Leserunde zu "Psyche. Welten." von Lucas Edel

Neuer Beitrag

Nicecat

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer
Beitrag einblenden

ich habe grade das Kapitel der Schöpfer abgeschlossen und muss sagen das es zwar einen monemt gedauert hat bis ich in die Geschichte kam aber man der Beschreibung des psychologischen Werdegangs des Protagonisten sehr gut folgen. Das Wachkoma empfinde ich als eine Flucht des Protagonisten vor seinen Taten und deren Konsequenzen

KiSa

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer
Beitrag einblenden

Ich habe jetzt auch die erste Geschichte gelesen. Ich wusste zwar schon, dass es keine leichte Kost sein wird, aber ich muss sagen, "Schöpfer" hat mich ziemlich mitgenommen. Definitiv nichts, für "mal schnell zwischendurch". Ich kam sehr gut rein, die beklemmende Atmosphäre hat direkt auf mich übergegriffen. Die Stelle, die mir am deutlichsten in Erinnerung ist, ist die, als er erleichtert auf die "drei Beinpaare" aus der Dachluke reagiert, darauf, dass die Familie, die in dem Haus wohnte, ausgelöscht wurde. Ich frage mich die ganze Zeit, was hat diesen Menschen zu dem gemacht, was er in dieser Situation ist? Der Krieg, die Propaganda, die Macht?
Der Zwiespalt zwischen "Sich-erinnern-wollen" und der Angst, sich zu erinnern, wird auch sehr deutlich, und durch die Erinnerungsfetzen auch verständlich. Dies zeigt sich auch darin, dass er die Bücher erst ins Feuer wirft und sie dann doch wieder herausholt, um sich abzulenken. Und natürlich ist es ein sehr gelungenes Bild, dass der "Bücherverbrenner" auch ohne Erinnerung Bücher verbrennt, um zu überleen.
Im Wachkoma sehe ich seinen Gedanken bewahrheitet, dass er durch die Wärme des Feuers nur sein Ende hinauszögert. Er ist zwar nicht tot, doch sein aktives Leben ist zu Ende, also eigentlich ein lang andauerndes Ende, von dem er alles mitbekommt.

Alles in Allem eine sehr bewegende Geschichte, jetzt weiß ich auch, dass ich mir auch für die nächsten deutlich mehr Zeit lassen werde, als man von solch einer kurzen Geschichte erwarten würde.

ginnykatze

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer
Beitrag einblenden

Ja ich muss sagen, dieser erste Abschnitt hat mich schwer beeindruckt. Da kommt ein schwer verwunderter Soldat mit letzter Kraft an ein Haus. Er schleicht rein, die Fenster sind zerschossen, drei Beinpaare hängen durch die Dachluke...Gott sei Dank, hier ist schon alles vorbei. Vor Erschöpfung und Schmerzen bricht er dann gleich bewusstlos zusammen. Er rappelt sich dann wieder auf, schaut sich um und findet Bücher, eine Treppe nach unten und dort Wein und Eingemachtes. Er setzt sich in den Sessel vom Kamin gegenüber, den er mit Büchern befeuert. Wärme...Wein und Eingemachtes, Essen...Dann versinkt er in einen fürchterlichen Traumschlaf. Schüsse, Stöhnen, Tote überall. Er erwacht, ja er lebt noch immer...Sein Wunsch ist, keine Schmerzen mehr zu haben und laut- und schmerzlos in den Tod abzugleiten...Leider geht dieser Wunsch nicht in Erfüllung, als er denkt, er steht seinem Schöpfer gegenüber, ist er gerettet worden..Er lebt, er muss weiterleben.

Wow, dass war jetzt wirklich ein absolut emotionsgeladener Anfang. Sehr gut vom Autoren geschrieben, denn ich hatte das Bild direkt vor meinen Augen, wie der Major da saß und sich den Tod wünschte.

andrea_zeige

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer

Ich geh mit den Aussagen vor mir voll mit.

Ich fand den Wandel zwischen den ersten Sätzen und Begebenheiten die doch sehr "aufregend und besonders" für den Mann waren und die Situation wo ihm die Zehen abgefallen sind, die nur noch nebenbei von ihm erwähnt bzw. beachtet wurden schon sehr extrem (ach da sind sie halt ab), aber so ist nun mal sein gedanklicher Werdegang.

Mit Wachkomapatienten habe ich in meinem Beruf auch so tun. Man sagt ja immer Wachkoma ist der Selbstschutz des Körpers vor der Realität/Umwelt. Und das der Körper die Zeit nutzt um zu regenerieren (psychisch und physisch) um nach Abschluß wieder aufzuwachen. Ich finde das Thema sehr spannend wann, warum und wie ein Patienten aufwacht und ob er überhaupt.

