Die besten und hartnäckigsten Freundschaften entstehen in der Jugend. Dann, wenn man mit jugendlichen Elan gemeinsam mit anderen die Welt erobert oder dies in Angriff nehmen will. Gemeinsam werden Pläne geschmiedet für die große Karriere, wie man welche Frau/welchen Mann beeindrucken kann, wie das Leben sich überhaupt gestalten sollte. Es ist auch die Zeit der größten Geheimnisse, die man nur wenigen, eben jenen Freunden, anvertrauen kann und will. Hier geht man zum ersten Mal die eigenen Bahnen.
So auch Sam, Henry und Archie, die sich am ersten Studientag im Wohnheim kennenlernen, ein gemeinsame Wohnung beziehen. Zwar kommen sie alle aus unterschiedlichen Schichten und Orten hier an der Elite-Universität Harvard zusammen, aber irgendetwas schweißt sie auch wirklich zusammen. Nicht nur die gemeinsame Wohnung. Sie erzählen ihre Probleme, ihre Sehnsüchte, geben sich gegenseitig Ratschläge, besuchen gemeinsam Partys, später nimmt jeder den anderen mit in die Familie. Es sind die wilden 50er Jahre, in denen der neue Roman von Louis Begley mit dem Titel „Ehrensachen“ seinen Anfang nimmt.
Doch während Sam und Archie aus reichem Hause stammen, muss sich Henry erst seine Position verdienen. Sein Problem ist nicht nur die Herkunft aus einem bürgerlichen Zuhause. Henry ist Jude, aus Polen stammend, der sich mit Ehrgeiz und Fleiß in der amerikanischen Gesellschaft hocharbeiten will. Ehrgeiz und Fleiß besitzt er, doch seine spezielle Herkunft lässt ihn immer wieder zurückfallen. Die Gesellschaft betrachtet ihn als Exot, ohne ihm zu viel zuzutrauen. Jude zu sein, wird für ihn zu einem speziellen Makel.
Aber auch Archie und Sam kennen die Schwierigkeiten ihrer Familie. Archie stammt aus einer Armee-Familie, die ständig unterwegs ist, Sam kennt nicht einmal seinen richtigen Ursprung. Seine Adoptiveltern sind zudem Alkoholiker. Das Geld bekommt er aus einem speziellen Fond.
Während Sam nach einem Überfall, bei dem er brutal zusammengeschlagen wird, psychologische Hilfe in Form eines Psychiaters in Anspruch nimmt, damit auch das schwierige Verhältnis zu seinen Adoptiveltern aufarbeitet, beginnt Henry nach einem Philologie-Studium das von seinen Eltern gewünschte Jury-Studium. Schließlich soll der Filius einen ordentlichen Beruf erlernen. Mit der Zeit entwickelt sich Sam zu einem ernst genommenen Autor, Archie macht mit wechselnden Frauenbekanntschaften von sich Reden, Henry steigt dagegen in eine New Yorker Kanzlei ein.
Mit den Jahren verlieren sich die drei nie aus dem Blick, bleiben stets in Kontakt. Auch wenn ihre Berufe und ihre Wirkungsstätten über den Erdball verstreut sind. Vor allem schwere Schicksalsschläge in der Familie bringen das Trio immer wieder zusammen. Nach dem frühen Tod von Archie beleben Sam und Henry weiterhin die enge Freundschaft. Beide erlangen in ihrer jeweiligen Profession einen guten Ruf, Sam als Autor, Henry als Jurist und Berater für eine bekannte belgische Bank. Doch das Leben auf der Höhe fordert für einen der beiden einen hohen Preis, den beide zu zahlen haben.
Viele kennen Campus-Geschichten, in denen sich eine Gruppe von Studenten regelrecht zusammenschweißt. Was dieses Buch von Louis Begley so besonders macht, ist jene Intensität, die man mit Blick auf die Freundschaft der drei zu spüren glaubt. Denn diese Freundschaft bleibt ein ganzes Leben, besteht jede Lebensphase, jeden Schicksalsschlag.
