(Rezension von Feder)
Sia ist die letzte Ihrer Art: eine Vampirin aus dem Geschlecht „der Kinder des Judas“, unsterblich und mächtig. Ein Umstand, der dazu führt, dass immer wieder dunkle Gestalten in ihrem Leben auftauchen, um sie entweder auf ihre Seite zu ziehen oder – was wesentlich häufiger der Fall ist – sie auszuschalten.
Doch dieses letzte Mal haben die Widersacher einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie haben sich Sias Nachkommen Emma und Elena bemächtigt, in der Hoffnung sie dadurch für ihre Zwecke einspannen zu können.
Doch wie so häufig in der Geschichte haben ihre Auftraggeber die Rache und Entschlossenheit unterschätzt, mit der eine Frau die Häscher ihrer Familie heimsuchen kann, vor allem eine Frau wie Sia.
Während sie zum Schein die Unterwürfige spielt und dem Auftrag der Sídhe folgend ihre Reise nach Irland antritt, sinnt sie nach einem Plan, diese aus der Reserve zu locken und sie für ihre Dreistigkeit bezahlen zu lassen. Dabei ist sie allerdings nicht allein, denn ein früherer Bekannter, Eric von Kastell, ein gleichsam verführerischer wie gefährlicher Mann, schließt sich ihrem Auftrag an.
Aber wird es den beiden gelingen, den Entführern ein Schnippchen zu schlagen und Elena und Emma rechtzeitig zu befreien oder erwartet die beiden ein Schicksal weit schlimmer als der Tod?
Als vollkommener Neuling im Markus-Heitz-Universum war ich wirklich gespannt, was mich in „Judastöchter“ erwarten würde und ob ich der Geschichte – immerhin ist es der letzte Teil der Reihe – problemlos folgen könnte. Und ich war mehr als positiv überrascht. Nicht nur, dass es mir auch ohne Vorkenntnis der Vorgängerbände keinerlei Schwierigkeiten gemacht hat, der Handlung zu folgen – sieht man von ein paar wirklich nebensächlichen Bezügen auf frühere Handlungen ab –, nein, auch die ganze Geschichte hat mich mit ihren zahlreichen Wendungen überrascht und mich zu einem Fan von Sia und ihren Freunden werden lassen.
Aber der Reihe nach: Die Action beginnt schon auf den ersten Seiten und lässt keine Zeit für Langeweile oder ein seichtes Eingewöhnen. Man steckt mitten drin in den Geschehnissen, die schon bald das Leben der Protagonistin gehörig auf den Kopf stellen sollen. Ein Zustand, der sich auch bis zur letzten Seite nicht mehr ändern wird, denn obgleich einige erklärende Passagen auf den Leser warten – einfach um das nötige Vor- und Hintergrundwissen präsentiert zu bekommen – wird es keinen Moment langweilig, was nicht zuletzt dem wirklich gefälligen Stil des Autoren zu verdanken ist. Er schreibt fließend und kleidet die Handlung in so griffige Worte, dass der Leser gar nicht anders kann, als in die Geschichte einzutauchen und sich von den Schilderungen mitreißen zu lassen. Dabei erscheint die Geschichte einerseits unvorhersehbar, andererseits aber bis ins kleinste Detail durchgeplant. Nichts scheint zufällig zu geschehen und doch fiel es mir unglaublich schwer zu durchschauen, wo die Handlung enden würde – und das bis zur allerletzten Seite.
Aber auch die Charaktere tragen entscheidend zum großen Potential der Geschichte bei. Als Leser merkt man ihnen an, dass sie mit großer Sorgfalt konzipiert wurden und nicht schablonenhaft oder vorhersehbar wirken. Sie sind erfrischend abwechslungsreich und dennoch perfekt aufeinander abgestimmt, was allein die Interaktion zwischen den Charakteren unglaublich unterhaltsam gestaltet.
Allen voran sind natürlich Sia und Eric als die beiden zentralen Figuren von „Judastöchter“ zu nennen, die trotz ihrer Dämonen auf der Seite des Guten stehen und vor nichts und niemandem zurückschrecken würden, um diejenigen, die sie lieben, zu retten. Vor allem Sia, die schon Jahrhunderte überlebt hat und ein beeindruckendes Repertoire an Fähigkeiten und Wissen aufzuweisen hat, weiß immer wieder durch Charakterzüge zu überraschen, die ich so an ihr nicht erwartet hätte.
Mein liebster Charakter ist aber Justine – Erics französische Halbschwester –, die mit ihrer scharfen Zunge und ihrem Hang zu dramatischen Auftritten für so manchen Lacher gesorgt hat.
Aber auch Wilson, der Butler, oder die kleine Elena sind sehr liebenswerte Charaktere, die auf ihre Art das Geschehen bereichern.
Aber nicht nur die „Guten“ sind in „Judastöchter“ wirklich gelungen. Auch die vielen größeren und kleineren Gegenspieler sind nahezu perfekt ins Geschehen integriert.
Generell fand ich diese „neue“ Facette in den schier endlosen Reihen der Vampirromane sehr interessant. Vor allem die Tatsache, dass sich der Autor an alten Sagen und Volksmythen orientiert hat, gab der ganzen Geschichte um die unterschiedlichen Vampirarten und Wandlerrassen eine für mich sehr ansprechende Komponente.
Am besten hat mir jedoch gefallen, wie unvorhergesehen die Geschichte aufgebaut war. Viele Fragen wurden aufgeworfen und nur spärlich beantwortet. Teilweise wurde ich als Leser aber auch ganz im Dunkeln gelassen, was für viel Stoff zum Nachdenken über das Lesen der Lektüre hinaus gesorgt hat.
„Judastöchter“ ist ein großartiges Buch, das mit seiner gefälligen Sprache und viel knallharter Action zu begeistern weiß. Ein „Vampirthriller“, der diesen Namen auch wirklich verdient. Wer kein zu sanftes Gemüt hat, dem kann ich die Lektüre von „Judastöchter“ nur wärmstens ans Herz legen.