Es ist schon schlimm genug, wenn man den eigenen Partner mit der Mitbewohnerin und zugleich Freundin im Bett erwischt, aber was Lena in "Bis du erwachst" dann passiert, ist noch um einiges dramatischer. In dieser Situation eilt sie nämlich kopflos davon, fällt über einen Schuh der Mitbewohnerin und stürzt die Treppe herunter – mit schwerwiegenden Folgen: Lena liegt im Koma!
Als ihre Schwestern Millie und Cara von dem schrecklichen Unfall erfahren, sind sie sofort an Lenas Seite am Krankenhausbett. Doch die Geschichte entwickelt sich ganz anders, als man jetzt vielleicht denken mag. Neben den traurigen Momenten im Krankenhaus, bei denen die Hoffnung auf ein Erwachen Lenas immer mehr sinkt, rollt die Autorin Lola Jaye auch eine Familiengeschichte von hinten auf, die vor allem dadurch geprägt ist, dass Lena nie wirklich Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Sie selbst kümmerte sich immer um alles, war das Verbindungsstück der Familienmitglieder zueinander, doch jetzt ist das ganz anders.
Cara und Millie müssen plötzlich allein zurecht kommen, haben niemanden mehr, bei dem sie sich über ihre Beziehungsprobleme oder den Stress im Job auslassen können. Da stellen sie plötzlich fest, dass sie immer nur an sich gedacht haben und nie an Lena. Als ihre Mutter auftaucht, die sich ein schönes Leben gönnt und Lena allein mit einer Menge Schulden durch eine Hypothek zurück gelassen hat, gibt es ein komplettes Chaos.
Doch dann gibt es auch noch Michael, einen unglaublich netten jungen Mann, dem Lena häufiger am Bus begegnete. War er sonst auch noch so sehr von Selbstzweifeln geplagt, sieht er jetzt in seinem Beistand für Lena und ihre Familie seine tatsächliche Bestimmung und lebt auf. Gelingt ihm zusammen mit der Familie ein Neuanfang und wird Lena wieder gesund aus dem Koma erwachen?
Lola Jaye hatte bereits mit "Für immer, Dein Dad" einen wunderbaren Roman geschrieben, der durch sein Gefühl, aber auch dadurch überzeugt, dass er nicht zu sehr auf die Tränendrüse drückt. Genau diese Beschreibung trifft auch auf "Bis du erwachst" zu. Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, ein unglaublich ehrliches Buch vor mir zu haben, das nicht versucht mit Kitsch, sondern durch eine realistische Handlung zu überzeugen. Eigentlich merkwürdig, dass ich es so empfunden habe, denn ein bisschen eigenartig ist das Zusammentreffen der Schwestern mit Michael, einem Mann den sie alle (selbst Lena) nicht wirklich kennen, schon. Aber unmöglich hat sich die Handlung doch nie angefühlt, sondern als würde genau das gerade in diesem Moment passieren.
In all die persönlichen Konflikte die Lola Jaye hier aufwirft, konnte ich mich hervorragend hinein versetzen. Wer hatte nicht schonmal das Gefühl, einem geliebten Mitmenschen zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet zu haben, wer kennt nicht das Gefühl, verlassen zu werden oder sich neu zu verlieben. Der Autorin ist es in "Bis du erwachst" geglückt Emotionen verschiedenster Arten glaubhaft darzustellen und hier kommt ja wirklich alles zusammen: Trauer, Freude, Angst, Zorn, Liebe, Schuld …
Ich finde, es sollte mehr Bücher dieser Art geben, denn die meisten sogenannten Frauenromane sind mir einfach viel zu kitschig und vollkommen realitätsfern. Auch geht der Trend immer mehr dahin, dass die weiblichen Hauptfiguren älter als 40 sind, womit ich mich dann nicht identifizieren kann. Bei "Bis du erwachst" ist das anders und ich denke, dass alle Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, aber auch ältere, sich hier wunderbar hineindenken und -fühlen können.
Sehr schön anzusehen ist auch das Buchcover, das den Inhalt der Buches nochmal perfekt widerspiegelt: Romantisch, aber nicht kitschig; verträumt, aber doch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen.
Ich empfehle dieses Buch allen Frauen, die genug haben, von den ewigen Büchern über Frauen, denen eigentlich nur Shopping wichtig ist in ihrem Leben und plötzlich verlieben sie sich unsterblich und alles ist ja ach so schön, aber dann kommt das große Drama. Ich empfehle es allen, die einfach eine schöne, gefühlvolle Geschichte lesen möchten, die zwar nicht mit Gefühlsgedusel um sich wirft und doch so sehr berührt.