Leser-Rezension zu „Wilde Hunde” von Markus Zusak
am 30.08.2011
Eindringlich und fesselnd erzählt Zusak uns eine Geschichte von zwei Brüdern auf dem Weg des Erwachsenwerdens.
Ruben und Cameron Wolfe sind mehr als Brüder, sie sind Freunde. Wie Wölfe (oder wilde Hunde) streifen sie durch die Straßen der Stadt. Cameron ist hungrig. Hungrig auf Antworten, auf eine Chance und auf die Liebe. Während Ruben sich das nimmt, wonach ihm gelüstet, steht Cameron daneben und träumt davon. Wolfe-Brüder, wie sie unterschiedlicher und gleichzeitig ähnlicher nicht sein könnten. Zwei Überlebenskünstler, die ihr Leben entdecken. Wilde Hunde vereint die beiden Bände der Wolfe-Brüder: Vorstadt-Fighter und When Dogs Cry.
Im Leben der Beiden läuft einiges schief: der Vater durch einen Unfall ohne Aufträge, die Schwester abgedriftet in Alkoholexzesse. Doch dann wird Schwester Sarah beleidigt und Ruben dreht durch - der Einstieg in illegale nächtliche Boxkämpfe. Fünfzig Doller für einen Sieg oder das „Fan“-Geld bei Niederlage. Ruben und Cameron steigen ein, für ein paar Doller, für ihren Stolz, um Antworten zu finden und füreinander. Bis sie zu Gegnern werden - im Ring und in der Liebe.
Zusaks Sprache beeindruckt von der ersten Zeile an. Knapp. Direkt. Bildreich. Er spielt mit Worten, jongliert und webt eine Geschichte. Jedes Wort ein Treffer, jede Zeile mit Biss. Am Ende hält man ein Buch in den Händen, in dem jeder Satz passt. Zusak fügt sich der Echtheit der Charaktere und überzeugt mit einer Sprache, die den Leser glauben lässt, er stehe genau daneben und würde die beiden Wolfe-Brüder belauschen. Dialoglastig schubst Zusak uns in eine Geschichte vom Verlieren und Siegen. Vom sich selbst finden und sich selbst besiegen.
Zwei Brüder, die in alles andere als Luxus aufwachsen und dennoch ihren Weg finden, ist nicht neu. Auch das beste Freunde auf einmal zu Rivalen werden, gab es schon oder dass sich ein Mädchen dazwischen drängt. Es ist eine Idee, die man vielleicht schon kennt. Und dennoch oder gerade deswegen überzeugt die Umsetzung von Anfang an. Die Nähe zum Protagonisten ohne jegliche Verheimlichung macht aus einer schon dagewesenen Idee ein Schmankerl.
Markus Zusak setzt dem im zweiten Teil noch ein Krönchen drauf, als Cameron das Schreiben entdeckt und uns tiefer in seine Gedankenwelt hinein bittet.
Cameron erzählt uns seine Geschichte, lässt uns in seinen Kopf blicken und gibt alles preis. Er lebt ziellos in den Tag hinein, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert. Er ist nicht der Gewinnertyp wie sein Bruder Ruben, hat kein klares Ziel vor Augen wie sein Bruder Steve, sondern lässt alles auf sich zukommen. Er weiß nicht wohin mit sich und nicht wozu. Still und eher zurückgezogen sucht er dennoch nach Antworten, streift durch die Straßen, um sie zu finden. Sein größter Halt ist sein Bruder, der ewige Gewinner zu dem er aufsieht. Vielleicht ist das seine größte Stärke, die ihn immer wieder aufstehen lässt. Nicht nur im Ring, sondern im wahren Leben. Und dann entdeckt er das Schreiben. Etwas, das nur ihm gehört und in ihm etwas weckt: den Hunger auf Leben. Er handelt nicht mehr einfach nur, weil was getan werden muss oder er irgendwo mitläuft. Er handelt, weil er von innen heraus handeln muss. Das Schreiben macht ihn hungrig, und wie er und der Hund in seiner Geschichte sich auf die Suche machen, macht Cameron sich selbst auf die Suche nach seinem eigenen Ich.
Ruben ist im Gegensatz zu seinem kleineren Bruder der ewige Sieger. Er gewinnt sie alle: die Mädels, die Kämpfe, sogar die Lehrstelle, trotz mieser Noten. Doch die ganze Zeit über nagt etwas an ihm. Er sieht seine Familie, sieht, wie sie kämpfen, und fragt sich, ob er - als ewiger Sieger - überhaupt fähig wäre zu kämpfen. Ein Kämpfer kann ein Sieger sein, aber das macht aus einem Sieger noch keinen Kämpfer (S. 136). Erst als er zusammengeschlagen wird und Cameron ihn zum Aufstehen ermutigt, erkennt er, dass er ein Wolfe ist: ein Kämpfer!
Das Cover ist unspektakulär und schlicht. Ich mag das. Auch der Zusammenhang zur Geschichte wird geknüpft, wenn Cameron und Ruben in den Morgenstunden joggen gehen.
Beim Rückentext bin ich zwiegespalten. Ich mag keine Textstellen auf dem Buchrücken. Erst recht nicht, wenn sie wie diese Stelle so viel verraten. Nichtsdestotrotz muss ich aber ehrlich zugeben, dass dieses Zitat wunderbar gewählt ist. Es spiegelt den Zusammenhalt der Wolfe-Brüder, die Stärke Camerons und seine Art zu kämpfen.
(C. Funkes Aussage über seine Sprache kann ich übrigens nur bestätigen!)
Markus Zusak entführt uns in eine Vorstadt und in eine Gedankenwelt aus Poesie und Straßensprache. In eine Geschichte, in der es ums Erwachsen werden geht, um die erste Liebe und versteckt eine Botschaft geschickt zwischen den Zeilen: Steh auf, und mach was! Mach was aus deinem Leben, denn es liegt in deinen Händen. Inmitten einer Welt aus Schmutz und Geldnot steht ein Batzen Hoffnung, der es am Ende schafft. Weil er hungrig wird.
(c) Kristin

