Thomas Nyström ist Halbschwede, von Beruf Neurologe und forscht am Max-Planck-Institut in München. Als seine Freundin, die Journalistin Helen Jonas, sich einige Tage nicht bei ihm meldet, fährt er besorgt zu ihr nach Hamburg, um nach dem Rechten zu sehen. Seine Vorahnung hat ihn leider nicht getrogen: Helen ist tot. Gefunden hat man sie in einer Saunakabine. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge ist sie eines natürlichen Todes gestorben – an Herzversagen. Die Polizei verbucht den Fall als abgeschlossen. Thomas jedoch fallen einige Unstimmigkeiten auf, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten.
Zusammen mit Helens jüngerer Schwester Anna stellt Thomas auf eigene Faust Nachforschungen an. Skeptisch gegenüber der Polizeiarbeit, weihen sie den ermittelnden Kommissar Geldorf nicht in ihr Vorhaben ein.
Sie finden schnell heraus, dass Helen einem Umweltskandal auf der Spur war. Haben sie die Recherchen das Leben gekostet? Bald wird ihnen klar, dass sie gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen, der bereit ist, für den Profit über Leichen zu gehen.
Hervorragend recherchiert, befasst sich der Roman mit einer Thematik, die für mich persönlich in dieser Intensität Neuland war: ökologische Katastrophen, ausgelöst durch Havarien von Öltankern. Dabei werden die zweifelhaften Machenschaften der großen Ölkonzerne, Reedereien und Zertifizierungsgesellschaften aufgedeckt und angeprangert. Ein weiteres Thema ist die Kritik an der enormen Macht großer PR-Agenturen.
Außerdem wird noch ein weiteres sehr düsteres Thema angeschnitten: der Jugoslawien-Krieg und seine Grausamkeiten.
Zu einigen Schauplätzen der Geschichte erfährt man durch Annas Leidenschaft für touristische Aktivitäten interessante Details.
Somit empfand ich das Buch als sehr lehrreich. Der Leser wird umfassend und detailreich über das Thema Tankerhavarien informiert und erfährt zudem noch einiges darüber, in welchem skandalös schlechten Zustand viele Öltanker auf den Weltmeeren unterwegs sind. Zumeist werden die Informationen in gut verdaulichen Häppchen in Dialogen und Expertengesprächen vermittelt, wobei die beiden Hauptfiguren Thomas und Anna auf dem selben Wissensstand sind wie die Leser, so dass alle Erklärungen für Laien verständlich sind.
Lukas Erler wurde für diesen Krimi nicht umsonst für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Die Geschichte ist durchgehend spannend, was vor allem dem Gefühl der permanenten Bedrohung geschuldet ist, das durch den übermächtigen Gegner entsteht und für Nervenkitzel sorgt.
Die Protagonisten und ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte hat der Autor mit großem psychologischem Geschick gezeichnet. Das Ermittlungsteam Anna und Thomas hat mir sehr gut gefallen.
Thomas ist Neurologe, kommt aber privat nur schwer mit der Alzheimer-Erkrankung seines Vaters zurecht. Ansonsten erscheint er wie ein „typischer“ Wissenschaftler, korrekt und ein wenig unauffällig. Mit Helen verbindet ihn eine etwas kuriose Beziehung. Eine feste Beziehung hat wegen des hohen Freiheitsdranges der beiden wohl nicht funktioniert, so dass sie zum Schluss nur noch eine platonische Liebe verbindet. Diese findet aber weitgehend über e-Mails statt, so dass Thomas nach einigen Tagen ohne Helens elektronische Rückmeldung sehr um sie besorgt ist.
Anna dagegen ist eine Punkerin und Autonome, die der Polizeigewalt sehr skeptisch entgegensteht. So unterscheidet sie sich in ihren Auffassungen und Moralvorstellungen einerseits deutlich von Thomas, andererseits harmonieren die beiden in menschlicher Hinsicht sehr gut miteinander. Beide verbindet die Liebe zu Helen und der Wunsch, die wahre Ursache ihres Todes aufzuklären.
Im Laufe der Handlung verändert sich Thomas drastisch; seine Hilflosigkeit und Angst bringen eine dunkle Seite in ihm zum Vorschein. Der Leser fragt sich mit Gänsehaut, wie weit er wohl zu gehen bereit ist, um seine große Liebe zu rächen. Thomas macht es zu seinem einzigen Lebensziel, Helen zu rächen und die Wahrheit über ihren Tod ans Licht zu bringen. Sein Leben und sein Wesen erfahren durch seine Erlebnisse eine Wandlung, die sich nicht mehr so schnell rückgängig machen lässt. Auch Anna entwickelt sich, wird erwachsener und legt ihre Punk-Attitüde weitgehend ab, behält aber ihre Selbstsicherheit und Schlagfertigkeit, was sie durchaus sympathisch macht, wenn sie auch zuweilen für meinen Geschmack etwas zu ungestüm und impulsiv handelt.
Das Ende hält noch einen überraschenden Twist bereit und ich war recht angetan, zumal der Autor nicht den Fehler macht, die beiden Protagonisten zu unbesiegbaren Superhelden geraten zu lassen, sondern relativ realistisch bleibt. Einige wenige offene Handlungsfäden machen neugierig auf die Folgebände des Krimis.
Fazit: „Ölspur“ ist ein spannender und gleichzeitig lehrreicher Wirtschaftskrimi über die skrupellosen Machenschaften der Reedereien und Ölkonzerne. Besonders hat mich die Zeichnung der Hauptcharaktere überzeugt. Aber auch die Art, wie die Sachinformationen vermittelt wurden, fand ich sehr gelungen. Eine Empfehlung an alle Krimi-Fans.