"Die Dunkelheit ist nicht das Ende, sie ist erst der Anfang"
Interessant, vielversprechend und verlockend klingen diese Worte für denjenigen, der die Rückseite des Debütromans von Mark Lawrence genauer betrachtet. "Prinz der Dunkelheit", im Original "Prince of Thorns" (~ Prinz der Dornen), nennt sich seine düstere Geschichte um den jungen Jorg. "Dieses Buch verschlingt Sie mit Haut und Haaren!", so spricht Robin Hobb über 381 bedruckte Seiten, bekannt u.a. durch ihre unglaublich faszinierende Geschichte um Fitz den Weitseher oder die Lebensschiffe, wenngleich diese Werke mehr Ruhe ausstrahlen als das vorliegende und ein Vergleich der Autoren demnach weniger sinnvoll erscheint.
Kronprinz Jorg erzählt uns seine Geschichte, wirft den Leser dabei jedoch gleich am Anfang ins kalte Wasser, lässt ihn im Dunklen stehen. Ja, "sie ist erst der Anfang", diese Aussage scheint sich gleich zu Beginn zu bewahrheiten. Hat man jedoch die ersten wenigen Kapitel verinnerlicht, nimmt die Geschichte immer mehr Gestalt an und die einzelnen Fragmente finden stets neue Verbindungslinien. Dabei spult Jorg mitten unter der Haupthandlung der Gegenwart des Öfteren in die Vergangenheit zurück, 4 Jahre um genau zu sein, als er noch 10 Jahre alt war. Denn damals begann der bereits erwähnte "Anfang". Gefangen in einem Dornengestrüpp, gelähmt von Angst, muss Jorg mit ansehen, wie seine Mutter und sein Bruder ermordet werden. Kurze Zeit später erfährt er, dass sein Herr Vater, König des Reiches, den Tod seiner Frau und eines seiner Söhne ungestraft lassen will. Nunja, er fordert zumindest ein paar Golddukaten und Handelsmöglichkeiten am Fluss. Jorg hingegen ist seit dem Unfall besessen von dem Ziel, den Verantwortlichen - Graf Renar - zur Strecke zu bringen. Dies ist der Grund, warum er eine Gruppe Inhaftierter Räuber und Halunken befreit und um sich schart, 4 Jahre lang plündernd durch die Länder zieht, um sich schließlich doch eines Tages wieder seinem Vater zu zeigen. In dessen Auftrag zieht er dann weiter, um einen Feind seines Erzeugers in die Knie zu zwingen, stößt dabei jedoch auf eine neue Art Feind. Und Freund. Und muss letztendlich die Erfahrung machen, dass nicht nur er selbst ein herzloser Mensch ist. Ob er Rache nehmen wird oder wie diese aussieht, das soll jeder Leser bitte selbst herausfinden. Nur eines kann ich sagen, oder vielmehr Jorg:"Mit zwanzig werde ich Kaiser sein." (S. 380)
Dem Buch gebe ich insgesamt 4 Sternchen. Obwohl die Handlung simpel, fast schon ein wenig plump wirkt (Junge will Rache, zieht umher, bekämpft böse Menschen, etc. etc.), und auch das sprachliche Level größtenteils keine hohen Anforderungen stellt, konnte mich Mark Lawrence doch sehr überzeugen. Oft las ich von einem "brutalen, gewaltätigen" Buch in anderen Rezensionen. Meiner Meinung nach geschehen diese blutigen, bösartigen Taten jedoch in solch geringem Ausmaß, dass ich dieser Aussage nur bedingt zustimmen kann. Denn "brutal" ist es dennoch, allerdings vor allem in Bezug auf Jorgs Innenleben.
Im stolzen Alter von 10 Jahren macht er sich mit einer Gruppe erwachsener, grober Männer auf den Weg ins Nirgendwo. Oft fragte ich mich: Wie schafft er das? Woher kommt sein Respekt? Sein treuer Begleiter Makin spricht diese Gedanken sogar einmal aus:
"Manchmal machst du selbst mir was vor, so gut bist du, Jorg."
"Und worin bin ich so gut?"
"Darin, in in Rolle zu schlüpfen. Mit deiner Intuition fehlende Jahre zu ersetzen. Mangelnde Erfahrung mit Einfallsreichtum wettzumachen."