Sie ist für Henry der größte Halt, der mit seiner Herkunft als Jude mehr Probleme bekommt, als er erkennen will. Erst am Ende wird ihm klar, dass er sein obwohl erfolgreiches Leben auf einer Lüge aufgebaut hat. Er hat sich selbst belogen. Immer wieder wird bei Feiern und im Zusammentreffen mit den Familien seiner Freunde darum, ein anderer zu sein, die Herkunft als europäischer Jude gegen den Status eines erfolgreichen und reichen Amerikaners auszutauschen, die Leiter des Erfolgs Stufe für Stufe hinaufzusteigen, trotz der Tücken, die ihm viele Menschen in den Weg legten.
Man begleitet mit dem Roman alle drei jungen Männer, auch wenn alles aus der Sicht von Sam erzählt wird. Keine Schilderungen der Natur oder der Umgebung stehen im Vordergrund, vielmehr ist dieses Buch ein einziges Gespräch, ein einziges Nachdenken. Neben den Dialogen erzählt Sam viel darüber, was andere gesagt und gemeint haben. Nur so erhält man einen sehr intensiven Blick in das Innenleben der drei unterschiedlichen Helden, die in ihren verschiedenen Charakteren und Ansichten gezeigt werden.
Nichts bleibt so ungesagt: Nicht das tiefe Gefühl zu einer speziellen Frau, die Angst vor dem Versagen, die Verständigungsprobleme mit der Elterngeneration. Man fühlt und lebt irgendwie mit ihnen, so nah vermag die Sicht von Sam auf die Dinge – vom ersten Treffen im Studentenwohnheim über den Tod von Archie bis hin zu einem Wiedersehen zwischen ihm und Henry nach langer Zeit als bereits alte Männer - dem Leser erscheinen.
Irgendwie fällt einem da der Abschied am Ende des Buches schwer. Denn trotz des etwas mühevoll zu lesenden Stils der Redewiedergabe, vermag der Roman sehr spannend zu sein, der nicht nur Einblicke in das Studentenleben, sondern auch in das Leben eines Autors, eines Juristen sowie in das Leben der High Society gibt. Die Handlung ist das Leben der drei, die völlig verschieden, doch in ihrer Freundschaft zueinander eine spezielle Gemeinsamkeit haben.
Am Ende erkennt man noch einen weiteren besonderen Grund, warum „Ehrensachen“ ein herausragendes Buch ist: Als Lebensgeschichte beinhaltet es eine herbe Kritik an einer starren und ausgrenzenden Denkweise in den Jahrzehnten nach dem Krieg, als Juden in Amerika ihre neue Heimat sahen, und entblößt zudem die Gier der Wirtschaft nach Gewinn und Macht.
Vergleicht man die Biografie von Louis Begley und diesen neuen Roman, fallen einem gleich Parallelen auf. Während Kritiker dieses neue Buch als sehr persönliches bezeichnen, weigert sich der Autor, sein Buch als autobiografisch zu nennen.
Wie Harry ist der Autor jedoch im damaligen Polen, heute Ukraine auf die Welt gekommen. Im Oktober 1933 in Stryj (Galizien) als Sohn eines Arztes geboren, erlebte Begley die Machtergreifung der Nazis in Deutschland und den späteren Beginn des Zweiten Weltkriegs nach den Überfall auf Polen im September 1939. Die Beglejters, wie die Familie des späteren Schriftstellers hieß, tauchte unter. Stationen auf de Flucht waren Warschau und Krakau. Mit dem Kriegsende ging die Familie über Paris schließlich nach Übersee. Nach dem Besuch einer High-School bekam Begley ein Stipendium für die Harvard-Universität, wo er an der Seite von John Updike, der später ebenfalls zu einer literarischen Berühmtheit wurde, Englische Literatur und Jura studierte. Neben seiner späteren Profession als Jurist schrieb Begley und veröffentlichte Anfang der 90er Jahre seinen Debütroman „Lügen in Zeiten des Krieges“, der wie „Schmidt“ oder „Mistlers Abschied“ zu seinen bekanntesten Werken zählt. Drei Jahre lang begleitete er zudem das Amt des PEN-Präsidenten. Begley schreibt weiterhin, unter anderem auch Essays, beispielsweise für die FAZ. Für sein Wirken wurde er bereits mit zahlreichen Preisen geehrt, so zum Beispiel mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.