Rezension zu "41 Rue Loubert" von Mara Ferr

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Nivija

Vor 10 Monaten

(52)

Mara Ferr »41 Rue Loubert»

Rezension:

Ein altes, aber gepflegtes Haus in der Rue Loubert mitten im Herzen der Weltmetropole Paris ist Lebens-und Arbeitsplatz von Louise. Beim Betreten ihrer Wohnung im ersten Stock nimmt man die Großzügigkeit und Atmosphäre eines Ateliers wahr, es vermittelt Stil, Luxus und Interesse an den schönen Künsten. Wenn man jetzt mutmaßt, die ältere Dame sei möglicherweise Malerin, Fotografin oder freischaffende Innenarchitektin, hat man sich grundtief täuschen lassen.

Louise betreibt in diesen alten Gemäuern eine der exklusivsten Lasterhöhlen von Paris, zugänglich nur einem eingeschränkten Kreis von 20 elitären Herren der Oberklasse. Hier bedient und befriedigt sie nun schon fast 40 Jahre, seit sie zufällig vor dem schmiedeeisernen Tor der Rue Loubert aus einem LKW geworfen wurde, die ausgefallen und abartigsten sexuellen Vorlieben dieser scheinbar ehrenwerten und biederen Herren, mit nicht wenig Einfluss in hohen Ämtern. Zu ihren Kunden gehört auch der alte Hendrik, ein reicher und angesehener Geschäftsmann, der aber seinen Platz in Louise‘s Reigen vor einigen Jahren an seinen stark körperlich und geistig behinderten Sohn Luc abgetreten hat. Seitdem besucht Luc jeden Donnerstag Louise und für ihn ist es der Höhepunkt seiner Woche … im doppelten Sinne.

Nur noch ein halbes Jahr möchte Louise ihren anstrengenden Job ausüben, denn es wird Zeit ihren wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Sie sehnt sich nach Sonne, Erholung und mehr Zeit für ihre Hobbies, wie z. B. der Töpferei. Alles ist schon geplant, die finanzielle Grundlage hat sie sich im Laufe der Jahre hart erarbeitet und nun ist das Ziel greifbar nah! Im Dezember wird sie 60 und dann wird sie sich von allem trennen! Sie wird dieses Haus, Paris und sogar ihre beiden Freundinnen Alette und Marta zurücklassen.

Doch genau zur gleichen Zeit gerät sie in‘s Visier die Gendamerie. 18 angesehene und einflußreiche Männer werden seit Monaten vermißt. Die Ermittlungen laufen schon längere Zeit und führen immer wieder zur Edelhure. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie mit dem Verschwinden zu tun habe könnte und der junge Sergeant Marcel wittert seine Chance auf die ganz große Karrierechance, wenn er den Fall löst. Außerdem sagt ihm sein Instinkt, dass vieles an Louise zu offensichtlich, zu perfekt wirkt, als das er dem trauen sollte. Nachdem eine erste Befragung und Konfrontation zu einer Niederlage seinerseits verkommt, beginnt er kurz darauf auf eigene Faust zu ermitteln. Er bricht auf zu einer Reise in die Vergangenheit, zurück zu den Wurzeln von Louise Leben, denn über 4 Jahrzehnte sind vergangen seit sie damals nach Paris kam.
Was er bei der Recherche vor Ort erfährt und welche schockierenden Geheimnisse an‘s Licht kommen, lassen nur noch eine Schlußfolgerung zu: Er muss und wird Louise höchstpersönlich mit den sprichwörtlichen „Leichen in ihrem Keller“ bloßstellen und hofft sie dadurch in die Enge zu treiben und der Taten zu überführen. Ob er sich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnt und die offenkundigen Beziehungen von Louise unterschätzt?!

Mein Fazit:

Zu diesem Krimi kam ich ganz zufällig, denn nach Anfrage der Autorin zu Rezensionszwecken, habe ich mir den Klappentext angesehen und meine Neugierde war geweckt. Ein Buch angesiedelt im Rotlich-Milieu, das noch dazu Spannung pur versprach, habe ich so noch nicht gelesen. Nachdem ich das Buch jetzt fertig habe, bin ich echt froh, dass ich dieses Rezensionsexemplar bekommen habe.
Der Debütroman von Mara Ferr wurde im handlichen Format eines Taschenbuchs verlegt und das Titelbild präsentiert augenscheinlich die fiktive 41 Rue Loubert. Somit ist der Hauptschauplatz der Handlung, das Haus, auch sofort optisch Dreh-und Angelpunkt.
Nach den ersten Zeilen des Prologs, war ich etwas verwirrt, denn es las sich wie das Ende eines Buches. Doch wie sich später herausstellen sollte, war es der Beginn und das Ende, bestehend aus dem gleichen Passus.

