkt mehrmals, dass sie weder in die Rolle der Hausfrau und Mutter passt noch in den späteren Jahren zu der, des Globetrotters. Sie fühlt sich beengt, nicht frei von Abhängigkeiten und Lasten. Wie Kevin.
Die Briefe Evas sind eine quälende Selbstbefragung, man bekommt den Eindruck einer Frau, die sich unbedingt rechtfertigen möchte. Sie dementiert zunächst jede Schuld, fragt sich aber doch, ob es sich nicht hätte anders entwickeln können: Warum haben sie sich nicht therapeutische Hilfe gesucht? Warum nicht dann die professionelle Hilfe, als ihnen als Familie bewusst wurde, dass Kevin ihn in die Leidenschaftslosigkeit und Perspektivlosigkeit entgleitet?
Es sind 28 Versuche. 28 Versuche für Donnerstag eine Erklärung, eine Rechtfertigung zu bekommen. 28 Versuche zu ergründen, warum er so und nicht anders sich entwickelte, warum er so und nicht anders handelte, warum er so und nicht anders dachte. 28 Versuche auch zu ergründen, warum die Beziehung nicht funktionierte, warum es eine Aufteilung der Liebe, einen Beschützerinstinkt für das ‚missratene Kind‘ gab, ohne Chance Hinweisen und Warnungen der eigenen Frau, Nachbarn, Freunden und Schulkameraden zu glauben.
„Ich merkte, dass das Porträt, was ich hier zeichnete, nicht attraktiv ist“*
Das Buch ist vor allem eines: Ehrlich.
Eva stellt sich selbst in sehr negatives Licht, sie weiß, dass sie keinen Raum zur Identifikation bietet, keinen Raum dazu bietet Sympathie hervorzurufen. Und doch redet sie. Man hört zu, will das Geschehen begreifen. Ich verspürte nicht nur Ekel und Ablehnung, sondern auch Mitleid und Betroffenheit, nicht nur für Kevin sondern auch für Eva.
Das Buch ist sehr differenziert; durch den Briefstil hat man nur die Perspektive der 55-jährigen alte Eva, nicht die des Mannes oder außenstehender Personen, aber dennoch wechselt sie die Seiten, bietet Einblick in die Gedankenwelt Umstehender, in die Wut Mary Woolfords, die ihre Tochter verlor. In die Gedankenwelt ihres Mannes, der der glücklichen Persönlichkeit seines Sohnes glaubte ohne das Theater zu hinterfragen.
Nicht nur differenziert ist dieses Werk und ehrlich, sondern auch wortgewaltig, stilsicher und unterhaltsam geschrieben. Es wird nichts kaschiert, Metaphern werden zur Verbildlichung nur spärlich eingesetzt. Im Vordergrund des Shriver’schen Stils steht die reine und realitätsgetreue Darstellung. Nicht ein Wort ist zu viel. Die Autorin beschreibt hier in einfachen, sehr direkten und klaren Worten eine Geschichte von Beziehungen, vom Scheitern, von falschen Perspektiven, von falschen Einschätzungen.
Es ist kein „Betroffenheitsbuch“, es ist kein Buch, was Mitleid hervorruft. Die Geschichte ist real, sie ist wahr. Geradezu schnörkellos. Geradezu hart.
Und spannend. Ich konnte es lange nicht aus der Hand legen. Ob dieses Werk ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion darstellt, weiß ich nicht. Vielleicht dahingehend, dass nicht Computerspiele und Horror-Filme für einen ‚schlechten Charakter‘ verantwortlich sind, sondern Erziehung und Sozialisation, Schule und Elternhaus. Ob es ein Thriller ist? Keine Ahnung.
Letzt endlich finde ich die Kategorisierung des Werkes ziemlich nebensächlich: ich finde das Buch wie folgt: Spannend, unterhaltsam und zum Nachdenken anregend.