Konnte der Mann eigentlich seine Augen bewegen als er wieder zu sich kam? Mir ist auch sofort der Begriff des Lockes-In-Syndroms eingefallen, wo der Betroffene ja völlig klar im Kopf ist, und die Augen offen hat und diese auch bewegen kann, als einzige Funktion die noch ausführbar ist. Dies kann ja auch durch psychische und/oder physische Erlebnisse verursacht werden.

WolfgangB

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer

"Der Schöpfer" ist für mich das sprachlich beeindruckendste Werk dieser Sammlung. In einer wortgewaltigen Dichte, die mich sehr an Josef Winkler erinnert reihen sich hier Assoziationen an Gedankensplitter und finden in der verbalen Form ihre Entsprechung.

Die Verwendung des Präfixes -zer (zerfroren, zerschossen, zerrauchen, zerknüllt, zerschlagen) steht für eine chaotische, aus den Fugen geraratene Welt, nichts ist, wie es sein soll, alles ist zerfallen in Orientierungslosigkeit. Der Text quillt außerdem über von Verben des Todes und des Zerfalls wie modern, enthaupten, ersticken ...

Ein beeindruckendes Symbol ist auch die Verbrennung des Brockhaus - nicht nur gemahnt es an die Bücherverbrennungen, auch das Was - nämlich das Wissen der Welt - ist signifikant.

Nachdem nun eindrucksvoll Tod und Zerstörung ins Bewußtsein des Lesers gerückt wurden, beginnt nun die Wiedergeburt des Protagonisten. Und zwar findet diese spannenderweise aus dem Wissen, aus der Literatur statt, die zuvor noch nur aufgrund des Heizwertes geschätzt wurde. Das Gedächtnis fungiert als zentraler Ort des Todes und des Neu-geboren-Werdens. Nur im Vergessen kann Vergebung gefunden werden, kann ein Neubeginn stattfinden. Gerade hier auch wieder bemerkenswert die sprachliche Form: Die Unvollständigkeit der Sätze, der hingeworfenen Gedanken repräsentiert auch den unvollständigen, erst im Neu-Werden begriffenen Menschen.

Was nun die Auflösung der Situation - der Soldat im Wachkoma - betrifft, so empfinde ich diese "Wendung" als nicht notwendig. Zwar rechtfertigt sie diese symbolische Reise durch das Erinnern und begründet die unwirkliche metaphorisch überladene Atmosphäre, aber gleichzeitig ist es gerade diese Begründung, diese vom Autor offensichtlich empfundene Notwendigkeit der Rechtfertigung, welche eben das symbolische Übermaß wieder relativiert.

Lucas_Edel

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer

Es ist sehr interessant zu sehen, wie ihr den Text interpretiert habt. Das Ende im Wachkoma dient einzig und alleine als Gegengewicht zum Titel. Bestrafung oder Flucht? Wer weiß ...

muejulia

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer

So, ich werde jetzt mal mit der Kurzgeschichte anfangen und dann später berichten wie sie mir gefiel. Tut mir Leid, dass ich da erst jetzt zu komme...

Lucas_Edel

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer
@muejulia

Kein Problem. Freut mich, wenn du da bist. :)

muejulia

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer

Die erste KG habe ich nun gelesen.
Zu Anfang musste ich mich an den Schreibstil schon sehr gewöhnen. Viele kurze Sätze, einzelne Wörter... Alles sehr direkt und ohne große Umschweife zum Punkt gekommen.
Durch diesen Schreibstil kommt die psychische Phase des Protagonisten sehr starkt zur Geltung und es fällt einem leicht dem Verfall zu folgen. Ob das Ende wirklich eine Flucht vor den eigenen Taten (siehe Nicecat) oder einfach aufgrund der schweren Verletzungen entsteht kann ich so nicht wirklich sehen. Das Ende regt einfach sehr zum Nachdenken an!

Punxie

Vor 1 Jahr

KG Schöpfer
Beitrag einblenden

Diese Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie weckt eine bedrückende Stimmung, wie ein Alptraum.
Der Protagonist kommt aus dem Krieg, überall Tote, auch in seiner Zuflucht. Und er selbst ist auch fast tot. Er verbrennt Bücher, um sich zu wärmen und den Tot, der ihm unvermeidlich erscheint, hinauszuzögern. Doch irgendwann beginnt er, sie auch zu lesen und sogar auswendig zu lernen. Er bekommt dadurch die Kraft zu Überleben.
Allerdings hat er davon nicht mehr viel, da er in einem Wachkoma ist, gefangen mit seinen Gedanken oder einer Leere. Er kann nichts vergessen und nichts wiedergutmachen. Also eher eine Bestrafung.

Neuer Beitrag