Die Struktur der Handlung ist recht simpel und in der Gegenwart gehalten, denn man begleitet Louise eine Woche lang in ihrem Leben, von Donnerstag bis Donnerstag. Der Wechsel der Tage wird jeweils angezeigt und jeder Wochentag untergliedert sich widerum in meist recht kurze und daher angenehm zu lesende Kapitel, in denen ich die Handlung aus Sicht und mit Gedanken verschiedener Protagonisten begleiten durfte. Teilweise waren diese Blickwinkel überlappend, d.h. man erfuhr in 2-4 aufeinanderfolgenden Kapiteln die Sichtweisen von 2 oder mehr Personen zu einer einzigen (zeitgleichen) Szene. Das fand ich sehr raffiniert und äußerst effektiv geschrieben, um unterschiedliche Perspektiven zu erlangen und die Handlung voranzutreiben.

Die Schreibweise zeichnet sich durch einen flüssigen und auf die verschiedenen Charaktere/Persönlichkeiten ausgearbeiteten Stil aus, der auch um einen anspruchsvollen Satzbau keinen Bogen machte. Allerdings habe ich das eine oder andere Wort gefunden, dass mir nicht geläufig war und mich etwas stutzen ließ. Aber das tat dem Lesefluß an sich keinen Abbruch.

Die Handlung wird von der starken, sympathischen, aber auch mutiplen Persönlichkeit Louise getragen und von einer handvoll weiterer divergierender Charaktere unterstützt, die allesamt trotzdem EINE Gemeinsamkeit verbindet. Sie bewegen sich im Lebens- und Arbeits Umfeld von Louise und haben das innige Verlangen nach Befriedigung in unterschiedlichster Hinsicht. Zudem treten noch mehrere Statisten in Erscheinung, die mit ihren eigenen Lebensgeschichten Einfluß auf die Handlung nehmen.

Zur Erwartung an die Handlung…

Da wurde meine Vorstellung einzutauchen in ein Rotlichtviertel oder den Straßenstrich, Szenen die man sofort zum Thema Prostitution vor Augen hat, enttäuscht.
Aber positiv!
Denn die Welt, in die uns Mara Ferr einlädt, ist viel eleganter und liegt abseits von Schmuddelvierteln mit Zuhältern. Sie hat mit Louise, der 60-jährigen Edelhure, eine einfühlsame, dominante und sehr eitle Persönlichkeit erschaffen, der es gelang, durch Distanz in ihrer Persönlichkeit eine anziehende Nähe zu schaffen. Sie gewährt uns delikate Einblicke in ihr profesionelles Treiben im ältesten Gewerbe der Welt, aber niemals wurde es eklig, niveaulos oder obzön. Ein bunter Reigen an Abhängigkeiten wird aufgezeigt, „aufrichtige Lügen“ werden aufgetischt und schicksalhafte Begegnungen durfte ich auf während meines Aufenthalts in der "41 Rue Loubert" erleben. Bis zum Ende wird eine perfekte Maskerade der Zweigleisigkeit aufrecht zu erhalten, die in ihrer Komplexität beeindruckend war! Ein perfider (Lebens)Plan wurde vor UND mit ahnungslosen Menschen inszeniert. Es war sehr spannend die Abgründe aufzudecken und verborgene „Leichen im Keller“ auszugraben.
Der Roman eröffnet uns die Möglichkeit, einen kurzen Blick hinter die Kulissen einer für die meisten von uns unzugänglichen Grauzone unserer Gesellschaft zu werfen, und hat aufgrund dieser Thematik schon enorme Anziehungskraft.

Kurz gesagt:
Einen Abstecher in die "41 Rue Loubert" zu machen, lohnt sich für Leser die ein spannendes, unterhaltsames und frivol-knisterndes Buch suchen! Als Leser wird man mit einem bunten Cocktail menschlicher Sehnsüchte, Begierden, Abhängigkeiten und Freuden konfrontiert, die wohldosiert und zusätzlich gewürzt mit jeder Menge Ablenkungsmanöver und interessanter Figuren in ein stilvolles erotisches Ambiente eingebettet wurden.
Ein gelungener Krimi den ich gern und mit Begeisterung weiter empfehlen kann. Gern hätte ich Louise noch weiter begleitet…...

Autor: Mara Ferr
Buch: 41 Rue Loubert
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