A127 Peking Koma von Ma Jian Kategorie: Allgemein
Spontan wüsste ich nicht zu sagen, wann ich zuletzt so viel Zeit gebraucht habe, um ein Buch durchzulesen. Das muss wohl schon ziemlich lange her sein. Einerseits mag es daran liegen, dass sich „Peking Koma“ nicht unbedingt eignet, um es zwischendurch im Zug zu lesen, so schwer und unhandlich, wie das Buch ist. Andererseits könnte man natürlich auch ein neues Fitness-Programm darauf aufbauen. Man nehme ein dickes Buch und eine Umhängtasche…
Aber natürlich hat „Peking Koma“ auch viele andere Qualitäten.
Dies ist die Geschichte von Dai Wei, einem dreiundzwanzigjährigen Studenten, der gerade dabei ist, in Peking seine Doktorarbeit zu schreiben und sich an einer aufkommenden Protestbewegung gegen das staatliche Regime beteiligt. Es ist aber auch die Geschichte des anderen Dai Wei, der nach einem Schuss in den Kopf in seinem Bett dahinvegitiert. Obwohl er keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen kann, erlebt er alles, was um ihn herum passiert, mit und vertreibt sich die Zeit, indem er sich die Ereignisse vor dem fatalen Schuss wider ins Gedächtnis ruft.
So erlebt man einige Jahre chinesischer Geschichte mit: Von den Anfängen der sog. Kulturrevolution, die zum Tod vieler Menschen führte, bis hin zu den Studentenprotesten im Jahre 1989, die von der Regierung brutal niedergeschlagen wurden und zu einer zunehmenden Wandlung des Landes zum Kapitalismus.
Einen großen Teil der Erzählung nehmen die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz im Jahre 1989 statt. Dai Wei erinnert sich an die Ereignisse, die zur Gründung der Studentenbewegung führten, die mehr Freiheit für das chinesische Volk forderte und wie sie sich zu einer unglaublichen Massenbewegung ausweitete. Unterbrochen wird diese Erzählung immer wieder von kurzen Episoden aus Dai Weis momentanem Leben – er selbst befindet sich im Koma und muss miterleben, wie seine Mutter mehr und mehr am Zustand ihres Sohnes und am Leben in China verzweifelt…beide dieser Erzählebenen scheinen auf ein unweigerliches Ende zuzusteuern, das der Leser mehr und mehr vorausahnen kann.
„Peking Koma“ umfasst jedoch noch allerhand mehr Ereignisse, die hier wiederzugeben ein wenig länger dauern würde…
Mit seinen über 900 Seiten ist dieses Buch wirklich sehr dick, dennoch hat man nicht das Gefühl, dass auch nur eine seiner vielen Seiten überflüssig wäre. Ma Jian bedient sich einer klaren, manchmal jedoch beinah poetisch wirkenden Sprache und schafft es meisterlich, die beiden Erzählzeiten des Buches miteinander zu verstricken. Er erzählt sowohl eine ganz persönliche Geschichte, die den Leser mitzureißen weiß, als auch die einer ganzen Generation Chinas, die das Land fortwährend geprägt hat.
Man merkt, dass er die damaligen Ereignisse rund um die Studentenproteste teilweise selbst miterlebt hat, denn die Erzählung wirkt beinahe so authentisch und historisch glaubwürdig wie ein wissenschaftliches Werk, ohne dabei jedoch trocken oder langweilig zu sein. Die Namen mancher, damals wirklich an den Protesten beteiligten Personen wurden für den Roman geringfügig abgeändert, ohne dass es der Glaubwürdigkeit des Buches auch nur im geringsten schaden würde.
Wer etwas über die neuere Geschichte Chinas erfahren will, sollte getrost zu diesem Buch greifen. Es unterhält nicht nur durch eine tolle Sprache, sondern überzeugt durch eine exzellente Aufarbeitung der Ereignisse rund um das Tiananmen-Massker, ist dabei mitreißend, poetisch und versteht es nicht nur gelegentlich, den Leser durch seinen brutalen Realismus zu bedrücken.
Ein vielseitiges, exzellent geschriebenes und beeindruckendes Buch über ein furchtbares Verbrechen, das hoffentlich nie in Vergessenheit gerät. Heutzutage kann man sich wohl glücklich schätzen, dass Studenten in Europa auf die Straße gehen und demonstrieren können, ohne befürchten zu müssen, dass eine Protestbewegung zu enden könnte (auch wenn manche Hochschulleitungen frecherweise von der Polizei Gebrauch machen, um besetzte Hörsäle räumen zu lassen…).
Ich kann für dieses Buch nur eine absolute Empfehlung aussprechen.