"Du glaubst, ich müsste alt sein, um mit einem alten Kopf zu denken?"
"Ich glaube, du müsstest länger gelebt haben, um das Herz eines Mannes wirklich zu verstehen. Du müsstest mehr Geschäfte in deinem Leben gemacht haben, um den Wert des Geldes, das du so unbekümmert ausgibst, besser zu schätzen." (Seite 283)
Er ist jung, roh, grob, keineswegs jungenhaft. Ein kleiner Schlächter, wenn man so will. Geführt von seinem Zorn, angespornt vom Ziel der Rache. Oft fühlt er die kleinen Dornen in sich. Wie sie an ihm ziehen. Ihn aufschneiden. Doch was machen sie? Halten sie ihn zurück? Sind sie seine Angst? Oder stacheln sie ihn an?
Aus psychologischer Sicht empfand ich den Roman sehr interessant, Jorgs Gedanken, Äußerungen, Handlungen werden enorm gut vermittelt. Auch wenn das "in Jorg Hineinversetzen" nicht unbedingt möglich ist (wer hat schon als Zehnjähriger andere Menschen abgeschlachtet?) werden seine Beweggründe doch sehr anschaulich gestaltet. Häufig musste ich mich fragen, wem sein Hass wirklich gilt. Graf Renar, dem Mörder? Seinem Vater, der nichts unternahm? Ihm selbst, weil er zu schwach war?
Und obwohl Jorg oftmals emotional abgestumpft erscheint, tauchen doch zahlreiche Stellen auf, in denen ein Funken Hoffnug auf Liebe zu erkennen möglich sind.
"Ich versuchte mir vorzustellen, wie er ungläubig den Kopf schüttelte. Oder wie er lächelte, aufstand und mir die Hand auf die Schulter legte. Ich versuchte zu hören, wie er mich lobte und Sohn nannte. Doch meine Augen wurden blind, und die Worte, die mein Vater sprach, waren so leise, dass ich sie nicht verstand." (S. 297)
Was mich ebenfalls begeistern konnte, war Jorgs Sicht der Welt. Und sich selbst. Er kennt sich. Er weiß, was er tut. Er ist kein "durchgeknallter Irrer", der Massenmorde begeht. Er wird bewegt. Und er bewegt. Auf eine sehr bizarre Art und Weise. Und er zeigt uns, den Lesern, wie die Welt in einzelnen Bereichen aussieht.
"Wir wickeln unsere brutale und rätselhafte Welt in den Schein von Verstehen. Wir übertünchen die Löcher in unserem Verständnis mit Wissenschaft oder Religion und geben vor, dass Ordnung geschaffen wurde. Oft funktioniert diese Illusion. Wir gleiten über Oberflächen, ungeacht der Tiefen darunter. Wir sind wie Libellen, die über einem meilentiefen See schwirren und kurvenreiche Wege fliegen, ohne Ziel und Sinn. Bis etwas aus den kalten Tiefen kommt und nach uns greift.
Die größten Lügen bewahren wir für uns selbst auf. Wir spielen ein Spiel, in dem wir die Götter sind, in dem wir die Wahl treffen und die Strömung uns folgt. Wir geben vor, von der Wildnis getrennt zu sein. Wir geben vor, dass die Kontrolle des Menschen tief reicht, dass die Zivilisation mehr ist als nur ein dünner Anstrich auf der Barbarei und uns die Vernunft an dunklen Orten begleitet." (S. 313)
Und einer Aussage Jorgs kann ich ebenfalls zustimmen:
"Wie seltsam: Je tiefer das Loch, desto mehr zieht es den Menschen an. Die Faszination, die auf der schärfsten Schneide lebt und an ihrer Spitze funkelt, wartet auch im tiefen Fall." (S. 227)
Einen Punkt muss ich dem Buch leider abziehen, da es in seiner Gesamtbetrachtung ein wenig an eine schlampig mit Mörtel bearbeitete Wand erinnert. Irgendwo sind ein paar Löcher. Ob diese nun wirklich negativ sind, darf jeder für sich entscheiden.
Empfehlenswert ist der Roman auf alle Fälle.
Angenehm, wenn ein Roman einen auch nach der Lektüre noch beschäftigen kann.