Leser-Rezension zu „morire in levitate” von Marlene Streeruwitz
am 9.10.2009
Marlene Streeruwitz ist eine Könnerin im Umgang mit Worten, wenngleich sich dies (zumindest mir) erst nach etwa drei Dutzend Seiten erschließt - bei jedem Ihrer Bücher aufs Neue. Elliptische Satzkonstruktionen, immer wieder der Verzischt auf das erklärende Verb, nie mehr als eine Hand voll Worte in einem Satz und dann ein Punkt. Eine Pause, ein angebliches Atemholen um gleich festzustellen, dass der nächste kleine, schwere Satz doch eigentlich noch Teil des eben beendeten war, dass da ein Punkt ist wo ein Komma zu stehen hätte, wenn unsere Vorstellung von logischer Konstruktion einer Geschichte Erfüllung würde finden sollen. Ein schweres Buch trotz seiner Knappheit in Sprache und Umfang - nicht nur was die Lesart betrifft.
Später Herbst, Wind eisig darum greift sie den Mantel minütlich enger, den Schal, sich. Die Kälte von außen wirft sie in ihren Körper zurück, den älter werdenden, möglicherweise schon sterbenden, zerbrechlichen - die Kälte lieben, weil sie uns in uns scheucht, Auseinandersetzung verlangt, erzwingt. Herbstspaziergang also auch in sich, Bestandsaufnahme. Mit dem Alter kommt die Schuld, scheint es, kommen die Fragezeichen, kommt neben der Nazivergangenheit des Großvaters die Infragestellung des Eigenen, die schlichte Anamnese des Umgangs mit dem, was immer schon schmerzte in der Brust. Es wird kälter, der Schritt schneller, der Weg nicht kürzer - Geraldine wird wahrscheinlich nirgends mehr ankommen, denn obwohl es mit Nichten um die Liebe geht in diesem Buch, geht es um ein gebrochenes Herz und die viel zu späte Einsicht in die Notwendigkeit einer Reparatur.
Streeruwitzens Stakkato-Stil kann nerven, ist sicherlich nicht rundheraus empfehlenswert, ist aber ihre Sprache und Art und sagt sehr deutlich: ich schreibe für mich, friss oder stirb, mein Werk steht. Das mag ich an ihr.

