Wir Leser kennen sie wohl alle, die vollmundigen Versprechungen und Lobeshymnen in Klappentexten und auf Buchrückseiten. Auf diesem Buch stand der folgende Gebrauchshinweis des Boston Globe: „Nachdem ich „Mein Leben ohne Gestern“ gelesen habe, wäre ich am liebsten aufgesprungen, um jedem Fremden auf der Straße zuzurufen: >Sie müssen dieses Buch lesen!<“ Puuh, gerade um solch gepriesenen Bücher mache ich oft einen weiten Bogen, diese fast schon aggressive Art der Werbung funktioniert für mich meistens so gar nicht. Aber es gibt in der Tat auch Ausnahmen, oder besser gesagt, Werbesprüche, die tatsächlich zutreffen. Denn nach Beenden des Buches war ich fast selbst soweit, das Buch auf offener Straße anzupreisen..
Die Hauptperson des Buches, die 51-jährige Alice, hat alles, was das Herz begehrt. Sie ist Psychologie-Professorin in Harvard, hat eine gute Ehe und drei wunderbare, bereits erwachsene Kinder. Als sie anfängt, Dinge zu vergessen, besteht für sie noch kein Grund zur Sorge, sie schreibt es dem Stress zu, wenn die Brille mal wieder nicht da zu finden ist, wo sie sie abzulegen geglaubt hatte. Doch nach und nach häufen sich solche Vorfälle, und sie werden auch gravierender: Alice weiß beim Joggen plötzlich nicht mehr so genau, wo sie gerade ist und wie sie wieder nach Hause finden soll. Und sie versteht ihre eigenen Notizen plötzlich nicht mehr. Kurz entschlossen macht sie einen Termin bei ihrer Hausärztin.
Einige Arzttermine und Untersuchungen später steht die erschreckende Diagnose fest: eine frühzeitige Form von Alzheimer. Ein Schock für die aktive, lebenslustige Frau – und für ihre Familie ebenso. Sie bekommt Medikamente, die die Krankheit aufhalten sollen, aber irgendwann muss sie auch in Harvard Farbe bekennen und ihre Krankheit öffentlich machen. Ihre Ausfälle sind trotz medikamentöser Therapie einfach nicht mehr zu übersehen.
Wie es Schritt für Schritt bergab geht, schildert dieser Roman auf eine tief berührende Weise, jedoch frei von jeglichem Pathos und Kitsch. Der allmähliche Verlust des Kurzzeitgedächtnisses wird von der Autorin, die selbst Neurowissenschaftlerin ist, zwar sensibel, aber doch schonungslos geschildert. Dabei wird der Leser so in Alices Welt und Gedanken gezogen, dass er unmittelbar dabei ist, die schlimmen und die guten Momente so miterlebt, als wäre er ein Teil der Familie.
Fast jedes Kapitel, fast jede Szene, in der die Krankheit thematisiert wird, habe ich als unglaublich berührend und lebensnah empfunden. Man erlebt zum Beispiel mit, wie Alice sich mit dem Gedanken auseinandersetzt, dass sie doch lieber Krebs hätte anstatt Alzheimer. Denn Krebs ist heilbar – Alzheimer nicht. Und wenn man sich vorstellt, wie schlimm das sein muss, bei vollem Bewusstsein geistig „abzubauen“, dann kann man diesen Gedanken, so schlimm er klingen mag, nachvollziehen.
Auch witzige Elemente gibt es. Als Alice feststellt, dass es Selbsthilfegruppen nur für Angehörige von Kranken gibt, ruft sie selbst einen Gesprächskreis für Alzheimererkrankte ins Leben. Beim ersten Treffen fragt sie die Teilnehmer nach der Begrüßung: „ Möchten Sie etwas zu denken?“ Als sie korrigiert wird, ist es ihr zunächst peinlich, doch einer der Teilnehmer gelingt es, mit einer lustigen Bemerkung dazu alle zum Lachen zu bringen. Denn etwas zu denken zu bekommen, das Gehirn immer wieder und weiter zu trainieren, auch wenn man vieles vergisst, ist ja ein zentrales Element, um den Verlauf der Krankheit zu verzögern. Ein Schmunzelmoment - und durchaus nicht der einzige.
Natürlich ist dies trotzdem kein Wohlfühlbuch – der Leser erlebt zum Beispiel auch mit, wie sich Alices Kinder auf das mutierte Protein testen lassen. Und auch, wie ihr Mann John, selbst Wissenschaftler, mit seinen Gefühlen kämpft. Er zieht sich zurück, kann mit der Diagnose nicht umgehen, ist sogar fast wütend auf seine Frau. Wie kann sie es wagen, ihnen den beginnenden Lebensabend – und seine fortschreitende Karriere – mit dieser Krankheit zu belasten?
Man merkt genau, dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Am Beispiel ihrer Großmutter mußte sie selbst erleben, wie es ist, wenn man mit einem an Alzheimer erkrankten Angehörigen umgehen muss. Hierbei war sie sehr zwiegespalten, denn was ihre Neugier und ihr Interesse als Wissenschaftlerin hervorrief, ließ die Familienangehörige in ihr in Gegensatz dazu eher wütend, schockiert und machtlos zurück.
Für mich ist dieses Buch der erste große Lesehöhepunkt des Jahres 2011. Demenz wird immer häufiger in unserer Gesellschaft, und während man Krebs sowie Herz- und Kreislaufkrankheiten fast täglich in den Medien erleben kann, erfahren wir viel zu wenig über Demenz, es sei denn, wir informieren uns selbst. Und das tun wir meistens erst dann, wenn es einen Freund oder Angehörigen betrifft. Klar hilft einem dieses Buch auch nicht unbedingt, mit der Krankheit besser fertig zu werden. Aber es bietet Einblicke in eine Welt, die dem einen oder anderen von uns im Laufe des Lebens begegnen kann und wird – ob als Betroffener oder Angehöriger. Und aus diesem Grund kann ich dem Boston Globe nur zustimmen: Diesem Buch sollte wirklich jeder eine Chance geben!